Andrea Ypsilanti Der Erfolg der Unterschätzten

SPD-Spitzenkandidatin Ypsilanti hat CDU-Kampagnenführer Koch ramponiert: Im Wahlkampf sprach die Ex-Stewardess hartnäckig Dialekt, hielt sich mit Verbal-Attacken zurück - und brachte den Rivalen trotzdem um die Mehrheit. Oder gerade deshalb?


Andrea Ypsilanti sieht jünger aus als 50, und in den letzten Wahlkampftagen gab sie auch in Sachen Kondition ein weitaus besseres Bild ab als ihr Konkurrent Roland Koch. Er bekam seine Bronchitis nicht kuriert, sie blühte auf. Seine Sympathiewerte sanken, ihre kletterten nach oben. Er wirkte aggressiv und angespannt, sie euphorisch und erleichtert.

Dass es knapp werden würde zwischen den Spitzenkandidaten, war klar - die Umfragen versprachen bis zuletzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Ypsilanti und Koch. Auch das amtliche Endergebnis zeigt: Die Chance für Ypsilanti, Koch vom Thron zu stürzen und Regierungschefin zu werden, ist greifbar. Denn auch wenn die CDU mit hauchdünner Mehrheit stärkste Partei wurde - Kochs absolute Mehrheit ist passé.

Viele, auch einige ihrer Genossen, hielten sie für chancenlos, als sie im Dezember 2006 zur Herausforderin von Koch gewählt wurde. Jetzt, am Abend der Wahl, ruft Ypsilanti vor jubelnden Anhängern: "Die Sozialdemokratie ist wieder da!".

Ypsilanti hat überzeugt, überrascht und ist um ein Haar an Koch vorbeigezogen. Sah es kurz vor Jahreswechsel noch gut aus für Koch und seine Jugendgewalt-Kampagne, kippte später die Stimmung. Koch wirkte plötzlich zu polternd und zu durchschaubar manipulativ. Die Sympathiewerte für Ypsilanti stiegen. Auch der sozialdemokratische Wahlkampf-Gau in Form von Wolfgang Clement, der die Wählerschaft vor Ypsilanti warnte, scheint der Politikerin nicht geschadet zu haben.

Arbeitertochter gegen Ministersohn

Vielleicht hat Ypsilanti die Wähler auch mit ihrer Biografie überzeugt. Im Gegensatz zum "Ministersohn" Koch, ist ihre nicht übertrieben gradlinig, aber nachvollziehbar: Ypsilanti stammt aus Rüsselsheim, ihr Vater war Werkzeugmacher bei Opel, die Mutter Hausfrau, Ypsilanti hat zwei Schwestern. Nach dem Abitur jobbte sie erstmal ein wenig, arbeitete als Sekretärin in Sulzbach, ging dann ins Ausland.

Sie wirkt bodenständig, aber nicht spießig: Die Fünfzigjährige lebt mit ihrem Lebensgefährten und dem gemeinsamen Sohn zusammen mit einem anderen Paar in einer Wohngemeinschaft in Frankfurt. Mit Studentenzeiten in Spanien und mehrjähriger Arbeit als Stewardess bei Lufthansa fehlt auch ein wenig Glitzer nicht im Lebenslauf.

Mit 29 trat sie der SPD bei, und als Ypsilanti 1991 ihr Soziologie-Studium abschließt, ist sie als erste Frau Landesvorsitzende der Jusos. 1994 kam sie erstmals in die Wiesbadener Staatskanzlei - der damalige Ministerpräsident Hans Eichel holte sie als Referatsleiterin in seine Regierungszentrale. Als Eichel 1999 von Roland Koch abgelöst wurde, zog sie in den Landtag ein.

2003 übernimmt sie den SPD-Landesvorsitz. Die hessische SPD hat gerade die schlimmste Niederlage der Nachkriegszeit kassiert und war bei der Landtagswahl auf 29,1 Prozent abgestürzt. Die neue Vorsitzende profilierte sich bald als Kritikerin der Sozial- und Arbeitsmarktreformen des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Lange Zeit konzentrierte sie sich auf das Innere der Partei, die Bühne im Landtag überließ sie dem als wirtschaftsnahen Pragmatiker geltenden Fraktionschef Jürgen Walter.

Doch als die Frage der Spitzenkandidatur zur Entscheidung drängte, griff Ypsilanti entschlossen zu. Ihren Konkurrenten Jürgen Walter schlug sie in einer parteiinternen Abstimmung - ihr erster Überraschungserfolg, dem sie am Sonntag mit einem wohl knappen Sieg über Koch einen zweiten folgen ließ.

Abitur gegen den Willen ihrer Eltern

Ihre linke Positionen behielt sie all die Jahre bei: Die Hartz-Gesetze will sie weiterentwickeln, sie will für mehr Bildungsgerechtigkeit einsetzen, den Einstieg in die Rente flexibler machen. Ihr biographischer Hintergrund macht sie glaubwürdig. Ihr Weg zur Universität sei ein permanenter Kampf gewesen, erzählt sie. Von der Hauptschule auf die Realschule, dann aufs Gymnasium. Das Abitur habe sie gegen den Widerstand der Eltern gemacht. Auf ihrer Homepage betont sie, dass sie nur durch Bafög an die Uni konnte.

Ypsilanti, die als Andrea Dill geboren wurde und den Namen ihres geschiedenen griechischen Mannes behalten hat, legt Wert darauf, dass sie eine "eschte Hessin" ist. Qualitäten als Rednerin, Wahlkämpferin, Frontfrau liegen ihr zwar nicht im Blut, die musste sie hart trainieren. Der Wandel von der leicht linkischen, sich verhaspelnden Landespolitikerin zur selbstbewussten Spitzenkandidaten ist ihr jedoch im Laufe des Wahlkampfs gelungen.

Jetzt wird Ypsilanti, die ihre Diplomarbeit über das Thema "Frauen und Macht" schrieb, vielleicht erste Ministerpräsidentin Hessens. Sie sagt, sie strebe "eine andere politische Kultur" als Koch an. Eine des Dialogs, des miteinander Sprechens, des Aufeinanderhörens.

SPD-Chef Kurt Beck war von Ypsilanti zunächst nicht überzeugt, heißt es. Im Laufe des Wahlkampfs änderte sich seine Meinung. Inzwischen dürfte Beck um Ypsilantis Potential wissen - spätestens seit heute Abend.

mit Material von dpa



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