Hamburg-Analyse AfD und Liberale nehmen CDU Tausende Wähler ab

Die Christdemokraten haben bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg eine herbe Niederlage einstecken müssen. Insbesondere die erzkonservative AfD profitiert von den enttäuschten Unionswählern. Sieben Fakten zur Wählerwanderung.

Von und (Grafik)

CDU-Spitzenkandidat Dietrich Wersich: Niederlage in Hamburg
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CDU-Spitzenkandidat Dietrich Wersich: Niederlage in Hamburg


Hamburg - Der Alternative für Deutschland, kurz AfD, ist ihre Hamburger Premiere gelungen: Nach den Erfolgen in Ostdeutschland im vergangenen Jahr sind die Erzkonservativen nun auch in der Bürgerschaft vertreten und damit erstmals in einem westdeutschen Parlament.

Allerdings wurde der Einzug der AfD nur möglich, weil die CDU so schwach abgeschnitten hat: minus sechs Prozentpunkte im Vergleich zu dem schon niedrigen Ergebnis 2011 (Lesen Sie hier alle Ergebnisse). Das zeigen die Daten der Meinungsforscher von Infratest dimap, die im Auftrag der ARD die Wählerbewegungen in der Hansestadt analysiert haben (Stand: vorläufiges Ergebnis; wie die Daten ermittelt werden, lesen Sie unten im Info-Kasten).

Die wichtigsten Fakten zu den Hamburger Gewinnern und Verlierern im Überblick (Sehen Sie hier alle Grafiken im Wahlanalyse-Tool, klicken Sie in die Grafik):

1. Die AfD bindet Wähler aus allen Lagern

Wie in Ostdeutschland profitiert die AfD auch in Hamburg bei ihrer ersten Bürgerschaftswahl von den Wählern aller Parteien. Selbst den Linken und den Grünen knüpft sie jeweils 1000 ehemalige Anhänger ab. Doch besonders zahlt sich der Wechsel frustrierter CDU-Wähler aus: 8000 ehemalige Unionsanhänger haben sich der erzkonservativen Partei zugewendet. 71 Prozent der AfD-Wähler geben an, ihre Abstimmungsentscheidung aus Enttäuschung getroffen zu haben, nur 26 Prozent aus Überzeugung.

Die AfD setzte in Hamburg auf eine Doppelstrategie im Wahlkampf: Einerseits gaben sich Spitzenkandidat Jörn Kruse und Parteibundesvize Hans-Olaf Henkel wirtschaftskompetent und liberal, andererseits setzten sie auf die Themen Flüchtlinge, Islam und innere Sicherheit. Das spiegelt sich auch in den Ansichten bei dem Thema Einwanderer wider:

  • 59 Prozent der AfD-Wähler stimmen in Befragungen der Demoskopen von Infratest dimap der Aussage "Hamburg hat zu viele Flüchtlinge" zu. Zum Vergleich: Im Durchschnitt waren es bei allen Wählern 23 Prozent.

  • Den Satz "Flüchtlinge empfinde ich als Problem im Alltag" unterstützen 42 Prozent der AfD-Anhänger, durchschnittlich sind es bei allen Wählern elf Prozent.

Mehr als 90 Prozent der Wähler der rechtskonservativen Partei sagen, dass die AfD zwar keine Probleme löse, aber die Dinge zumindest beim Namen nenne. Auch die FDP (4000) und SPD (7000) müssen Wähler an die Protestpartei AfD abgeben. Ihr gelingt es zudem, 8000 Menschen, die 2011 nicht abgestimmt haben, wieder an die Urnen zu bringen.

Jubelnd: FDP-Spitzenkandidatin Katja Suding
DPA

Jubelnd: FDP-Spitzenkandidatin Katja Suding

2. Die FDP ist ebenfalls CDU-Profiteur

Auch die Liberalen, die im Wahlkampf vor allem auf ihre Spitzenkandidatin Katja Suding setzten, sind Nutznießer der schwächelnden Christdemokraten. 9000 Ex-Unionswähler machten ihr Kreuz bei der FDP - wie auch sogar 2000 ehemalige SPD-Anhänger.

Demgegenüber verzeichnen die Liberalen Verluste von 4000 Wählern an die AfD. 1000 einstige Unterstützer blieben dieses Mal zu Hause. Wirtschaft war für die FDP-Wähler das wichtigste Thema (37 Prozent Anteil), gefolgt von Bildung (32 Prozent).

Niedergeschlagen: CDU-Mann Dietrich Wersich
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Niedergeschlagen: CDU-Mann Dietrich Wersich

3. Christdemokraten ohne Profil

Sie ist der große Verlierer der Wahl: Die CDU rutscht auf 15,9 Prozent ab. Es ist das schlechteste Ergebnis in der Hansestadt für die Christdemokraten. Das hat besonders einen Grund: Die Mehrheit der Wähler weiß nicht mehr, wofür die Partei steht (77 Prozent).

Der CDU ist kein Platz mehr geblieben, Olaf Scholz und seine SPD haben die politische Mitte seit Jahren so breit besetzt, dass Dietrich Wersich und seine Partei kaum ein politischer Spielraum bleibt. Selbst bei Themen wie innere Sicherheit und Wirtschaftspolitik, eigentlich klassische CDU-Inhalte, sehen die Wähler die SPD vor den Christdemokraten. Für die CDU ist das bitter. Sie verliert an die Sozialdemokraten, AfD und ins Nichtwählerlager jeweils 8000 und an die FDP sogar 9000 Wähler.

4. Der große Gewinner SPD

Die Sozialdemokraten sind wie 2011 der klare Wahlsieger, auch wenn sie nicht mehr alleine regieren können, da nun mit der AfD sechs Parteien in der Bürgerschaft sitzen. Die SPD, die 2,7 Prozentpunkte im Vergleich zur letzten Abstimmung verliert, sammelt enttäuschte CDU-Wähler (8000) ein. Gleichzeitig muss sie Verluste hinnehmen: 2000 ehemalige Anhänger stimmen für die FDP, 4000 für die Linke, 7000 für die AfD.

Diejenigen, die die SPD wählen, tun dies vor allem wegen Bürgermeister Olaf Scholz: Der SPD-Gewinn ist ein Scholz-Sieg. 64 Prozent der befragten SPD-Wähler sagen: "Olaf Scholz ist das wichtigste Argument, die SPD zu wählen". Eine große Mehrheit der Hamburger hält ihn für glaubwürdig und sympathisch. 36 Prozent der SPD-Anhänger geben an, dass sie ihre Kreuze vor allem wegen Scholz bei den Sozialdemokraten gemacht haben.

Vergnügt: Katharina Fegebank von den Grünen, Olaf Scholz von der SPD
DPA

Vergnügt: Katharina Fegebank von den Grünen, Olaf Scholz von der SPD

5. Die Grünen können kaum Wähler hinzugewinnen

Die Grünen, mit denen Scholz nun über eine gemeinsame Regierung sprechen will, können kaum Gewinne verbuchen: gerade einmal je 1000 Wähler von SPD und CDU. 1000 geben sie an die AfD ab, 4000 an die Linke. Mehr als die Hälfte der befragten Hamburger finden es aber gut, wenn die Grünen künftig mit der SPD regieren würden.

6. Die Linke macht ein Plus von 10.000 Wählern

Außer im Saarland konnte die Linkspartei in kaum einem westdeutschen Bundesland so ein gutes Wahlergebnis vermelden: 8,5 Prozent - ein Plus von 2,1 Prozentpunkten im Vergleich zu 2011. Die Linke nimmt der SPD und den Grünen jeweils 4000 Wähler und schafft es, 3000 Wahlverweigerer wieder an die Urne zu bringen. Sie punktet vor allem beim Thema Soziale Gerechtigkeit, ein Thema bei dem die Sozialdemokraten verlieren. 1000 Wähler müssen die Linken an die AfD abgeben.

Kämpferisch: Linken-Politikerin Dora Heyenn
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Kämpferisch: Linken-Politikerin Dora Heyenn

7. Wahlmüde Hamburger

Ob es nun am komplizierten Wahlrecht lag? Gerade einmal 55 Prozent der Wahlberechtigten beteiligten sich an der Abstimmung. Jeder von ihnen hatte zehn Stimmen: fünf für die Landes- und fünf für die Wahlkreisliste. Die fünf Stimmen können bei einer Person oder Partei gehäuft oder beliebig verteilt werden. Vor der Wahl bekam jeder gleich ganze Wahlhefte mit Informationen über das Wahlsystem nach Hause geschickt. Das mag abschrecken.

2011 jedenfalls lag die Quote bei der Einführung des neuen Wahlrechts bei 57,3 Prozent, bei der Bürgerschaftswahl zehn Jahre davor noch bei 71,05 Prozent.

So wird die Wählerwanderung berechnet
Nach dem Hamburger Wahlrecht haben die Wähler insgesamt zehn Stimmen - fünf davon auf der Landesliste. Es ist sowohl möglich, alle fünf Stimmen auf eine Partei zu setzen, als auch diese fünf Stimmen auf zwei, drei, vier oder gar fünf Parteien aufzuteilen. Mit diesen fünf Kreuzen bestimmen die Wähler die Stärke der Parteien in der Bürgerschaft.
  • Um die Wählerwanderung zwischen den Abstimmungen 2011 und 2015 in Hamburg ermitteln zu können, ordnen die Wahlforscher von Infratest dimap im Auftrag der ARD jeden Wähler einer Partei zu. Die Demoskopen sprechen dieses Mal also von Wählern als entscheidende Größe bei ihrem Wählerwanderungsmodell, nicht von Stimmen.
  • Maßgeblich dabei ist für die Meinungsforscher, welcher Partei der Wähler alle oder die meisten der fünf Landesstimmen gegeben hat. Ein Beispiel: Ein Bürger hat 2011 vier Stimmen der CDU und eine Stimme der FDP gegeben, dieses Mal kreuzt er zwei Stimmen bei der SPD und drei bei der Linken an. Nach dem Modell von Infratest dimap ist aus einem CDU-Wähler also ein Linke-Wähler geworden.
Für jede Partei berechnen die Demoskopen ein sogenanntes Wählerstromkonto mit Gewinnen und Verlusten, das den Austausch der Wähler zwischen den Parteien, den Wechsel von Wählern und Nichtwählern sowie den Generations- und Ortswechsel berücksichtigt. Grundlage hierfür sind amtliche Statistiken, Umfragen vor der Wahl, Befragungen am Wahltag und das Ergebnis der vorläufigen Auszählung der Stimmen. Durch die Betrachtung - Wähler statt Stimmen - und Rundungen (auf jeweils 1000) ergeben sich Abweichungen zu den amtlichen Wahlergebnissen.

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insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
gambow 16.02.2015
1. na...?
Die Meinungsmache "erzkonservative Partei" stört mich. Eine Alternative für Deutschland kann nicht erzkonservativ sein. Da irrt der Autor mit seiner Einseitigkeitsbrille. Sie ist ein Aufbruch aus der Mitte. Genau das zeigen die Wählerwanderungen. Die Werte die verteidigt werden, von der AfD, sind weder erzkonservativ noch linksradikal, deren beide Positionen ja bekanntlich besetzt sind. Die AfD versammelt Stimmen von Bürgern, die sich in den Lagern der etablierten Parteien nicht vertreten finden, mit all ihren Gefühlen und Bedenken. Deshalb muss es sie geben. Die AfD wird somit eine Partei der Mitte geben, für alle Deutschen und die Zugewanderten, die auch dieses Land schätzen.
karlsiegfried 16.02.2015
2. 'Wurde nur möglich ...
... weil die CDU so schwach abgeschnitten hat.' Was soll dieses Geschwurbel? Woher ist eigentlich immer bekann, wer jetzt wen und wer vorher welche Partei gewählt hat? Ist auch egal. Die AfD ist drin und weitere Städte, Länder und auch Bund werden folgen. Ich freue mich schon jetzt auf das Geschrei.
hugahuga 16.02.2015
3. Wie auch immer -
Die Stimmen der AfD sind umso höher einzuschätzen, wenn man sich gleichzeitig vor Augen hält, dass dieses Ergebnis sowohl gegen den geballten Widerstand der einschlägigen Presseorgane, als auch trotz der Hetze der ÖR gegen die AfD, erzielt werden konnte. Bravo AfD - weiter so - es ist an der Zeit, dass Wahrheit und Wahrhaftigkeit wieder Einzug in die Politik hält.
jonas4711 16.02.2015
4. Die AfD iyt drin?
ein paar Wahler scheinen sich ihres eigenen Verstandes bedient zu haben. und das ist gut so!! Jetzt gute Anträge stellen und den Etablierten ordentlich auf die Füße getreten und der AfD ist der weitere Erfolg beschieden.
hanno achenbach 16.02.2015
5. FDP statt Nahles
Der Erfolg der FDP verdankt sich der Erkenntnis, daß Brüderle immer noch besser gewesen wäre als Frau Nahles.
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