Oberbürgermeister von Amberg "Die Reaktion ist völlig überdimensioniert"

Vier betrunkene Asylbewerber verprügeln Passanten, und plötzlich schaut die Republik auf Amberg. Oberbürgermeister Michael Cerny ist die Aufregung zu groß. Er fordert Besonnenheit - auch von seinen CSU-Parteifreunden.

Michael Cerny, Oberbürgermeister von Amberg
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Michael Cerny, Oberbürgermeister von Amberg

Ein Interview von


Vier junge Asylbewerber sitzen in Untersuchungshaft, Rechtsextreme machen Stimmung, die Politik diskutiert über Konsequenzen in der Migrationspolitik - die mutmaßlichen Prügelangriffe auf Passanten in Amberg sorgen weiter für Wirbel.

    Michael Cerny, Jahrgang 1964, ist seit 2014 Oberbürgermeister von Amberg. Im Interview schildert der CSU-Politiker, wie er die Tage nach dem Vorfall erlebt und welche Konsequenzen er sich wünscht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Cerny, gab es so etwas schon mal in Amberg?

Michael Cerny: Dass Asylsuchende grundlos auf Passanten einschlagen, das gab es vorher noch nie.

SPIEGEL ONLINE: Dass Jugendliche Schlägereien anfangen, ist aber nicht so ungewöhnlich.

Cerny: Gruppen von Jugendlichen begehen, gerade unter Alkoholeinfluss, leider öfter Gewalttaten. Das kommt auf Stadtfesten, im Umfeld von Sportveranstaltungen, auf der Kirmes vor. Auch in Amberg. Dieser Fall erfährt besonders viel Aufmerksamkeit, weil die Täter Asylbewerber sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist denn das Verhältnis zu Asylbewerbern in der Stadt?

Cerny : Wir haben keine größeren Probleme im Zusammenleben. Es gab in den Unterkünften ein paar Reibereien. Aber eigentlich klappt die Integration sehr gut.

SPIEGEL ONLINE: Was ist aus Ihrer Sicht für eine gelingende Integration notwendig?

Cerny : Oft wird Integration als Aufgabe der Kommunen gesehen. Doch es ist eine gemeinsame Herausforderung. Auch Bund und Länder sollten das Thema stärker in den Fokus nehmen. Dazu zählt die finanzielle und personelle Unterstützung auch über einen längeren Zeitraum. Die Menschen leben schließlich hier.

SPIEGEL ONLINE: Rechtsextreme Gruppen behaupten, sie würden jetzt in Amberg patrouillieren. Was halten Sie davon?

Cerny : Das waren offenbar vier Männer der NPD aus Nürnberg, die ein wenig auf dem Löwen vor dem Rathaus herumgeturnt sind. Die NPD versucht wohl, die Situation politisch auszunutzen. Ähnliches erleben wir gerade bei der AfD. Die möchte nun die Arbeit der Polizei diskreditieren. Das halte ich für unangebracht, und es wird dem Thema in keiner Weise gerecht. Die Polizei hat gute Arbeit geleistet.

SPIEGEL ONLINE: Wie finden Sie denn die Aufmerksamkeit, die der Stadt nun zuteil wird?

Cerny : Ich als Oberbürgermeister bräuchte das nicht. Auf neu-oberpfälzerisch: Für uns ist das 'too much'. Wir hatten das Pech, in das mediale Neujahrsloch zu fallen. Die Reaktion ist völlig überdimensioniert.

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur die Medien haben den Fall aufgegriffen, ihr Parteifreund Horst Seehofer hat den Vorgang genutzt, um erneut eine Verschärfung des Asylrechts zu fordern. Was halten Sie davon?

Cerny : Ich hätte mir gewünscht, dass Herr Seehofer nicht ausgerechnet Amberg zum Anlass für seine Forderungen genommen hätte. Die Sicherheitslage ist hier nach wie vor gut. Andererseits ist der Bundesinnenminister verpflichtet, die Gesetze so zu gestalten, dass sie dem Gerechtigkeitsempfinden der Bürger entsprechen. Das verstehe ich. Die Bundesregierung muss in einem parlamentarischen Prozess diskutieren, ob und welche Folgen diese Fälle haben sollen. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass sie zu einem guten Ergebnis kommen werden.

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie, dass die Täter besonders hart bestraft werden sollten?

Cerny : Ich vertraue da ganz auf unseren Rechtsstaat. Die Justiz wird ein angemessenes Strafmaß finden. Aber ich werde mich nicht in die Justiz einmischen, das steht mir nicht zu.

SPIEGEL ONLINE: Die Taten von Amberg und Bottrop, wo ein Mann in der Silvesternacht aus vermutlich rassistischen Motiven in Menschengruppen fuhr, werden jetzt häufig in einem Atemzug genannt. Ist das gerechtfertigt?

Cerny : Die Taten sind nicht vergleichbar. Wenn jemand mit klarer Tötungsabsicht in eine Menschenmenge fährt, ist das ein Unterschied zu randalierenden, betrunkenen Jugendlichen. Die Taten liegen zeitlich eben eng beieinander.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie in den vergangenen Tagen am meisten schockiert?

Cerny : Der Hass und die Ausländerfeindlichkeit, die ich durch Reaktionen in sozialen Netzwerken, über E-Mails und Anrufe erfahre. Ich wusste nicht, dass es in Deutschland so viel Rassismus gibt.

SPIEGEL ONLINE: Auch die CSU hat im vergangenen Jahr in der Migrationspolitik immer wieder mit einer scharfen Tonlage provoziert. Was macht das mit einer Gesellschaft?

Cerny : Ich plädiere immer für eine solidarische Stadtgesellschaft. Auf größerer Ebene sollte es so auch im Staat funktionieren. Das kriegen wir aber nur hin, wenn alle Seiten rhetorisch abrüsten. Wir müssen aufpassen, dass wir die Sachen, die bei uns gut funktionieren, wie die Justiz oder auch die Polizei, nicht schlechtreden. Das wäre mein Wunsch.

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