Altkanzler in der Unionsfraktion: Kohl beschwört Europas Einheit

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Auftakt zur Helmut-Kohl-Festwoche: Erstmals seit zehn Jahren besucht der Altbundeskanzler eine Sitzung der CDU- und CSU-Abgeordneten im Bundestag. Die Parlamentarier feiern ihn. "Hier ist meine Heimat", bedankt sich Kohl gerührt - und mahnt die Union, für die Einheit Europas zu kämpfen.

DPA

Berlin - Als alles vorbei ist, sind selbst gestandene Parlamentarier sichtlich gerührt. "Sehr bewegend", sagt Unionsfraktionsvize Andreas Schockenhoff (CDU). Franz-Josef Jung (CDU) spricht von einem Glücksgefühl. "Sehr eindrucksvoll", sagt CSU-Mann Peter Gauweiler. Und ein Kollege meint: "Ein besonderes Erlebnis, wie in alten Zeiten."

Helmut Kohl ist wieder da. Am Dienstagnachmittag hat er die Bundestagsfraktion von CDU und CSU besucht. Fast auf den Tag vor zehn Jahren war er zum letzten Mal hier, seinerzeit ging er im Unfrieden, die Spendenaffäre hatte tiefe Gräben zwischen ihm und seinen Parteifreunden gerissen. Gräben, die nun wieder zugeschüttet werden sollen, zumindest ein wenig. Die Fraktion hat ihn eingeladen, weil sich in diesen Tagen Kohls erste Kanzlerwahl zum 30. Mal jährt. Das soll gefeiert werden, nicht nur mit den Parlamentariern. Am Donnerstag folgt ein großer Festakt im Deutschen Historischen Museum, zahlreiche alte Weggefährten sollen kommen, eine Sonderbriefmarke mit dem Konterfei Kohls wird vorgestellt.

Es werden also anstrengende Tage für Kohl. Nach seinem schweren Sturz im Jahr 2008 ist der 82-Jährige auch heute noch gesundheitlich sehr angeschlagen. Doch das Interesse an seinen wenigen öffentlichen Auftritten ist groß. "Los geht's", gibt Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) am Dienstag das Kommando zum Marsch ins Getümmel. Dann macht sich der Tross mit Kohl im Rollstuhl am riesigen Journalistenaufgebot vorbei auf den Weg in den Fraktionssaal. An Kohls Seite neben Kauder: CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt, Personenschützer und natürlich seine Frau Maike Kohl-Richter.

Schon draußen klatschen vereinzelt junge Leute, drinnen drängeln sich noch einmal Dutzende Reporter. Kohls Gesicht ist zunächst regungslos. Dann, als der Applaus der Abgeordneten aufbrandet, formt sich sein Mund zu einem Lächeln. Kohl wird aufs Podium geschoben, wo Kanzlerin Angela Merkel auf ihn wartet. Fotografen und Kameraleute ringen miteinander, als würde gleich das Ende der schwarz-gelben Koalition verkündet. Kauder und Merkel beugen sich abwechselnd zu Kohl herunter, er bewegt nur kurz den Kopf, nickt hin und wieder leicht. Seine Augen aber, sonst immer ein wenig glasig, sind hellwach.

"Das hat mir wirklich Freude bereitet"

Nach wenigen Minuten schließen sich die Türen. Den Zoff ums Betreuungsgeld, die neuesten Entwicklungen in der Euro-Krise, all das haben die Abgeordneten zuvor im Schnellverfahren besprochen, um nun eine halbe Stunde Zeit mit dem einstigen Übervater zu verbringen. Die Kanzlerin spricht nicht, sie hält am Donnerstag die große Lobrede. Kauder begrüßt den Gast: "Sie gehören ganz fest in unsere Mitte."

Dann ergreift der Altbundeskanzler selbst das Wort. Zehn Minuten etwa redet er, langsam, manchmal ist er nur schwer zu verstehen, die Krankheit hat ihm fast die Sprache geraubt. Seine Botschaft aber ist klar. Sehr gerne sei er gekommen, sagt er nach Angaben der Zuhörer, "hier ist meine Heimat, in der CDU/CSU-Fraktion, hier bin ich zu Hause." Er bedankt sich für den Beifall. "Das hat mir wirklich Freude gemacht."

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Helmut Kohl: "Hier ist meine Heimat"
Es ist ein zumindest symbolischer Akt der Versöhnung, der hier vollzogen wird. Auf einen Handschlag mit dem alten Rivalen Wolfgang Schäuble warten die Beobachter zwar vergeblich. Schäuble ist nicht da, er weilt auf einem Finanzministertreffen in Finnland. Und die Einladung für Schäubles Geburtstagsempfang am Mittwoch hat Kohl ausgeschlagen. Aber auch wenn sie das persönliche Zerwürfnis nicht kitten kann, so will die Kanzlerin die Wunden der Vergangenheit doch ein wenig heilen. Schließlich war sie es, die einst als CDU-Generalsekretärin mit einem Artikel in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" den Bruch mit ihrem Ziehvater vollzog.

Doch Merkel weiß, für viele Menschen im Land, und auch für viele Parteifreunde ist Kohl nicht der Herrscher über schwarze Kassen, sondern noch immer ein großer Kanzler, der Vater der Einheit, und vor allem: ein begeisterter Europäer. Und gerade in Zeiten, in denen das deutlichste Symbol des vereinten Europas, der Euro, mit milliardenschweren Rettungsschirmen am Leben gehalten werden muss, sollte eine christdemokratische Parteichefin und Bundeskanzlerin solch ein Lebenswerk zu würdigen wissen. Da muss man über Versäumnisse bei der Konstruktion der Währungsunion schon mal hinwegsehen, genauso über die Kritik, die Kohl noch im letzten Jahr angeblich am Euro-Kurs der Kanzlerin geäußert haben soll.

"Die Fraktion muss für Europa kämpfen"

Am Dienstag fordert Kohl vor den Parlamentariern, Europa auch in der Krise zusammenzuhalten. "Europa ist unsere Zukunft", sagt er laut Teilnehmern. "Wir müssen Europa erhalten und weiter ausbauen." Er lobt die Leistung der Fraktion als "beispielhaft", mahnt aber auch, mit Blick auf die europäische Integration nicht nachzulassen. "Die Fraktion muss für Europa kämpfen", zitieren ihn Abgeordnete. Offenbar bereiten dem Altkanzler die zunehmenden nationalen Egoismen in der Krise Sorgen: "Wir brauchen die Bereitschaft zum Miteinander", sagt Kohl laut Teilnehmern. Mancher will auch gehört haben, dass Kohl explizit Griechenland erwähnt - und mehr Geduld mit dem Krisenstaat verlangt.

Es sind Worte, die mahnen, aber nicht weh tun. "Angela Merkel ist da, um Europa auf diesem positiven Kurs zu halten, den sie eingeschlagen haben", sagt Fraktionschef Kauder nach Kohls kurzer Rede. Im nahenden Bundestagswahlkampf könnte sich diese demonstrative Kontinuität, könnten sich die gemeinsamen Bilder mit dem Altkanzler auszahlen.

Schon vor der Wahl 2009 hat Merkel die Annäherung versucht: Damals besuchte sie Kohl daheim in Oggersheim, man plauderte auf der Terrasse bei Streuselkuchen. Jetzt also ist Kohl nach Berlin gekommen, um seinen Platz in der Geschichte und in der Unionsfamilie wieder einzunehmen. Und wohl auch, um ein Zeichen gegen all jene Kritiker zu setzen, die seiner 34 Jahre jüngeren Frau Maike Kohl-Richter vorwerfen, sie schotte ihren Mann gegen alles und jeden ab. Er sucht den Kontakt, das soll die Botschaft sein.

Und so pilgern die Abgeordneten nach dem kurzen, offiziellen Teil im Fraktionssaal aus dem dritten Stock des Reichstagsgebäudes eine Etage tiefer auf die Präsidialebene zum Sektempfang. Kohl habe sich gewünscht, vor allem mit jüngeren Abgeordneten ins Gespräch zu kommen, heißt es. Und: Es solle möglichst locker zugehen.

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1. Heuchler unter sich
Spiegelkritikus 25.09.2012
Zitat von sysopAuftakt zur Helmut-Kohl-Festwoche: Erstmals seit zehn Jahren besucht der Altbundeskanzler eine Sitzung der CDU- und CSU-Abgeordneten im Bundestag. Die Parlamentarier feiern ihn. "Hier ist meine Heimat", bedankt sich Kohl gerührt - und mahnt die Union, für die Einheit Europas zu kämpfen. Altkanzler Helmut Kohl wird von CDU/CSU-Bundestagsfraktion gefeiert - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/altkanzler-helmut-kohl-wird-von-cdu-csu-bundestagsfraktion-gefeiert-a-857808.html)
Was soll der alte Kohl auch sagen, ein Eingeständnis des Versagens mt dem Euro wäre seinem Eintrag ins Geschichtsbuch abträglich. Kauder sekundiert artig wenn er sagt, daß Merkel den richtigen Weg der europäischen Einigung fortführt. Das ist natürlich alles Quatsch: Kohl hat mit der Einfürung des Euro den schlimmsten politischen Fehler seit Ende des Zweiten Weltkriegs gemacht und das katastrophale Ergebnis ist heute sichtbar. Diese Heuchelei ist unerträglich, man muß auch den Mut haben, das Scheitern einzugestehen!
2. Kohl im Grunewald
Wilder Eber 25.09.2012
Zitat: also ist Kohl nach Berlin gekommen ?? Wusste gar nicht dass Kohl seine Wohnung in der Caspar Theyss Straße in Grunewald aufgegeben hat.
3. Bei allem Respekt ...
fred_krug 25.09.2012
Zitat von sysopAuftakt zur Helmut-Kohl-Festwoche: Erstmals seit zehn Jahren besucht der Altbundeskanzler eine Sitzung der CDU- und CSU-Abgeordneten im Bundestag. Die Parlamentarier feiern ihn. "Hier ist meine Heimat", bedankt sich Kohl gerührt - und mahnt die Union, für die Einheit Europas zu kämpfen. Altkanzler Helmut Kohl wird von CDU/CSU-Bundestagsfraktion gefeiert - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/altkanzler-helmut-kohl-wird-von-cdu-csu-bundestagsfraktion-gefeiert-a-857808.html)
... vor der Leistung, die Herr Kohl als Politiker und Bundeskanzler für (und gegen) Deutschland und Europa erbracht hat, bin ich erschüttert über die Bilder, die ich hier sehe. Welcher Medikamentencocktail hält ihn noch am Leben? Lebt dieser Mann noch in Würde? Beziehungsweise: 'Lebt' dieser Mann überhaupt noch? Ich wünsche ihm in aller Aufrichtigkeit trotz meiner politischen Gegnerschaft alles erdenklich Gute und, dass er einen würdevollen Lebensabend genießt, der ihm nicht bloß durch Medikamente geschenkt wird, sondern durch einen freien und kreativen Willen. Im Vergleich zu Herrn Schmidt, dessen Uhr nun ebenfalls unablässlich weiterläuft, meine ich, erhebliche Qualitätseinbußen zu den Nachteilen von Herrn Kohl zu sehen. Hochachtungsvoll und mit freundlichen Grüßen.
4. oh Gott...
ferdi111 25.09.2012
Es wäre endlich für ganz Deutschland besser, solche Wiederauferstehungen nicht zu erwähnen! Er ist nicht der Vater der Einheit...das waren andere! Aber nicht er! Er war nur Nutznieser und rein zufällig Kanzler! Das war es aber auch schon!So war es und so wird es bleiben! Bitte nicht schon wieder eine Lüge in das so wieso schon zusammengebastelte Lügengebäude der deutschen Geschichte...
5. Organisierte Kriminalität
spontifex 25.09.2012
Zitat von sysopAuftakt zur Helmut-Kohl-Festwoche: Erstmals seit zehn Jahren besucht der Altbundeskanzler eine Sitzung der CDU- und CSU-Abgeordneten im Bundestag. Die Parlamentarier feiern ihn. "Hier ist meine Heimat", bedankt sich Kohl gerührt - und mahnt die Union, für die Einheit Europas zu kämpfen. Altkanzler Helmut Kohl wird von CDU/CSU-Bundestagsfraktion gefeiert - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/altkanzler-helmut-kohl-wird-von-cdu-csu-bundestagsfraktion-gefeiert-a-857808.html)
Rührend, dieses Treffen von Not und Elend der SAF (http://forum.spiegel.de/f4/bleibt-von-schwarz-rot-7772-20.html#post4161575). Die dümmlichen Heimat - Sprüche kennt man ja schon von Gas - Gerd (ab Minute 1:00). (http://www.youtube.com/watch?v=CHCEDv6XCO8) Und Mutti hat bestimmt wieder ihren Spruch vom "Rechtssystem" losgelassen, an das die "Menschen glauben können müssen."
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