Andrea Nahles Gottesgeschenk, Spalterin

Mit 35 fing Angela Merkel gerade erst an, sich in der Politik zu engagieren. Die SPD-Linke Andrea Nahles ist in diesem Alter schon am Sturz von drei Parteichefs beteiligt: Rudolf Scharping, Gerhard Schröder und Franz Müntefering haben die Frau aus der Eifel kennen und fürchten gelernt.

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Berlin - Die parteiinternen Gegner von Andrea Nahles beschreiben die SPD-Linke vor allem mit einer Vokabel: "laut". Sie selbst beschreibt sich auf ihrer Homepage als "links, engagiert, menschlich". Vor allem sei sie aber "durchaus auch jemand, der nicht immer sagt 'jawohl, Herr Bundeskanzler, Sie machen alles richtig'", sagte sie noch in diesem Sommer.

Nahles und Müntefering: "Sehr dankbar"
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Nahles und Müntefering: "Sehr dankbar"

"Ich bin ein streitbarer Mensch", erzählt die 35-Jährige auch über sich. Immer wieder legte sie sich in den vergangenen zehn Jahren mit ihren Parteivorsitzenden an - mit Rudolf Scharping, mit Gerhard Schröder - und nun mit Franz Müntefering. Alle drei stolperten mehr oder minder über die temperamentvolle Frau aus der Eifel. Sie könne wie ein Vulkan in ihrer Heimat sein, sagt die Tochter eines Maurermeisters über sich und ihr Temperament.

Dabei hatte Oskar Lafontaine Nahles einmal als "Gottesgeschenk" für die Partei bezeichnet. Der förderte sie damals, Ende der neunziger Jahre, besonders. Und er hatte allen Grund dazu. Auf dem legendären Mannheimer Parteitag im November 1995 hatte die Jungsozialistin den Putsch gegen den damaligen SPD-Chef Scharping mitorganisiert. Nahles, damals erst 25, überbrachte Scharping im Parteivorstand die Nachricht, dass die Jusos beschlossen hätten, für einen anderen Vorsitzenden einzutreten. Nahles war da gerade erst kurze Zeit Chefin der SPD-Jugendorganisation.

Mit 18 war sie 1988 in ihrem Heimatort Mendig bei Koblenz in die Partei eingetreten. Dort gründete sie ein Jahr später auch einen Ortsverein, deren Vorsitzende sie dann auch wurde. Es begann die typische Parteikarriere in der SPD: Zunächst Unterbezirksvorsitzende, dann stellvertretende und schließlich Landeschefin der Jusos in Rheinland-Pfalz.

Wie jetzt beim Streit um das Amt des SPD-Generalsekretärs setzte sich Nahles in einer Kampfabstimmung durch, als sie 1995 zur Juso-Chefin wurde. Im zweiten Wahlgang besiegte sie mit Unterstützung des linken Flügels den Gegenkandidaten Stephan Grüger. Damals bezeichnete sich die Literaturwissenschaftlerin in ihrer Rede vor den Delegierten als "unabhängige Kandidatin", die sich nicht "zum marxistischen Teil der Jusos" zähle.

Nahles: "Spalterin und Polarisiererin"
DDP

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Später fiel Nahles vor allem durch lautstarke Kritik auf. Die älteren Genossen hätten "keinen Schimmer, wie man meine Generation erreichen kann", lästerte sie. Den damaligen Kanzler und Parteichef Gerhard Schröder nannte Nahles 1998 die "Abrissbirne sozialdemokratischer Programmatik". Das damalige Wahlprogramm wurde von den Jusos abgelehnt. Stattdessen wurde eine "Umverteilung des Reichtums in Deutschland" gefordert.

Sie zählte auch zu den massivsten Kritikern von Schröders Agenda 2010 und beklagte die "soziale Unwucht" der geplanten Reformen. Als junge Bundestagsabgeordnete forderte sie immer wieder eine Vermögensteuer und eine Ausbildungsumlage. "Keiner wollte das S polieren, den Mercedesstern der SPD", beklagte sie sich in der "Zeit" über ihre gleichaltrigen Kollegen in der Partei, die sich eher für Wirtschaft und Haushalt als für Sozialpolitik interessierten.

Als "konzeptlos, perspektivlos, instinktlos" prangerte sie das Programm Schröders an, der sie daraufhin "Kronzeugin der anderen Seite" nannte. 2004 gibt Schröder den SPD-Vorsitz von der ständigen Kritik innerhalb der Partei schließlich entnervt an Müntefering ab.

Auch Müntefering hatte versucht, Nahles in die Parteiarbeit einzubinden. Als sie bei der Bundestagswahl 2002 wegen eines zu schlechten Listenplatzes nicht wieder in den Bundestag kam, machte Müntefering sie zur Kommissionsvorsitzenden zur Bürgerversicherung.

Sie sei Müntefering "sehr dankbar", dass er sie "all die Jahre gefördert" habe, sagte Nahles noch vor kurzem in einem Interview. Da stand schon fest, dass sie gegen dessen Wunschkandidaten Kajo Wasserhövel antreten würde. "Ich bin sicher, dass wir unsere gute Zusammenarbeit in jedem Fall fortsetzen werden", glaubte sie da noch.

Daraus wird nun nichts mehr werden. Für den "Seeheimer Kreis" der SPD-Rechten ist Nahles, die mit ihrem Partner auf einem Bauernhof in der Eifel lebt, eine "Spalterin und Polarisiererin". Die "Bild"-Zeitung nennt sie heute: "Die Genossin mit dem tödlichen Biss".

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