Altkanzler Schröder Putins Musterschüler

Gerhard Schröder, der Russlandversteher: Die Verteidigung Wladimir Putins scheint zur Ersatzdroge für den Altkanzler geworden zu sein. Auf einer Podiumsdiskussion in Berlin verteidigte er seinen Freund gegen "antirussische Reflexe" - als sei er Putins Pressesprecher.


Berlin - Gerhard Schröder ist in Kämpferlaune. Er weiß, was ihn die nächsten zwei Stunden erwartet, darum bleckt er schon mal die Zähne zu seinem Siegerlächeln. Der Große Ballsaal im Berliner Hotel Adlon ist am Mittwochabend voll besetzt. Der Altkanzler sitzt mit Wladimir Putins engstem Wirtschaftsberater Igor Schuwalow auf dem Podium. Vor drei Wochen hat Russland die G8-Präsidentschaft an Deutschland übergeben, nun lädt die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik zur Bilanz und Vorausschau.

Altkanzler Schröder: "Historisches Zeitfenster"
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Altkanzler Schröder: "Historisches Zeitfenster"

Der Moderator wünscht sich eine "ideologiefreie Diskussion", doch das Thema Schröder und Russland ist zu belastet, als dass diese Hoffnung sich erfüllen könnte. In seiner Rede tastet Schröder sich zunächst vorsichtig heran, lobt die russische G8-Präsidentschaft, skizziert die Abhängigkeit Europas von russischem Gas und Öl und fordert die "engstmögliche Verflechtung" zwischen Russland und Europa. Nur so seien beide überlebensfähig. Gerade gebe es ein "historisches Zeitfenster", diese Partnerschaft zu verfestigen - bevor Russland sich Asien zuwende. Es ist eine Analyse, die auch der amtierende Außenminister Frank-Walter Steinmeier hätte vornehmen können.

Doch es dauert nicht lange, bis Schröder in den Angriffsmodus wechselt und dem Publikum die ersten Seitenhiebe versetzt. Die Diskussion über Russland sei in Deutschland von "Missverständnissen" und "antirussischen Reflexen" geprägt, rügt Schröder. Die neunziger Jahre unter Boris Jelzin würden bei uns immer noch gepriesen, dabei hätte damals eine "Ausplünderung" durch die ökonomischen Eliten stattgefunden. Wäre das so weitergegangen, dann wäre das Riesenland heute ein "Failed State". Dass es anders gekommen sei, verdanke der Westen allein dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Das zu sagen, sei "nicht Verbeugung, sondern historische Wahrheit", bekräftigt Schröder.

Dass Schröder sich Putins Sicht der Dinge zu eigen gemacht hat, ist bekannt und wäre nicht weiter berichtenswert. Auch dass es eine strategische Partnerschaft mit dem wichtigsten Energielieferanten geben muss, ist unbestritten.

Doch zelebriert der Altkanzler seine neue Rolle als Russlandversteher derart penetrant, dass die Frage aufkommt, was ihn dabei treibt. Er weiß, dass jedes seiner Worte auf die Goldwaage gelegt wird, und genau das scheint ihn anzuspornen. Schon als Kanzler blühte Schröder immer dann auf, wenn ihm der Wind am heftigsten ins Gesicht blies. Die Verteidigung Putins gegen deutsche Journalisten und sonstige Kritiker "mit dem Kopf voller Vorurteile" scheint nun zur Ersatzdroge geworden zu sein.

Zeitweise wirkt Schröder im Adlon wie der Regierungssprecher Putins. So sehr legt er sich ins Zeug, dass gleich der erste Frager aus dem Publikum sich zur spöttischen Bemerkung veranlasst sieht, Schröder sehe die Lage Russlands ja noch optimistischer als der Kreml selbst. Putin-Berater Schuwalow muss sich auf dem Podium nicht allein den Fragen zu Demokratie, Zivilgesellschaft und den Morden an den Kremlkritikern Anna Politkowskaja und Alexander Litwinenko stellen: Schröder gibt ihm zuverlässig Flankenschutz. Selbst im Duktus erweist der Sozialdemokrat sich als gelehriger Schüler Putins: Statt das hässliche Wort Menschenrechtsverletzungen in den Mund zu nehmen, spricht Schröder genau wie der neben ihm sitzende Schuwalow nur von den "Schwierigkeiten" und "Defiziten", die Russland auf absehbare Zeit haben werde.

Ein ums andere Mal offenbart Schröder, auf wessen Gehaltsliste er inzwischen steht. Auf die Frage, ob Russland nicht endlich die Europäische Energiecharta ratifizieren sollte, entgegnet der Aufsichtsratsvorsitzende des von Gasprom kontrollierten Ostseepipeline-Konsortiums, die Europäer sollten erst mal in ihrem eigenen Hof kehren. Auch in der EU seien die Eigentumsrechte an Pipelines ungeklärt. Wieso sollte also Russland in der Frage vorangehen?

Zum Litwinenko-Mord fällt Schröder vor allem ein, dass es "nicht in Ordnung" war, dass in den westlichen Medien sofort Putin verdächtigt wurde. Auch dass der britische Innenminister die Entsendung britischer Ermittler nach Moskau verkündet, ohne vorher im Kreml anzufragen, sei nicht übliche Staatspraxis. Da ist was dran, nur war Schröder gefragt worden, ob es ihn beunruhige oder kalt lasse, dass russische Liberale in Angst leben. Die Antwort gibt er lieber nicht.

Der ehemalige Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU), der auch im Publikum sitzt, verteidigt den früheren russischen Präsidenten Boris Jelzin gegen Schröders Vorwurf der "Ausplünderung". Jelzin habe dem Land immerhin die Freiheit beschert. Darauf entgegnet Schröder flapsig, vor allem habe man damals bei Helmut Kohl und Jelzin über Platzprobleme in der Sauna gespottet. Aber er wolle keineswegs Jelzins historische Bedeutung schmälern.

Egon Bahr, ebenfalls im Publikum, zitiert den ehemaligen US-Präsident George Bush Senior mit dem Satz, dass Russland seine eigene Form der Demokratie finden müsse. Das gelte weiterhin, meint der Sozialdemokrat. Doch auch Bahr lässt Schröder nicht ungeschoren. In Anspielung auf Schröders geflügeltes Wort vom "lupenreinen Demokraten" sagt Bahr, er würde Putin nie einen Musterdemokraten nennen. Darauf Schröder: Er habe nichts zurückzunehmen.

In den zwei Stunden auf dem Podium neben Schuwalow kommt Schröder kein kritisches Wort zu Russland über die Lippen. Lieber stichelt er immer wieder gegen die USA. Er lobt, dass Russland das Kyoto-Protokoll unterzeichnet habe - im Gegensatz zu den USA, sollen die Zuhörer sich wohl dazu denken. Tschetschenien? Schröder überlegt kurz. Da gelte der Grundsatz: Jeder Tote ist einer zuviel. Das gelte im übrigen auch für den Irak, "damit wir nicht immer mit doppelten Standards messen". Pressefreiheit? Aus seinem Pressespiegel weiß Schröder: "Die russische Presse ist kritisch." Beim Fernsehen wisse er das nicht so genau. "Aber im übrigen: Sehr wenige demokratische Politiker haben in Amerika die Gelegenheit, bei Fox News gehört zu werden."

Schuwalow ist hochzufrieden mit Schröder. "Die ganzen Vergleiche waren zu unseren Gunsten", sagt er nach dessen Eingangsrede. "Vielen Dank, Herr Bundeskanzler". Er erinnert daran, dass Schröder es war, der Russland die G8-Präsidentschaft im vergangenen Jahr beschert habe. Schuwalow demonstriert das neue russische Selbstbewusstsein. Russland sei Klassenbester und ziehe deshalb immer wieder Neid auf sich, erklärt er. Sein Land sei bereit, von seinen riesigen Ressourcen den anderen G8-Ländern etwas abzutreten.

In einem ähnlichen Tenor hatte Schröder zuvor bereits gesagt: Nicht Russland müsse den Europäern dankbar sein, sondern "wir sollten unsererseits dankbar sein, vor dem Hintergrund der Geschichte, dass es diese Partnerschaft gibt". Dafür zu arbeiten, "macht nicht nur Sinn, sondern ist schön".



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