Politisches Versagen im Strukturwandel Herbert Hoffmann verliert die Zuversicht

Kaum eine Region leidet so unter Landflucht und Überalterung wie die Altmark in Sachsen-Anhalt. Bislang sieht die Politik hilflos zu, nun soll sich das ändern. Aber die Chancen stehen nicht gut.

SPIEGEL ONLINE

Von , Tangerhütte


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Einsamkeit beeinträchtigt nicht den Sinn für Humor. Der Beweis dafür findet sich an einem rustikalen Holztisch in einem Wohnzimmer in Sachsen-Anhalt. Herbert Hoffmann ist 86 Jahre alt, hört nicht mehr so gut, beide Kniegelenke und die Hüfte sind ersetzt. "Ich hab ja noch 20, 30 Jahre Zeit, um mich um meinen Lebensabend zu kümmern", sagt er und legt mit breitem Grinsen sein Gesicht in Falten: "Aber ich fang' schon mal langsam damit an."

Dabei könnte man meinen, der 86-Jährige habe nicht viel zu lachen.

Denn der gebürtige Rheinländer mit dem akkurat gestutzten Kinnbart lebt seit acht Jahren alleine - in einer der einsamsten Gegenden Deutschlands: Hoffmanns Einfamilienhaus bildet mit einer Handvoll anderer Gebäude das Dörfchen Sophienhof, als Teil von Tangerhütte zwischen Stendal und Magdeburg in Sachsen-Anhalt. Das Städtchen dehnt sich auf einer Fläche aus, die größer ist als Frankfurt am Main, doch in den 32 Einzelortschaften leben nur rund 11.000 Menschen. Und jährlich werden es weniger.

Für Senioren wie Herbert Hoffmann ist diese Entwicklung bedrohlich: Wer kümmert sich um ihn, wenn er nicht mehr ohne Hilfe gehen kann? Was passiert mit seinem Haus? Das kinderlose Paar hat es 1990 gebaut, den 3000-Quadratmeter-Garten selbst bepflanzt und einen großen Weiher angelegt. Vor acht Jahren starb Hoffmanns Frau. "Jetzt bin ich fast immer alleine", sagt er, "umso lieber habe ich Menschen um mich". Der Witwer ist ein Spiegelbild seines Wohnorts: alt und einsam.

Tangerhütte ist kein Einzelfall. Es gibt Hunderte Herbert Hoffmanns - in Nordhessen, in Mecklenburg, in der Eifel. Weil ganzen Landstrichen die Entvölkerung droht, wollen Politiker gegensteuern: Die EU fördert regionale Projekte mit den Europäischen Struktur- und Investitionsfonds (ESI), die Bundesregierung bekämpft den Strukturwandel mit der "Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur" und Forschungsprojekten. Hinzu kommen Maßnahmen einzelner Bundesländer. Klingt toll, reicht aber nicht.

Denn Prospekte und wissenschaftliche Aufsätze verändern die Lebensbedingungen zunächst ebenso wenig wie kostspielig sanierte Innenstädte - zumal viele Förderprojekte befristet sind. Nun haben Wittenberg und Wismar etwa zwar wunderschöne Stadtzentren, schrumpfen aber weiter.

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Herbert Hoffmann schöpft Hoffnung, seit er Marion Zosel-Mohr kennengelernt hat. Die 59-Jährige mit der schwarzen Kurzhaarfrisur arbeitet für das Modellprojekt "Leben mit Familienanschluss" der Sozialakademie Potsdam. Sie will eine Familie finden, die mit Hoffmann in einem Haus leben möchte.

Zosel-Mohr hat Rosinenplunder und gute Neuigkeiten mitgebracht: Mitte August will eine Familie aus dem nahen Meseberg den Rentner kennenlernen. "Wenn die Chemie gut passt, könnten Sie dort einziehen", sagt sie. In Tangerhütte würde dann ein Mensch weniger vereinsamen - aber ein weiteres Haus leerstehen. Hoffmann würde sein Heim eigentlich lieber einer Familie verkaufen und sich selbst in zwei Zimmer im Obergeschoss zurückziehen.

Doch der Immobilienmarkt in Tangerhütte steckt in der Krise: Seit der Wiedervereinigung hat Sachsen-Anhalt ein Fünftel seiner Einwohner verloren, keinen Landkreis verlassen mehr Menschen als die Region um Stendal. Das Statistische Landesamt erwartet in der Altmark bis 2025 einen Bevölkerungsschwund von mehr als 25 Prozent im Vergleich zu 2008.

Der Mann, der diesen Trend stoppen möchte, klingelt um kurz nach eins an Hoffmanns Haustür. Andreas Brohm, ein Blondschopf mit glattrasiertem Gesicht und blauem Jacket. Der 36-Jährige wuchs selbst in Tangerhütte auf, ist heute Bürgermeister und tourt für sein Ziel seit seinem Amtsantritt im vergangenen Herbst durch die Dörfer.

"Unpopulär, aber alternativlos"

Er träumt davon, den Strukturwandel mit kulturellen Angeboten, schnellerem Internet und eigenem Autobahn-Anschluss zu stoppen. Der hochmotivierte Neupolitiker, der eifrig twittert und eine eigene Homepage betreibt, wirkt wie ein Tropenvogel in Hoffmanns Wohnzimmer, das den braungemaserten Charme der Achtzigerjahre versprüht.

Brohm ist dennoch realistisch: Viele Aufgaben müsse die Stadt in die Hände von Ehrenamtlichen geben, das Geld fehle. In der Theorie gibt Zosel-Mohr dem Bürgermeister recht - sie weiß nur nicht, wie das in der Praxis gehen soll: "Wir haben ja gar keine Leute mehr, um ein System des Helfens aufzubauen." Brohm will den Bevölkerungsschwund unter anderem mit "Entkommunalisierung" bekämpfen: Nicht jedes Dorf brauche einen eigenen Sportplatz, sogar das traditionsreiche Kulturhaus müsse aufgegeben werden. "Das ist unpopulär, aber alternativlos", sagt er, "und glauben Sie mir: Es ist kein schönes Gefühl, den gesamten Stadtrat gegen sich zu haben." Aber selbst falls Brohms Politik erfolgreich sein sollte: Wann wäre deren Wirkung spürbar?

Für Hoffmann wohl zu spät. Sein 180-Quadratmeter-Haus hat fünf Zimmer, je zwei Bäder und Toiletten, Dachboden, Keller. In Berlin wäre der Senior damit ein reicher Mann, doch in Tangerhütte liegt der Quadratmeterpreis bei 384 Euro - sprich: Sein Backstein-Paradies im Grünen hat einen Marktwert von rund 69.000 Euro. Sollte Hoffmann zum Pflegefall werden, könnte er damit sechseinhalb Jahre im Heim finanzieren - bei der niedrigsten Pflegestufe.


Zusammengefasst: In der Altmark nördlich von Magdeburg hat der demografische Wandel dramatische Auswirkungen: Die einstige Kreisstadt Tangerhütte schrumpft, die Bevölkerung altert, die Immobilienpreise sind im Keller. Der neue Bürgermeister will diesen Trend stoppen - unter anderem mit kulturellen Angeboten, einem eigenen Autobahn-Anschluss und dem Ausbau des Breitband-Internets.

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