Lange Zeit dümpelte die Piratenpartei im Nirwana unbedeutender Kleinparteien, jetzt stehen sie vor einem Erfolg: Aktuellen Wahlprognosen zufolge haben sie in Berlin erstmals eine klare Chance auf den Einzug in ein Landesparlament.
Das Image der Partei war zuletzt lädiert: In Berichten war von persönlichen Schmähungen, politischer Resignation und basisdemokratischem Chaos die Rede, aber mit den ersten positiven Wahlprognosen drehte sich der Wind: Den Piraten wurde eine Chance attestiert. Die von außen formulierte Erfolgsprophezeiung enthob die Piratenpartei dabei ihres wahlpsychologisch bedeutendsten Makels: dem Vorwurf, eine Stimme für die Piraten sei parlamentarisch schlicht verschenkt.
Nun nährt der Erfolg den Erfolg. Hinzu kommen in Berlin grundlegend günstige Eigenschaften des Landesverbandes. Die Piraten in Berlin sind - natürlich immer relativ gesprochen - mitgliederstark, inhaltlich progressiv und organisatorisch einigermaßen innovativ.
Jugendlicher Habitus, authentische Online-Kommunikation
Schon bei der Bundestagswahl 2009 hatte sich Berlin als Hochburg der Piraten entpuppt. 3,4 Prozent der Berliner, in einem Bezirk sogar 6,2 Prozent, votierten für sie - bei einem Bundesdurchschnitt von 2,0 Prozent. Inzwischen liegen die Prognosen deutlich höher, Meinungsforschungsinstitute trauen den Piraten in Berlin derzeit zwischen 4,0 und 6,5 Prozent zu.
In der Hauptstadt könnten jene prototypischen Wählerpotentiale aktiviert werden, die den Sockel der niedrigen, aber soliden Wahlergebnisse der Piraten in der Vergangenheit ermöglichten. Hierzu zählen erstens jüngere, gut gebildete Männer mit hoher Affinität zu digitaler Technik und Kultur. Diese schätzen die Piraten vor allem aufgrund der politischen Perspektive der digitalen Revolution - sowie als Datenschutz- und netzpolitische Vorreiterpartei.
Hinzu kommen zweitens die sogenannten Digital Natives. Diese sind jung, durch eine zeitintensive, aber eher oberflächliche Nutzung des Internets geprägt und vor allem mit der Kultur Sozialer Netzwerke sehr vertraut. Sie honorieren den jugendlichen Habitus und die authentische Form der politischen Online-Kommunikation der Piraten. Dazu kommt das politisch attraktive Identitätsangebot eines digitalen Generationskonflikts: Onliner vs. Offliner.
Hinzu gesellt sich ein drittes Wählerpotential, die Strömung der neuen Basisdemokratie. Diese rekrutiert sich grundlegend aus einer unter jüngeren Menschen schon länger verbreiteten Haltung. Aus der Unzufriedenheit mit der Praxis der parlamentarischen Demokratie heraus fordern sie die Modernisierung der politischen Partizipationskultur. Politisches Engagement soll demnach unkonventionell, thematisch begrenzter, zeitlich flexibler und tendenziell basisdemokratisch organisiert werden.
Durch eine starke Wahrnehmung der ökonomisch-politischen Krise verdichtete sich diese Haltung in jüngster Zeit zu politischen Bewegungen für mehr direkte Demokratie, wie sie sich beispielhaft in den spanischen Jugendprotesten zeigt. Und auch wenn die deutsche Jugend derzeit nicht auf die Barrikaden drängt, weht doch auch hierzulande ein latenter direkt- und basisdemokratischer Zeitgeist in die politischen Segel der Piraten.
Konzept der "Mitmach-Partei"
Die Piratenpartei bedient die genannten Bedürfnislagen zielgenau. Denn für ihre politische Offerte ist die radikale Kritik eines vermeintlich intransparenten, bürgerfernen und durch Lobbyismus korrumpierten politischen Systems seit jeher ebenso zentral wie die Forderung nach radikaler Transparenz politischer Prozesse und mehr direktdemokratischen Instrumenten.
Hinzu kommt der für die Identität der Piraten zentrale Anspruch, alternative Politikformen auch selbst zu praktizieren. Ihr Konzept der "Mitmach-Partei" gewinnt seine besondere Attraktivität dabei vor allem durch die konsequente Nutzung digitaler Kommunikations- und Organisationsformen.
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