Analyse zum TV-Duell Stoiber gut, Schröder besser

Das zweite TV-Duell zeigte einen Kanzler, der wieder im Vollbesitz seiner Kräfte war: bissig und charmant, ausgestattet mit jener Siegeszuversicht, die ihm zwischenzeitlich zu fehlen schien. Seine mittelmäßige Regierungsbilanz trat so in den Hintergrund.

Von Gabor Steingart






Kontrahenten Schröder und Stoiber: Scharfe Auseinandersetzung ohne persönliche Angriffe
AP

Kontrahenten Schröder und Stoiber: Scharfe Auseinandersetzung ohne persönliche Angriffe

Berlin - Die wichtigste Grundlage für seinen Punktsieg legte Gerhard Schröder gleich zu Beginn des zweiten, diesmal von ARD und ZDF veranstalteten TV-Duells. Er gab sich zurückhaltend, vermied jede Prahlerei mit tatsächlichen oder auch nur behaupteten Erfolgen. Er habe "viel erreicht, aber nicht alles geschafft", seine Bilanz bestehe aus "Teilen, aber eben auch nur Teilen." Selten hat man den deutschen Kanzler so gekonnt kleinlaut erlebt. So entstand jenes Glaubwürdigkeitsfundament, das Schröder im weiteren Verlauf der Debatte nutzen konnte - auch für flotte Ausflüge in das alte Selbstbewusstsein. Die Zuversicht, die er gegenüber einem deutlich aggressiver auftretenden Kandidaten Edmund Stoiber ausstrahlte, ergab sich selten aus der Sache. Denn die Bilanz von Arbeitslosenzahlen (über vier Millionen), den Beiträgen zu den Sozialkassen (steigend) und einer Steuerreform, die als unvollendete in die Regierungsbilanz eingehen wird, taugt kaum für Ruhmesreden in eigener Sache.

Vote
Das Finale - Schröder und Stoiber im zweiten Duell

Die beiden Kandidaten haben ihr zweites und letztes TV-Duell vor der Wahl absolviert. Ihr Urteil?


Was Schröder erkennbar beflügelte, war die Erkenntnis, dass "die anderen" es zumindest nicht besser können, oder - als sie das letzte Mal 16 lange Jahre regierten - nicht besser gemacht haben.

Hatte Schröder beim ersten TV-Duell, das von den Privatsendern RTL und Sat.1 veranstaltet wurde, jeden Hinweis auf die Ära Helmut Kohl vermieden, erfolgte die Geschichtsnachhilfe für gedächtnisschwache TV-Zuschauer gleich zu Beginn der Sendung. Stoibers immer wieder erhobener Vorwurf, Schröder habe gerade in der Arbeitsmarktpolitik sein Versprechen "massiv gebrochen", wurde dadurch nicht falsch, aber eben doch stark relativiert. "Mit diesen Rezepten", erwiderte Schröder und meinte die Wirtschaftspolitik des Kandidaten, habe es doch schon mal nicht geklappt. Sein eigenes Versagen schrumpfte unversehens zu einer "weltwirtschaftlichen Verwerfung", gegen die nichts zu machen sei. Börsencrash, Exporteinbruch, Konjunkturschwäche in den USA - die Zuschauer erlebten einen Regierungschef, der zumindest den Eindruck erweckte, er habe getan was er habe tun können, nur leider habe sich das Schicksal zwischenzeitlich gegen ihn verschworen.

So viel Dreistigkeit war selten

Einmal in sorgenvoller Fahrt, leitete Schröder geschmeidig zum Angriff über. Die neuen Arbeitslosenzahlen seien nirgends so rasant angewachsen wie in Bayern, dem Stammland des Herausforderers. Schröder mit Trauermine: "Das beschäftigt mich doch sehr." So viel Dreistigkeit war selten, der andere war sichtlich getroffen, wollte irgendwas aus dem Arbeitsamt Freising berichten, um dann die Attacke zurückzuschlagen. Doch so weit kam er nicht. Die resoluten Moderatorinnen Maybrit Illner und Sabine Christiansen griffen beherzt ein, wollten ein Abdriften der Diskussion in die Langeweile auf keinen Fall dulden und verordneten den Duellanten einen Themenwechsel.

So wurde dann munter über Koalitionsoptionen debattiert. Viel Wortnebel, der sich auch bei hartnäckigem Nachfragen nicht lichten wollte und sich vermutlich auch nicht lichten konnte. Denn über Koalitionen, erst recht Große, wird vorher nicht geredet. Man macht sie, wenn anderes nicht zu machen ist. Schröder ließ die Frage zumindest "theoretisch" zu, Stoiber verneinte sie, denn eine Große Koalition bedeute Stillstand. Was Angela Merkel, die Parteichefin der CDU, dazu denkt, wurde nicht gesagt und nicht gefragt. Auch anderes ist ja schließlich denkbar: Eine Neuauflage von sozial-liberal zum Beispiel, die mit Möllemanns jüngstem Hinweis auf die größeren Gemeinsamkeiten in der Innen- und Gesellschaftspolitik zumindest den Status des Geheimtipps verlassen hat und nicht nur deshalb zu den ernst zu nehmenden Optionen zählt. Schröder duckte sich weg: Die Frage einer SPD-FDP-Koalition sei "reine Theorie" und überdies nicht jene Konstellation, die von ihm gewünscht werde. Das sei nämlich rot-grün, auch wenn, und das sagte Schröder nicht, eine Fortsetzung dieser Koalition nicht eben wahrscheinlich ist. Klare Aussage dagegen zur PDS. Mit den Ex-Kommunisten der Ex-DDR werde es kein gemeinsames Spiel geben, sagte er. "Ohne wenn und aber".

Klartext-Kanzler versus Drohkulissen-Stoiber

Zum Irak: nichts Neues. Der Klartext-Kanzler lehnte jedes "Abenteuer" ab, ob mit oder ohne UN-Resolution - er will seine Soldaten nicht im Irak einmarschieren lassen. Stoiber pochte einmal mehr darauf, eine "Drohkulisse" aufbauen zu dürfen, damit dann nicht Soldaten, aber immerhin Waffen-Inspektoren den Irak betreten dürfen. Das mag logisch sein, verständlich war es nicht. Schröders Ein-Punkt-Position (kein Krieg) hat sich in den vergangenen Wochen bereits auf den Marktplätzen der Republik als Publikumsrenner bewährt. Immer die gleiche Szene: Schweigen, Andacht, riesiger Applaus, der deutlich macht, wie weit die Regierung mit ihren Auslandseinsätzen der Bundeswehr auf dem Balkan und zuletzt in Afghanistan gegangen ist.

Selbstsicher bis an die Grenze zur Überheblichkeit: Bundeskanzler Gerhard Schröder im TV-Duell am Sonntag abend.
DDP

Selbstsicher bis an die Grenze zur Überheblichkeit: Bundeskanzler Gerhard Schröder im TV-Duell am Sonntag abend.

Stoibers Einwand, alle namhaften Vorgänger Schröders hätten "längst zum Telefon gegriffen" um dem US-Präsidenten persönlich Bescheid zu stoßen, brachte da ebenfalls keine Punkte. Der Kandidat hat die Wucht des Themas erkennbar unterschätzt und argumentierte nun dieser Fehleinschätzung hinterher. Sein Angriff auf Schröders Waden ("Sie werden im irakischen TV missbraucht") kontert der Kanzler kühl: "Wir sollten auf einem gewissen Niveau bleiben." Alle Nachfragen nutzen ausschließlich dem amtierenden Kanzler, denn er konnte seiner simplen Wahrheit immer neuen Nachdruck verleihen. Der Kontrahent dagegen mühte sich redlich, sein außenpolitisches Weltbild zu transportieren, was nicht zuletzt an der Schlichtheit des Mediums Fernsehen scheiterte.

Harmlose Rechts-Links-Rechts-Kombinationen

So war es häufig: Ein in der Sache von seinen Beratern sauber präparierter Stoiber rackerte, doch seine komplizierten Rechts-Links-Rechts-Kombinationen verfehlten in aller Regel ihr Ziel. Der Kanzler, ein Freund der kurzen, harten Schläge, konnte am Ende deutlich mehr Treffer vorweisen. Im Unterschied zum ersten Fernsehduell hatte er deutlich aufgedreht und stellte nun seine beiden wichtigsten Stärken, Charme und Rauflust, regelrecht zur Schau. Scheinbar hilfsbereit sprang er dem Kandidaten zur Seite, als der vom 36-Mark-Gesetz sprach: "Sie meinen das 630-Mark-Gesetz", soufflierte Schröder

Im Bann der Kandidaten: Zuschauer verfolgen das TV-Duell
REUTERS

Im Bann der Kandidaten: Zuschauer verfolgen das TV-Duell

Was hatte der Kanzler alles an Prügel einstecken müssen, als er beim ersten TV-Duell den Ring verließ. Vor allem die Generation 70 plus war nicht zufrieden mit dem Auftritt gewesen, sie hatten sich ihren Gerhard Schröder spritziger und jugendlicher gewünscht. "Statuenhaft", schimpfte Alt-Intendant Friedrich Nowottny, "fahrig" sei er gewesen, kritisierte die Historikerlegende Arnulf Baring, und Hitler-Experte Joachim Fest fand ihn "seltsam angestrengt, manchmal resigniert". Nur Klaus Bölling bewies, dass einer von gestern sich auch im Heute auskennen kann: Schröder habe den journalistischen Kategorien womöglich nicht entsprochen, doch für die Zuschauer sei er der Gewinner. "Die Deutschen", sagte er, noch bevor eine Blitzumfrage ihn bestätigte, "haben ein geradezu libidinöses Verhalten zur Harmonie".

"Reden wir jetzt über ernsthafte Probleme?"

Und daran hielt sich Schröder trotz gesteigerter Angriffslust auch beim zweiten Fernseh-Contest. Er blieb der Staatsmann, lehnte jede kleinliche Parteienschelte ab, warb für seine Position, ohne den Programmen und Parolen des Gegners allzu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Wann immer der andere mit Polemik konterte, ließ Schröder ihn ins Leere laufen, durch Mimik zumeist und zuweilen mit mahnenden Worten: "Reden wir jetzt über ernsthafte Probleme?", wollte er dann wissen.

Das, was Boxer den "Lucky Punch", den Glückstreffer, nennen, jenen finalen Kinnhaken, der das Match entscheidet, hatte es nicht gegeben. Nicht in der Sache, nur im Ton vielleicht. Schröder war auf höfliche Art der Aggressivere. Da konnte Stoiber noch so viel vom "Versagen des jetzigen Bundeskanzlers" reden, von "strukturellen Fehlern", "hausgemachten Problemen" und immer wieder von "dramatischen Fehlentscheidungen". Schröder blieb gelassen und rempelte trotzdem nach Kräften mit. Der Höhepunkt: Als Stoiber gerade seine Personalien für die Zeit einer ja immerhin möglichen Kanzlerschaft entfaltete, rief der Jetzt-Kanzler fröhlich dazwischen: "Sie diskutieren hier über ein Kabinett, dass das Licht der Welt nie erblicken wird!" Stoiber schaute grimmig und schwieg.

Fazit: Stoiber war gut, Schröder war besser. Diesmal hat der Medienkanzler seinen Ruf verteidigt, freilich ohne sein Gegenüber auf den Boden zu zwingen. Das Duell hat die Stimmungslage der Republik beeinflusst zumindest zugunsten einer hohen Wahlbeteiligung. Aus Anhängern sind Fans geworden, aus Unentschiedenen Interessierte, den Rest muss die Wahlkampfdramaturgie der Kontrahenten besorgen, denn das eigentliche Duell findet am 22. September statt: Neun Stunden wird es dauern.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.