Analyse des TV-Duells Steinmeier überrascht die Wähler - ein bisschen

Auf das Duell folgt der Kampf um die Deutungshoheit: "Klarer Sieg für uns", jubeln Union und SPD nach dem TV-Duell. "Unentschieden", urteilen die Wähler. Immerhin, Frank-Walter Steinmeier hat viele Zuschauer positiv überrascht. Reicht das für die Wende?

DPA / ARD

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Berlin - Schlussworte, Verabschiedung, Handschlag - und los ging das Rennen um die Deutungshoheit. Kaum war das Duell zwischen Kanzlerin und Herausforderer am Sonntagabend vorbei, da schwärmten sie auch schon aus, die Strategen, die spin doctors von Union und SPD. Die Botschaft, die sie unters Volk bringen wollten, stand natürlich schon vorher fest: klarer Sieg!

Franz Müntefering, der schon in den vergangenen Wochen durch mutige Aussagen ("Merkel kann schon mal die Koffer packen") aufgefallen war, sollte der Erste sein. "Das war ein Durchbruch in diesem Wahlkampf", jubelte der SPD-Chef unmittelbar nach dem Streitgespräch. Es habe, da ist sich Müntefering ganz sicher, bisher noch kein Fernsehduell gegeben, bei dem sich einer der Kandidaten so klar durchgesetzt habe. In der ARD freute sich Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit über "Rückenwind", und Generalsekretär Hubertus Heil verkündete über Twitter: "Frank Steinmeier ist der bessere Kanzler. Das ist heute klar geworden."

Wenig überraschend: Die CDU sieht das genau andersherum. Überzeugender und souveräner fand Unionsfraktionschef Volker Kauder seine Parteichefin. Der Herausforderer habe sich darin erschöpft, gegen etwas zu sein. "Das reicht für einen Kanzler nicht." Steinmeier stehe für unsichere politische Experimente und fehlende Glaubwürdigkeit, mäkelte auch Generalsekretär Ronald Pofalla. Merkel dagegen habe "noch einmal eindrucksvoll gezeigt, dass sie bereit ist, vier weitere Jahre Verantwortung für Deutschland zu übernehmen". Sie habe Steinmeier "auf Abstand gehalten", freute sich Pofalla.

Steinmeier punktet

Mehr wollte sie wohl nicht, mehr schaffte sie auch nicht. Denn in den Blitzumfragen, die die großen Meinungsforschungsinstitute schon kurz nach dem Duell vorlegten, stand unter dem Strich zwar ein Unentschieden. Doch die Zahlen der Demoskopen zeigen auch: Merkel hat aus der Sicht der Befragten nicht gerade geglänzt. Steinmeier dagegen hat sich nicht nur achtbar, sondern gut geschlagen, mitunter sogar besser, als viele vor dem Duell erwartet hatten.

In der Endabrechnung der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF sahen 31 Prozent der Befragten den SPD-Spitzenkandidat vorn, 28 Prozent fanden Merkel besser, 40 Prozent konnten keinen Sieger erkennen. Die Meinungsforscher von Infratest dimap ermittelten für die ARD nach dem 90-minütigen Duell einen Sieg von 43 zu 42 Prozent für Steinmeier - demoskopisch ein Remis. Ähnliches gilt für die Werte von Forsa, wenn hier auch die Amtsinhaberin knapp vorn liegt: Nach der Erhebung für RTL stimmten 37 Prozent für Merkel, 35 Prozent für Steinmeier.

Die interessanteren Werte finden sich im Detail. So ermittelte die FG Wahlen, dass unter den unentschiedenen Wählern Steinmeier mit 34 zu 18 Prozent vor Merkel liegt. Auch hat der Außenminister bei 51 Prozent der Zuschauer einen besseren Eindruck hinterlassen, als sie vorher erwartet hatten. Das sagten nur zehn Prozent über die amtierende Bundeskanzlerin. Auch in der Kanzlerfrage konnte der Vize aufholen: Wollten ihn vor der Sendung nur 29 Prozent als Regierungschef (Merkel: 64), waren es im Anschluss 38 (Merkel 55).

Einfluss auf Wahlentscheidung ungewiss

Auch in der Erhebung von Infratest dimap schnitt Steinmeier für viele Wähler besser ab als erwartet. 64 Prozent waren positiv überrascht, nur 15 Prozent sahen Steinmeier unter seinen Möglichkeiten. Bei Merkel war es umgekehrt. 39 Prozent fanden, sie habe schlechter und 18 Prozent, sie habe besser als zuvor gedacht abgeschnitten.

In der Forsa-Umfrage fanden zwar mehr Zuschauer Steinmeier sympathischer, auch wurden ihm die besseren Argumente zugesprochen. Doch auf die entscheidende Frage, wer denn nun kompetenter und besser geeignet sei, das Land zu führen, antworteten 58 Prozent: Merkel. Der Vizekanzler liegt abgeschlagen bei 28 Prozent.

Ob all diese Eindrücke aus den 90 Minuten am Sonntagabend am Ende tatsächlich Einfluss auf die Wahlentscheidung haben, ist ungewiss. In einer Forsa-Umfrage gaben immerhin 14 Prozent der 2000 befragten Zuschauer an, das Duell habe sich auf ihre Entscheidung ausgewirkt, 84 Prozent verneinten das. Das ist zwar die überwiegende Mehrheit - Meinungsforscher haben jedoch schon vor dem Duell darauf hingewiesen, dass am 27. September auch ein paar hunderttausend Stimmen darüber entscheiden könnten, zu welcher Regierungskonstellation es reicht. Der Vorsprung für Merkels Wunschkonstellation Schwarz-Gelb jedenfalls wackelte zuletzt in den Umfragen.

Schelte aus der Opposition

Vielleicht ärgerte sich Guido Westerwelle auch deshalb darüber, dass die Kanzlerin sich am Abend nicht eindeutiger zu einem Bündnis mit der FDP bekannte. Er hätte gerne danebengestanden und sich ganz klar für Schwarz-Gelb ausgesprochen, klagte der Liberalen-Chef am späten Abend im Sender Sat.1.

Westerwelle hatte schon im Vorfeld wiederholt kritisiert, dass überhaupt ein Duell zwischen der Regierungschefin und ihrem Stellvertreter angesetzt wurde. Angesichts der Großen Koalition forderte er, stattdessen die Opposition in einer Spitzenrunde einzubinden. In diesem Sinne ätzte Westerwelles Generalsekretär Dirk Niebel einmal mehr über das "Selbstgespräch" der Regierung. Seine Wertung ein 0:0, weil "keiner auf ein Tor geschossen" habe.

"Viel Lärm um nichts" und einen "großen Einheitsmischmasch" erkannte Grünen-Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke, dazu den Wunsch, die Große Koalition fortzuführen. Diese "klare Signal" sah auch Dietmar Bartsch, der Bundesgeschäftsführer der Linken, er lästerte im ZDF über einen "langweiligen Abend" ohne wirkliche Kontroverse. Steinmeier habe sich nicht als Alternative zu Merkel präsentiert, sondern sich nur "als Vizekanzler beworben".

insgesamt 1084 Beiträge
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Seite 1
Orianus, 13.09.2009
1.
Zitat von sysopDas einzige TV-Duell des Bundestagswahlkampfs 2009 - Merkel gegen Steinmeier: Wer ist Ihrer Meinung nach vorn?
Das Duell hat zwar noch nicht begonnen, aber die Siegerin steht schon fest. Wir haben die Wahl zwischen Merkel und Merkel. Weil es die Merkel aber nur einmal gibt, muss eben Steinmeier als Double einspringen.
vonbraunfels 13.09.2009
2.
Zitat von OrianusDas Duell hat zwar noch nicht begonnen, aber die Siegerin steht schon fest. Wir haben die Wahl zwischen Merkel und Merkel. Weil es die Merkel aber nur einmal gibt, muss eben Steinmeier als Double einspringen.
Beide sind zwar im Stil gleich, nur FWS fühlt sich wichtiger und ist sicherlich nervöser, Frage bleibt wer ist glaubwürdiger?
Viva24 13.09.2009
3. Vorne ist doch der Zweiparteien Staat?
Das Duell erinnert an die DDR, dort gab es einen Einparteienstaat mit Ablegern. Nun haben wir die DDR wieder, danke CDU & SPD!.
Dominik Rübel 13.09.2009
4.
Zwei Freunde streiten, beißen aber nicht.
gloton7, 13.09.2009
5. Unfähige oder Korrupte?
Seit sechzig Jahren gibt es in der BRD die Wahl zwischen den Korrupten und den Unfähigen. Seit vier Jahren sind beide in einer Koalition. Nun werden die Probleme offensichtlicher und extremer. Haben wir das verdient? Soll das Demokratie sein? Das Belügen des Volkes sollte eine Disqualifikation für vier Jahre nach sich ziehen. Dann würde sich jeder Abgeordnete mehr überlegen, was er sagt.
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