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Althaus-Rückkehr: Fürs erste der Alte

Aus Rudolstadt berichtet

Konzentriert, präzise, kenntnisreich - Thüringens Ministerpräsident Althaus hat bei seiner Rückkehr ins politische Geschäft viele Skeptiker zunächst einmal überzeugt. Ob er allerdings wirklich der Alte ist, wird erst der Wahlkampf zeigen.

Rudolstadt/Erfurt - "Viele Menschen erleben immer wieder, wie zerbrechlich das Leben sein kann", sagt Pfarrer Christian Sparsbrod. Er schaut dabei nicht zu dem schlanken Herrn im dunkelblauen Dreiteiler, der in der ersten Reihe lauscht. Dann fährt der evangelische Geistliche fort: "Aber immer gibt es doch Heilung." Auch jetzt blickt Sparsbrod nicht zu Dieter Althaus. Warum auch, es sind allgemeine Worte des Seelsorgers zum Wesen von Krankheit und Genesung.

Thüringens Ministerpräsident Althaus: "Auf Vergebung angewiesen"
DPA

Thüringens Ministerpräsident Althaus: "Auf Vergebung angewiesen"

Dabei hat wohl keiner der Gäste, Mitarbeiter und Journalisten im Eingangsbereich der neuerbauten Rudolstädter Klinik so unmittelbar erfahren, wie es sich anfühlt, wenn das eigene Leben zu zerbrechen droht. Wie mühsam ein Heilungsprozess sein kann. 110 Tage nach seinem schweren Skiunfall sitzt der 50-jährige Ministerpräsident Thüringens in dem sonnengefluteten Atrium - und eröffnet ein Krankenhaus.

Es ist die erste Amtshandlung des CDU-Landesvorsitzenden. Aber er tut alles, um den Eindruck zu widerlegen, dies sei von Bedeutung. "Am 5. Januar kamen Genesungswünsche verbunden mit dieser Einladung", sagt Althaus später. Die Zusage sei lange gemacht gewesen - der Zeitpunkt also nichts als Zufall.

Nichts soll an diesem Montag symbolisch verstanden werden. Genauso wenig will Dieter Althaus am Tag seines Politik-Comebacks Gefühle transportieren, das ist schon am Morgen bei der Pressekonferenz in der Erfurter Staatskanzlei zu erleben. Die Botschaft des Regierungschefs lautet: Ich bin wieder fit - und jetzt wird angepackt.

Keine drei Minuten spricht er im prächtigen Barocksaal der Regierungszentrale über die vergangenen vier Monate. Natürlich hat ihn die Zeit seit dem 1. Januar geprägt, als Althaus beim Skifahren in Österreich Beata C. tödlich verletzte und den von ihm verschuldeten Unfall nur knapp überlebte. "Das hat mein Leben (...) verändert", sagt der CDU-Politiker. Er habe erlebt, "dass man auf Vergebung angewiesen ist" und spricht nochmals von seiner Schuld und Verantwortung. Althaus liest diese Sätze vom Blatt, mit ruhiger, monotoner Stimme. Manchem ist das zu wenig. "Kalt wie eine Hundeschnauze". So beschreibt ein Erfurter Bürger den Auftritt, der von mehreren Fernsehsendern übertragen wurde.

Man kann das als kalt verstehen. Man kann es Dieter Althaus aber auch als Versuch zugestehen, wieder in ein normales Politikerleben zurückzukehren: Beinahe ohne Pause springt der CDU-Politiker von seinen privaten Reflektionen in die Weltwirtschaftskrise - und wie sie Thüringen berührt. Nun spricht er frei: Über die Probleme der Automobilzulieferer im Freistaat, die Möglichkeiten aus dem Konjunkturpaket II. Lobt das "Thüringen-Kapital", streift "revolvierende Fonds". Programme, Zahlen, Strukturen - da ist der ehemalige Mathe- und Physik-Lehrer Althaus wieder in seinem Element.

Er wird es der Opposition nicht leichtmachen

"Als ob er nie weg gewesen ist", sagt ein Journalist. Nur der etwas zu weite Hemdkragen erinnert in diesem Moment an die vergangenen vier Monate.

Selbst diese leicht heisere Althaus-Stimme ist nach einer guten halben Stunde wieder zu hören. Dazu die bekannten Schachtelsätze, seine berüchtigten Substantivierungen.

Vor allem, wenn es persönlich werden könnte. Auf Fragen nach seiner Gesundheit, möglichen Zweifeln - da flüchtet sich Althaus in Floskeln. Spricht von "ethischen Dingen", die ihm klarer geworden seien, und dem Wert der Menschenwürde. Ob das heiße, dass die politische Konkurrenz im Landtagswahlkampf von ihm geschont werde? Auch da ist er wieder der Alte, wenn Althaus von der "PDS" spricht - dabei heißt die Partei auch in Thüringen seit einiger Zeit "Die Linke".

Nein, er wird es der Opposition nicht leichtmachen. Zumal ihn SPD-Spitzenkandidat Christoph Matschie und Linke-Vorkämpfer Bodo Ramelow spätestens ab diesem Montag nicht mehr schonen wollen. Sie hoffen darauf, dass Althaus irgendwann doch schwächelt, wenn der Wahlkampf wirklich heiß wird. Den Auftritt des Ministerpräsidenten in der Staatskanzlei nennt Matschie "nichtssagend", Ramelow spricht von "substanzlosen Ankündigungen". Es ist der Neid der Opposition.

Dabei ist Althaus am Nachmittag in Rudolstadt nicht wirklich zu beneiden. Anderthalb Stunden lang muss er durchhalten, sechs Reden und den ökumenischen Segen von Pfarrer Sparsbrod und seinem katholischen Kollegen ertragen, bis man sich endlich zur Schlüsselübergabe zusammenfindet.

Dann noch ein rascher Rundgang durch die Klinik, begleitetet von zahlreichen Fotografen und Kamerateams: Althaus im Krankenzimmer, Althaus auf dem Gang, Althaus bei einem Schluck Kaffee.

"Ich würde mich freuen, Sie beim Vogelschießen (Volksfest in Rudolstadt - d. Red.) wieder zu begrüßen", sagt Bürgermeister Jörg Reichl, während Althaus und sein Tross schon wieder zu den wartenden Limousinen laufen. Althaus' Antwort: "Alles klar." Jackett aus, rein in den Wagen, brummende Motoren, weg ist der Ministerpräsident.

Unberührt bleibt das Sektglas auf Althaus' Platz. Ganz der Alte ist er eben doch noch nicht.

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