Streit in der AfD Warum Poggenburg zurücktreten musste

André Poggenburgs rassistische Rede am politischen Aschermittwoch sei angeblich der Auslöser für seinen Sturz als Fraktionschef in Sachsen-Anhalt gewesen. Nach SPIEGEL-Informationen liegen die wahren Gründe woanders.

André Poggenburg (re.) im Gespräch mit dem CDU-Abgeordneten Markus Kurze im Landtag von Sachsen-Anhalt
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André Poggenburg (re.) im Gespräch mit dem CDU-Abgeordneten Markus Kurze im Landtag von Sachsen-Anhalt


Der Fraktionschef der AfD André Poggenburg hat seinen Rücktritt angekündigt. Bisher ist er Parteivorsitzender und Fraktionsvorsitzender der AfD in Sachsen-Anhalt. Ende März möchte er beide Ämter aufgeben.

Zuvor hatte die AfD-Fraktion im Landtag ihm offenbar das Vertrauen entzogen. In einer geheimen Abstimmung erhielt der 42-Jährige nur drei Stimmen von Unterstützern, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Fraktionskreisen erfuhr.

Bei einer Rede beim politischen Aschermittwoch in Sachsen hatte Poggenburg in Deutschland lebende Türken als "Kümmelhändler" und "Kameltreiber" verunglimpft, die in Deutschland "nichts zu suchen und nichts zu melden" hätten. Der Bundesvorstand der Partei hatte Poggenburg deswegen abgemahnt.

Die Rede in Pirna sei nicht der Grund, sondern nur der Anlass für Poggenburgs Sturz gewesen, berichten AfD-Mitglieder aus Sachsen-Anhalt dem SPIEGEL. Denn wenn die "Mainstream-Medien" oder das "Establishment" sich über eine Rede aufregten, sei dies normalerweise für eine AfD-Karriere eher förderlich als hinderlich.

Aber im Fall von Poggenburg habe sich einfach zu viel angestaut: Es begann mit seiner chaotischen Kommunikation - er sei für Parteifreunde nur erreichbar gewesen, wenn ihm ein Kontakt nützlich gewesen sei, heißt es.

Gegen Gegner oder Konkurrenten in Partei und Fraktion hätte er hart durchgegriffen, sei es durch den Entzug von Kompetenzen oder auch nur durch das Verhindern eines Talkshow-Auftritts.

Hinzu kam der Vorwurf der Vetternwirtschaft, den AfD-Kollegen besonders übelnehmen: Poggenburg soll dafür gesorgt haben, dass seine Lebensgefährtin Lisa Lehmann einen Ausbildungsplatz in der Fraktion erhielt, obwohl sogar ihr Vater Mario Lehmann als Abgeordneter im Landtag von Sachsen-Anhalt und im AfD-Fraktionsvorstand sitzt. Viele hätten sich über die "Lehmann-Festspiele" geärgert, sagen AfD-Leute. Die Unterstützung für seine Freundin dürfte Poggenburg auch schon die Wiederwahl in den Bundesvorstand der AfD gekostet haben.

Auffällig ist das Schweigen des rechten AfD-Lagers, das im sogenannten "Flügel" und in der "Patriotischen Plattform" organisiert ist. Kein prominenter AfD-Rechter wie Björn Höcke, Alexander Gauland oder Hans-Thomas Tillschneider stellte sich vor Poggenburg. Bislang äußerten sie sich nicht öffentlich zu der Personalie.

Hinter vorgehaltener Hand ist zu hören, Höcke und Gauland hätten noch versucht, Poggenburg zu schützen. Sie sollen gewarnt haben, das Image des "Flügels" könnte Schaden nehmen, wenn einer seiner wichtigsten Protagonisten gestürzt würde.

Denn in der AfD gibt es ein zwar bislang machtloses, aber doch wachsendes Lager der vergleichsweise "Gemäßigten". Poggenburgs Sturz könnten sie als Sieg für ihr Lager verbuchen, sie sollen Gauland und Höcke gewarnt haben. Letztlich hätten diese die Entscheidung in Sachsen-Anhalt aber "zähneknirschend akzeptiert", sagt ein Eingeweihter.

ama



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