Stunde der Amateure Nichts gelernt, und auch noch stolz darauf

Immer mehr Menschen glauben, sie wären die besseren Journalisten oder Politiker - dabei beherrschen sie nicht einmal den Konjunktiv. Das Land braucht wieder ein gesundes Elitebewusstsein.

Demonstrant in Brandenburg
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Demonstrant in Brandenburg

Eine Kolumne von


Ein Leser hat mich neulich darauf hingewiesen, dass ich demnächst überflüssig sein werde. "Sie und die Lügenpresse und gekauften ängstlichen Berichterstatter, sind die waren schuldigen für die Misere in Deutschland", schrieb er mir. "Gott sei Dank leben wir in einer Demokratie, die auch von einer gleich geschalteten und gesteuerten Presse nicht zu Fall gebracht wurde." Die Mehrheit werde schon bald dahinterkommen, dass es Leute wie mich nicht mehr brauche, weil man sich alle Informationen besser und schneller im Netz besorgen könne.

Ich bekomme in letzter Zeit öfter solche Zuschriften. Was mir dabei auffällt, ist, wie viele Leute offenkundige Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben. Die deutsche Grammatik ist nicht einfach, das weiß ich. Trotzdem sollte man Kommata nicht wie mit einem Salzstreuer verteilen, wenn man jemanden dafür schilt, dass er als Journalist seinen Beruf verfehlt hat. Das ist so, als ob man einem Fußballspieler vorhält, was für ein Versager er ist, und dann nicht einmal die Abseitsregel kennt. Wenn ich einem Journalisten die Leviten lesen wollte, würde ich mich zum Beispiel bemühen, nicht gleich im ersten Satz mit zwei schweren Rechtschreibfehlern zu beginnen.

Es gibt drei Berufe, bei denen die Vorstellung herrscht, dazu brauche es keine besonderen Kenntnisse: Politiker, Journalist und Künstler. Beim Künstler kommt immerhin noch ein gewisser Respekt auf, wenn irgendwelche Scheichs oder zu Geld gelangte Chinesen für ein paar Tintenkleckse in die Taschen greifen. Das kann ja jeder, lautet ein gängiges Urteil über moderne Kunst. Aber nicht jeder bekommt vier Millionen Dollar für sein Gepinsel. Das sehen auch die Kunstbanausen ein. Bei Journalisten und Politikern gibt es nicht einmal die monetäre Anerkennung, das lässt das Gehaltsgefüge nicht zu.

"Politik ist ein ehrwürdiges Handwerk - genau wie das Drucken"

Man mag mir verzeihen, wenn ich den Do-it-yourself-Journalismus, der die "Mainstreampresse" und damit Leute wie mich auf den Komposthaufen der Geschichte befördern soll, nicht besonders überzeugend finde. Wahrscheinlich bin ich dafür einfach zu voreingenommen. Außerdem hänge ich der altmodischen Idee an, dass eine ordentliche Ausbildung nicht schadet, nicht einmal bei etwas so Zweifelhaftem wie Journalismus. Bedenklicher finde ich, dass der Glaube an die Überlegenheit des Amateurs auch im politischen Raum zunehmend seine Anhänger findet.

"Es gibt zu viele, die nicht mehr begreifen, dass Politik nichts ist, was ein paar Hasardeure mal im Handstreich und im schmierigen Schulterschluss mit dem Volk machen können", hat der wunderbare Hilmar Klute neulich in der "Süddeutschen Zeitung" geschrieben. "Politik ist ein ehrwürdiges Handwerk - genau wie das Drucken." Klute hat mit jedem Wort recht, wie ich finde. Es sieht nur so aus, als ob wir beide mit unserer Meinung eher in der Minderheit sind.

Wann hat das angefangen, dass die Leute glauben, alles, was es für Politik brauche, sei ein entschiedenes Auftreten und ein Gespür für das, was die Menschen angeblich hören wollen? Niemand käme auf die Idee, seinen Audi einem Mann anzuvertrauen, der eine Nockenwelle nicht von einer Zylinderkopfdichtung unterscheiden kann, nur weil er toll redet. Selbst bei einem Fleischereifachverkäufer erwarten wir noch eine solide Kenntnis der Waren, die er anbietet. Ausgerechnet bei der Beurteilung von Politik hat sich die Meinung festgesetzt, dass Erfahrung etwas ist, das verdächtig macht. Erfahrung heißt jetzt: Zugehörigkeit zur Elite. Elite bedeutet: korrupt.

Viele Leute verdanken ihren Aufstieg der Naivität ihrer Umgebung

Donald Trump ist der Amateur als Präsidentschaftskandidat. Nichts über die tieferen Zusammenhänge zu wissen und sich dafür auch nicht zu interessieren, ist in seiner Welt kein Makel, sondern eine Empfehlung. Er habe Erfahrung immer weit weniger geschätzt als Intuition und Talent, hat er neulich in einem Interview mit "Time" erzählt. Auf die Frage, welche Fähigkeiten ein Präsident in seinen Augen haben sollte, sagte er: "Ich verfüge verglichen mit einem traditionellen Kandidaten über eine Reihe von Vorteilen. Zunächst einmal bekomme ich eine unerhörte Menge an Berichterstattung. [...] Schalten Sie CNN an, es ist Trump, die ganze Zeit."

Besser lässt sich die Sicht des Amateurs nicht in Worte fassen: Wichtig ist nicht, ob man die Welt beurteilen kann - entscheidend ist, wie die Welt einen selber beurteilt.

Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem Trump ins Oval Office einziehen könnte. Ich glaube den Leuten, die sagen, der Apparat werde ihn schon in Schach halten, kein Wort. So haben sie, pardon, auch über Hitler geredet. Ich weiß, man soll keine Nazivergleiche machen, aber viele Leute, die besser nie in mächtige Positionen gelangt wären, verdanken ihren Aufstieg der Naivität ihrer Umgebung. Wenn ich höre, dass führende Leute im Auswärtigen Amt der Meinung sind, Trumps Berater würden nach einem Wahlsieg die Regierungsgeschäfte übernehmen, kann ich nur den Kopf schütteln.

Überall ist jetzt zu lesen, dass Trump am Ende ist, weil er so schreckliche Sachen über Frauen gesagt hat. Ich wäre mir da nicht so sicher. Die Umfragen sind jedenfalls noch ziemlich stabil für einen, der angeblich keine Chance mehr hat. Außerdem gehört eine gehörige Portion Scheinheiligkeit dazu, einem Mann sein loses Gerede über Frauen zum Vorwurf zu machen, wenn man selber einer Partei angehört, deren einstiger Präsident erst eine Praktikantin verführte und sie dann von seinen Leuten als Schlampe denunzieren ließ, als die Sache ruchbar wurde.

Ich glaube, es gibt einen Zusammenhang zwischen der Beherrschung der Sprache und der Selbstbeherrschung. Ich mag mich irren, aber die Leute, die auf Marktplätzen stehen und neben anderen Dingen "Merkel muss weg" schreien, haben eher Schwierigkeiten mit der korrekten Bildung des Konjunktivs.

Rund eine Million Menschen in Deutschland lesen die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Damit habe man die Zahl der intelligenten Menschen in diesem Land einigermaßen erfasst, hat einer der "FAZ"-Herausgeber einmal gesagt. Mir würden noch ein paar Zeitungen einfallen, die man hinzurechnen sollte, aber im Prinzip ist die Schätzung plausibel.

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Kolumne - Der schwarze Kanal


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Seite 1
dieter 4711 10.10.2016
1. Genug Bewustsein
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iStone 10.10.2016
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