Nahles vs. Kramp-Karrenbauer Das Duell

Parteichefin Andrea Nahles und Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer sollen dafür sorgen, dass SPD und CDU als Volksparteien wieder mehr Zuspruch bekommen. Dabei geht es auch um ihre persönlichen Karrieren.

Nahles, Kramp-Karrenbauer
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Nahles, Kramp-Karrenbauer

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Andrea Nahles hat es geschafft: Erste Frau an der Spitze der SPD, dazu der Fraktionsvorsitz, überall in der Regierung sitzen Vertraute von ihr, das Nahles-Netzwerk ist legendär. Und jetzt? Geht die Arbeit erst los - und sie ist so anspruchsvoll, dass es offenbar keinen Mann mehr bei den Sozialdemokraten gab, der sich die Sache zugetraut hat.

Nahles soll dafür sorgen, dass die Fraktion im Regierungsalltag der Großen Koalition funktioniert, gleichzeitig aber wahrnehmbar eigene Akzente setzt - und nebenher will sie noch die Partei erneuern, damit die SPD optimalerweise bei der kommenden Bundestagswahl eine realistische Chance aufs Kanzleramt hat.

Alles klar?

Beruhigend ist für Nahles, 47, nur eines: Bei den Christdemokraten gibt es eine Frau, deren Aufgabe nicht viel leichter ist. Annegret Kramp-Karrenbauer, Spitzname AKK, soll die CDU wiederbeleben, zum Nachdenken bringen, vor allem als Partei hinter Angela Merkel wieder erkennbar machen. Kramp-Karrenbauer, 55, ist zwar auf dem Papier bloß Generalsekretärin, in Wirklichkeit aber eine Art heimliche Parteichefin, die der nominellen Vorsitzenden Merkel alle Arbeit im Konrad-Adenauer-Haus abnimmt, damit die sich ganz aufs Regieren konzentrieren kann.

Merkel und ihr wesensähnlicher sozialdemokratischer Vizekanzler Olaf Scholz führen die GroKo - aber die Machtzentren von CDU und SPD liegen längst woanders: Kramp-Karrenbauer war die Aufgabe als Partei-Erneuerin so wichtig, dass sie sogar ihren Ministerpräsidentenjob im Saarland dafür aufgegeben hat, Nahles hätte jederzeit einen wichtigen Kabinettsposten haben können.

Aber beide wissen: Wenn CDU und SPD weiter austrocknen, wird es bald keine Volksparteien mehr geben in diesem Land. Und zudem können sich beide - wenn sie Erfolg haben - gute Chancen ausrechnen, selbst irgendwann im Kanzleramt zu sitzen. AKK gilt schon jetzt als Nummer 1 hinter Merkel, Nahles Ambitionen sind nicht geringer, aber sie kann auch noch ein paar Jahre warten.

Kramp-Karrenbauer ist Nahles beim Partei-Erneuern allerdings schon ein bisschen voraus: Am Freitag startet die sogenannte Zuhör-Tour, bei der die Generalsekretärin etwa 40 Städte in Deutschland besuchen wird, um mit CDU-Mitgliedern über die Zukunft der Christdemokraten zu diskutieren. Ohne großen technischen Schnickschnack und Agenda - einfach zuhören und reden. Auch zentrale Posten im Adenauer-Haus hat AKK bereits mit eigenen Leuten besetzt.

Nahles hat sich in den ersten Wochen der GroKo auffallend zurückgehalten. Das hatte parteiinterne Gründe. Die Fraktionschefin wollte sich vor ihrer Wahl in Wiesbaden nicht zu weit vorwagen. "Das wird sich ändern", sagt Parteivize Ralf Stegner. Nahles werde dafür sorgen, dass der Koalitionsvertrag strikt eingehalten wird. "Wir verstehen da keinen Spaß", warnte Stegner gegenüber dem SPIEGEL. "Einen Vertragsbruch lassen wir der Union nicht durchgehen."

Im Video: Analyse zur neuen SPD-Chefin Nahles

AP; SPIEGEL ONLINE

Konkret stehen für die SPD drei Themen im Mittelpunkt:

  • das Recht für Arbeitnehmer, ihre Arbeitszeit zu reduzieren - und später ein Recht auf Rückkehr zu Vollzeit zu haben.
  • Als entscheidend gilt zudem das Werbeverbot für Abtreibungen, das die SPD entschärfen will.
  • Und drittens soll die Familienzusammenführung für Flüchtlinge so kommen, wie es im Koalitionsvertrag vereinbart wurde (Details lesen Sie hier).

Bei allen drei Vorhaben gibt es Streit mit der Union. Nahles will diese Konflikte nutzen, um das Profil der SPD zu schärfen und ihre Kritiker zu überzeugen. Gleiches hat Kramp-Karrenbauer im Sinn. Am Wochenende meldete die CDU-Politikerin in der "FAS" bereits Zweifel am vorliegenden SPD-Gesetzentwurf zur Vollzeit-Teilzeit-Frage an.

Nachhilfe, wie man gleichzeitig regieren und als Partei Profil zeigen kann, könnten sich Nahles und Kramp-Karrenbauer von der CSU holen: Zuhause in Bayern verstehen sich die Christsozialen oft selbst als die beste Opposition. Doch mit Blick auf Nahles kommen aus München mahnende Worte: "Die Stärke von Volksparteien rührt nicht von der Selbstbeschäftigung, sondern dass sie das Land voranbringen", sagte CSU-Generalsekretär Markus Blume dem SPIEGEL. Er rät dazu, "sich mit Hochdruck an die Umsetzung des Koalitionsvertrags zu machen". Blumes Ansage an die Sozialdemokraten: "Nach dem fünften SPD-Parteitag innerhalb von 13 Monaten brauchen wir jetzt Aktionstage statt Parteitage."

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SPD-Parteitag: Wechsel an der Spitze

Das zeigt das Dilemma der Koalitionsparteien: Sie werden auch von der Öffentlichkeit daran gemessen, dass sie ihre Regierungsarbeit gut machen - aber gleichzeitig sollen sie erkennbar bleiben und Profil zeigen.

Insbesondere die Sozialdemokraten. Deshalb hat Nahles wohl doch den schwereren Job als Kramp-Karrenbauer: AKK muss nach den langen Merkel-Jahren nur zeigen, dass es die CDU überhaupt noch als Partei gibt. Die SPD-Vorsitzende muss ihren Genossen eine Vision liefern, einen Plan für die Zeit nach der GroKo.

insgesamt 28 Beiträge
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darkwukong 23.04.2018
1. Hallo Realität?
Kommen die etablierten Parteien irgendwann auch mal in der Realität an? Die Große Koalition wurde abgewählt, zustande kam sie trotzdem und die alte verkrustete Riege ist nach wie vor an der Macht. Veränderungen im positiven Bereich nicht in Sicht und nun kämpft man um die Gunst der Wähler? Ist klar.
toll_er 23.04.2018
2. Persönlichkeiten
Nun ja, beide Frauen haben im Sinne ihrer Partei zu funktionieren.. sie sollen die Parteien wieder für eine breitere Mehrheit wählbar machen. Und da sage ich als ehemaliger SPD-Wähler (Seit Schulz und nun Nahles hat sich das leider erledigt) : allein die Persönlichkeit von Frau Kramp-Karrenbauer lasst da das Pendel in Richtung CDU ausschlagen. Diese Frau hat etwas zu sagen und: Sie hat und ist eine Perönlichkeit. Frau Nahles, ich wende mich von dieser populistisch rumpöbelnden Frau mit einem weinenden Auge ab. Um dieser Frau Nahles noch ein wenig Respekt zu zollen, sage ich mit ihren eigenen Worten sinngemäß:" Ab morgen kriege(t) sie (hoffentlich) in die Fresse."
hausfeen 23.04.2018
3. Die Zukunft möge uns vor beiden bewahren.
Und so wird es auch sein. Das Duell innerhalb der SPD ist mit Nahles' Wahl noch nicht beendet. Zumal der politische Gegner ja auch nicht angetreten ist. Auch in der Union gibt es Widersacher gegen KraKa. Von der Leyen noch die erfolgsversprechendste.
widderfru 23.04.2018
4. Erneuerung-nicht mit alter Garde
Hartz belastete Berufspolitiker der alten Garde besitzen weder das Vertrauen noch die Glaubwürdigkeit, schon gar nicht zur Wählergewinnung. Mit ihren 3 Pkt.(außer Pkt 1) Kernpunkten liegen die weit weg von Bürgeranliegen.
rösti 23.04.2018
5.
Zitat von darkwukongKommen die etablierten Parteien irgendwann auch mal in der Realität an? Die Große Koalition wurde abgewählt, zustande kam sie trotzdem und die alte verkrustete Riege ist nach wie vor an der Macht. Veränderungen im positiven Bereich nicht in Sicht und nun kämpft man um die Gunst der Wähler? Ist klar.
Alles ist mit rechten Dingen zugegangen liebe AfD .....Demokratisch haben sich drei Parteien zur Bildung einer Regierung zusammen gefunden, ob es nun jedem passt ist egal... Liebe Afd wenn Ihr für Eure rechten Gesinnung keinen Partner findet sagt das eigendlich alles!
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