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14. September 2008, 13:15 Uhr

Altkanzler-Attacke

Schmidt vergleicht Lafontaine mit Hitler und Le Pen

Volle Breitseite gegen den Chef der Linkspartei: "Adolf Nazi war ein charismatischer Redner. Oskar Lafontaine ist das auch", sagte Altkanzler Schmidt in einem Interview. Zudem seien Lafontaine und Le Pen "vergleichbare Populisten".

Berlin - Helmut Schmidt ist ein Mann der klaren Worte. Dafür wurde der SPD-Politiker in seiner Zeit als Bundeskanzler eher gefürchtet als geliebt. Heute jedoch, in einer Zeit der Politikverdrossenheit und gummiweichen Talkshow-Phrasen, hängt das Volk an den Lippen des rigiden Altkanzlers mit den nüchternen Argumenten, der am 23. Dezember 90 Jahre alt wird. Zahlreiche Medienberichte widmeten sich in den vergangenen Monaten des überraschenden Popularitäts-Revivals Schmidts; in diesen Tagen erscheint sein selbstironisch betiteltes Buch "Außer Dienst".

Altkanzler Schmidt: Im Vergleich vergriffen
DPA

Altkanzler Schmidt: Im Vergleich vergriffen

Was Schmidt sagt, wird gehört, was Schmidt denkt, hat Gewicht - der Altkanzler hat sich zum Großvater der Nation gemausert, der den Regierenden in amüsant besserwissender Art die Leviten liest - und dafür vom Volk umarmt wird.

In einem Interview mit der "Bild am Sonntag" greift Schmidt nun vor allem den Vorsitzenden der Linkspartei, Oskar Lafontaine, ungewöhnlich scharf an. Ausgehend von einer Beschreibung der Eigenschaften, die seines Erachtens der Vorsitzende einer großen Volkspartei braucht, hebt Schmidt zu einer Betrachtung von Charisma und rednerischer Kraft an:

"Wir sehen jetzt in Amerika, wie ein junger Mann, Barack Obama, allein mit Charisma zu einer nationalen Figur wird. Dabei darf man nicht vergessen, dass Charisma für sich genommen noch keinen guten Politiker ausmacht", so Schmidt und begeht sodann einen Tabubruch: Auch "Adolf Nazi" sei ein charismatischer Redner gewesen. "Oskar Lafontaine ist es auch". Später in dem Interview vergleicht er Lafontaine auch noch mit dem französischen Rechtspopulisten Jean-Marie Le Pen. "Der eine ist links, der andere ist rechts. Aber vergleichbare Populisten sind Lafontaine und Le Pen schon", sagte Schmidt der "BamS".

Der Ex-Bundeskanzler zeigte sich generell besorgt über den Erfolg populistischer Parteien. Damit meine er nicht allein die Linkspartei, sondern "ebenso die NPD und ähnliche". Es sei kein Zufall, dass solche Gruppierungen "gerade in den Teilen Deutschlands ihre Wahlerfolge feiern, in denen es den Menschen wirtschaftlich nicht so gut geht", also vor allem in den neuen Bundesländern. Dazu zähle er auch die Hauptstadt Berlin, die er als "die Hauptstadt der Arbeitslosigkeit, die Hauptstadt der Hartz-IV-Empfänger" bezeichnete. Der Populismus sei jedoch kein spezifisch deutsches Problem, sagte Schmidt: "Das finden sie auch in Holland, Belgien, in Frankreich: rechte Populisten wie Le Pen und Konsorten."

Man muss sich nun fragen, was in den sonst so besonnenen Rhetoriker Schmidt fuhr, so fahrlässig zu formulieren. Bei aller nötigen Mahnung vor populistischen Politikern ist der Hitler-Vergleich das überzogene Mittel, das kein Zweck heiligt. Möglicherweise hat sich der Altkanzler ausnahmsweise selbst aus dem Instrumentenkasten der Populisten bedient.

Kurios mutet zudem der für Schmidt ungewöhnlich flapsige Ausdruck "Adolf Nazi" an. Der von Schmidt bereits des öfteren benutzte Begriff brachte auch seiner Parteikollegin Herta Däubler-Gmelin schon einmal Unglück: 2002 musste sich die damalige Bundesjustizministerin wortreich für eine missverständliche Äußerung rechtfertigen, die den US-Präsidenten George W. Bush in die Nähe Hitlers rückte. Damals musste Bundeskanzler Schröder einen Entschuldigungsbrief an Bush schreiben.

Der Fraktionschef, der Linkspartei, Gregor Gysi, wies den Vergleich zurück: Auch Helmut Schmidt sei ein charismatischer Redner, sagte Gysi der " Leipziger Volkszeitung". "Charismatische Redner sollten sich ihre Fähigkeit nicht untereinander vorwerfen und schon gar nicht so unglückliche Vergleiche anstellen."

bor

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