Analyse "Frau Merkel ist eine Politikerin der zweiten Reihe"

Für den Kommunikationspsychologen Ulrich Sollmann ist es keine Frage, wer das TV-Duell für sich entschieden hat: Merkel sei zwar besser als sonst gewesen, doch letztendlich blieb Schröder unanfechtbar. SPIEGEL ONLINE sprach mit ihm über die Gründe und die Folgen.


Politikberater Sollmann: "Wer verkörpert Macht?"

Politikberater Sollmann: "Wer verkörpert Macht?"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Sollmann, wer hat gewonnen?

Sollmann: Gewonnen hat ganz klar Gerhard Schröder.

SPIEGEL ONLINE: Ganz klar?

Sollmann: Ohne Frage. Sogar noch mit einem Pluspunkt oder einem Sternchen. Es haben ja schließlich alle erwartet, dass Schröder gewinnt.

SPIEGEL ONLINE: Ersten Umfragen der Forschungsgruppe Wahlen zufolge findet die Mehrheit der Zuschauer aber immerhin, dass Angela Merkel besser abgeschnitten hat als erwartet.

Sollmann: Bei der Charakterisierung von gut, besser und schlecht ist immer wichtig: Woran macht man dies fest? Da müsste man viel mehr differenzieren. Schröder hat eines besonders gut gemacht - und daher gebe ich ihm noch ein Sternchen: Er hat sich als unanfechtbar gezeigt. Er hat sich zwar am Anfang oft versprochen...

SPIEGEL ONLINE: ...er hat sehr oft Prozent und Cent durcheinandergeworfen...

Sollmann: ...einige Male, ja. Aber er hat es geschafft, die Versprecher recht elegant - ohne sie ganz zu verbergen oder unsicher zu wirken, wie es bei Frau Merkel oft der Fall ist - in den Argumentationsfluss einzuflechten. Er hat nicht übereilt reagiert oder sich verhaspelt. Er ist nicht heftiger in seiner Argumentation oder seiner Stimme geworden und hat weiter durchgehalten, auch wenn die Moderatoren ihn unterbrechen wollten. Er kann Stärken und Schwächen vereinen, ohne sich ans Zeug flicken zu lassen. Das ist das Zeichen eines Mächtigen, der unanfechtbar ist.

SPIEGEL ONLINE: Und darum geht es beim TV-Duell?

Sollmann: Es geht beim TV-Duell primär darum, wie jemand Macht verkörpert. Und um die Frage: Kann ich mich mit ihm identifizieren. Identifikation ist letztendlich die emotionale Basis, auf der Wahlentscheidungen getroffen werden. Die Identifikation mit der Sachaussage und dem Politiker, der sie trifft.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie auch den Eindruck, dass sich Schröder in der ersten Hälfte sehr zurückgehalten hat?

Sollmann: Ja, er war überrascht, dass Frau Merkel doch recht forsch begann. Aber nach etwa 25 Minuten hat er souveräner und ruhiger agiert. Dann hatte er die Interaktion mit Merkel und den Moderatoren gut im Griff.

SPIEGEL ONLINE: Und Frau Merkel?

Sollmann: Sie hatte diese Interaktion weniger gut in der Hand. Wenn sie etwas zur Sache gesagt hat, hat sie sehr kompetent und sachbezogen reagiert. Aber der Unterschied zum Verhalten als Zuhörerin von Schröder war gravierend: Wenn sie nichts gesagt hat, dann war Merkel deutlich sichtbar schwach und hoch unter Stress. Das konnte man an ihrem non-verbalen Verhalten merken. Dann fielen ihr die Gesichtszüge runter oder sie machte Übersprungshandlungen in Form von Mimiken. Sie verzog stellenweise ihr Gesicht fast zu Grimassen. So wie spätpubertierende Kinder das manchmal machen, wenn sie ihren Eltern zuhören. Und das ist ein Zeichen, das sie nicht in sich geruht hat, sondern sehr gestresst war.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich das an einer Beispielsituation festmachen?

Sollmann: Als Schröder ihr vorhielt: "Sie können mir auch noch meine Kindheit vorwerfen." Da verzog sie ihre Gesichtszüge regelrecht zu einer Grimasse, während Schröder ganz ruhig blieb.

SPIEGEL ONLINE: Merkels Forschheit zu Beginn: Sie hat sich als Erste ihrem Kontrahenten direkt zugewandt. War das Strategie?

Sollmann: Auf jeden Fall. Nur, sie ist dann eigentlich fast zu schnell gewesen und über ihre eigene Courage gestolpert, denn sie konnte ihr Verhalten nicht beibehalten.

SPIEGEL ONLINE: Sie soll sich vom ehemaligen "heute-journal"-Moderator Alexander Niemetz trainiert haben lassen. Haben Sie davon etwas gemerkt?

Sollmann: Niemetz ist ein Sprechtrainer und das hat man auf jeden Fall gemerkt. Frau Merkel war verbal besser als sonst. Sie hat sich kaum versprochen. Aber die Wirkung persönlicher Souveränität, die lernt man nicht durch Sprech- und Kameratraining in drei Tagen. Da muss man ein Vierteljahr vorher anfangen. Dann kann man lernen, sich als Persönlichkeit zu zeigen. Frau Merkel ist als Person sichtbar geworden, nicht aber als Persönlichkeit. Frau Merkel ist eine hervorragende Politikern der zweiten Reihe, aber sie sitzt nicht am Kopfende.

SPIEGEL ONLINE: Hat die oft bemühte Mann-gegen-Frau-Konstellation eine Rolle gespielt?

Sollmann: Im Hinterkopf. Wenn Schröder gepatzt hätte, dann wäre es für ihn ein Tiefschlag gewesen. So war es unter Kandidaten ein Duell unter Gleichen, nicht jedoch, was die Machtverkörperung angeht.

SPIEGEL ONLINE: Hat das jeweilige Abschneiden der Duellanten Auswirkungen auf ihren persönlichen, verbleibenden Wahlkampf?

Sollmann: Nicht so deutlich wie in den USA, wo wir einen Personen-Wahlkampf haben. Dort tauchen die Kandidaten auf, prügeln sich, und dann schaut man wie bei einem Boxkampf: Wer hat besser gepunktet. Das haben wir hier nicht. Aber: Wir dürfen nicht so tun, als spielte die Person in der Politik keine Rolle. Das stimmt nicht. Politik hat sehr viel mit Identifikation zu tun. Die Menschen, die sich das Duell anschauen oder darüber lesen, identifizieren sich mit der ein oder anderen Richtung. Das ist eine Identifikation, die sich schließlich auch im Wahlkreuz niederschlägt. Das ist immer noch etwas anderes, als eine Person zu wählen. Diese Entscheidung ist viel subtiler, aber deswegen nicht unwichtiger.

Das Interview führte Philipp Wittrock.





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