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28. September 2017, 17:54 Uhr

"In die Fresse"-Zitat von Nahles

Vorsicht vor dem Schredder

Ein Kommentar von

Die neue SPD-Fraktionschefin Nahles hat angekündigt, der Union "in die Fresse" hauen zu wollen. Ein Fehler. Aber mehr auch nicht. Die Debatte darüber offenbart einen erschreckenden Mangel an Komplexität.

Andrea Nahles hat in ihrer letzten Kabinettssitzung am Mittwoch einen derben Spaß gemacht, den die Kollegen von der politischen Konkurrenz auch so verstanden haben: Die scheidende Arbeitsministerin beantwortete die Frage eines CSU-Ministers, ob sie sich wehmütig fühle, mit Ja - und fügte dann unter Gelächter hinzu, künftig würde die Union "in die Fresse" kriegen. Nach ihrer Wahl zur neuen Fraktionschefin hat sie diese Aussage vor den SPD-Abgeordneten wiederholt.

Dabei hätte es Nahles belassen sollen. Dass sie anschließend die scherzhafte Drohung auch vor Journalisten - und zwar mehrfach - aussprach, war ein Fehler. Zum einen, weil nur die Anwesenden den flapsigen Charakter ihrer Worte verstanden, erst recht, wenn man die mitunter ruppige Ausdrucksweise von Nahles kennt. Aber auch, weil dieser Ton der künftigen Oppositionsführerin im Bundestag selbst dann nicht angemessen ist.

Was aus der Äußerung von Nahles anschließend allerdings gemacht wurde, ist absurd.

Nein, der Spruch von Nahles ist nicht gleichzusetzen mit dem Satz von AfD-Spitzenmann Alexander Gauland vom Wahlabend, der lautete: "Wir werden Frau Merkel jagen." Denn Gauland steht für eine Partei, die offene Rassisten in ihren Reihen hat. Menschen, die sich nicht klar von den deutschen Nationalsozialisten abgrenzen, die im Dritten Reich Millionen von Menschen im Wortsinn jagten: bis sie tot waren. Die Aussage von Gauland weckte auch deshalb entsprechende Assoziationen, weil der Satz folgte: "Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen."

Die SPD ist dagegen die Partei, die sich bis zuletzt im Reichstag gegen Hitler und die Machtergreifung der NSDAP stellte. Auch Sozialdemokraten starben anschließend in den Konzentrationslagern.

Gaulands Spruch ist wiederum nicht gleichzusetzen mit dem Satz des Grünen-Politikers und damaligen Parteisprechers Ludger Vollmer, der nach der Bundestagswahl 1994 mit Blick auf den alten und neuen CDU-Kanzler Helmut Kohl sagte: "Wir werden den Kanzler jagen." Denn die Grünen sind zwar in der Vergangenheit eine mitunter radikale Partei gewesen - aber eher radikalpazifistisch.

Der politische Diskurs lebt von der Auseinandersetzung. Dass diese in den vergangenen Jahren oft gefehlt hat, wird allenthalben beklagt - auch von der "Bild"-Zeitung, die sich nun besonders lautstark über Nahles' Äußerung echauffiert. Die gleichen Leute, die sonst voller Wehmut an die Zeiten erinnern, als Herbert Wehner sich verbal mit Franz Josef Strauß bekriegte oder Helmut Schmidt mit Helmut Kohl, werfen nun Nahles in den virtuellen Schredder.

Mehr Schärfe in der Auseinandersetzung wird nur funktionieren, wenn man bereit dazu ist, das notwendige Verständnis mitzubringen: einzuordnen, den Kontext zu berücksichtigen - das, was gemeint ist. Das gilt für die politischen Akteure wie diejenigen, die darüber berichten.

Das ist ein bisschen mühsam. Aber es lohnt sich. Ansonsten können wir uns alle zurücklehnen und weiterdämmern.

Die AfD wird währenddessen ihre Jagd fortsetzen.

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