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Nach dem Wortbruch: Was wurde eigentlich aus... Andrea Ypsilanti?

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SPD-Politikerin Ypsilanti: Was hat sie noch vor? Zur Großansicht
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SPD-Politikerin Ypsilanti: Was hat sie noch vor?

Ihr Name steht für linke Politik - und für einen massiven Wortbruch: Mit ihrer gescheiterten Regierungsübernahme in Hessen wurde Andrea Ypsilanti in der SPD zur Ausgestoßenen. Die Rückkehr in die Normalität gestaltet sich schwierig.

Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Es gibt viele Wege, den Kontakt mit ihr zu suchen. Man kann, ganz einfach, in ihrem Büro im hessischen Landtag anrufen. Über die Geschäftsstelle des von ihr mitgegründeten "Instituts Solidarische Moderne" müsste sie eigentlich auch irgendwie zu erwischen sein. Und natürlich gibt es noch die Möglichkeit, ihr eine SMS zu schicken.

Sie liest die Nachrichten auch, das ist auf den Mobiltelefonen von heute recht einfach nachvollziehbar. Aber reden will Andrea Ypsilanti offenbar nicht. Sie sei die ganze Woche nicht erreichbar, heißt es von einer Mitarbeiterin.

Das ist sehr schade, denn man würde gerne mit ihr sprechen. Darüber, wie es gerade so läuft in der Politik, welche Rolle sie für sich gefunden hat und was sie eigentlich noch vorhat in Hessen. Fragen, die sich auch in ihrer Partei viele immer wieder stellen, seit dem denkwürdigen 3. November 2008.

Andrea Ypsilanti war mal ein Star in der Sozialdemokratie. Mit einem progressiven Kurs schaffte sie es, im Januar 2008 Roland Koch und der Hessen-CDU eine schlimme Niederlage beizubringen. Doch dann vergaß sie ein Wahlversprechen, wollte sich plötzlich mithilfe der Linkspartei ins Amt der Ministerpräsidentin wählen lassen und scheiterte an ihren eigenen Leuten. Für die SPD war es ein Desaster, ihr Name wurde zur Chiffre für den politischen Wortbruch.

Ihre Aufgaben sind jetzt etwas kleiner als früher

Von der SPD-Spitze wird sie bis heute gemieden. "Ach, die Andrea. Gibt's die noch?", heißt es, wenn man mit Führungsleuten über sie sprechen will. Ja, sie ist immer noch da, auch wenn das außerhalb Hessens kaum jemand mitbekommt.

Andrea Ypsilanti sitzt im Landtag nicht mehr ganz vorne, ihre Aufgaben sind jetzt kleiner. Sie trifft sich mit rumänischen Wanderarbeitern, die sich im Hungerstreik befinden. Sie kümmert sich um Fragen der Bildungspolitik. Und sie hat einen "Roten Club" gegründet, in dem sie in einem Frankfurter Theater mit Gästen linke Politikkonzepte diskutiert.

Es ist der Versuch, sich nach dem Drama vor über sechs Jahren eine neue politische Existenz aufzubauen. Überzeugungen hören ja nicht einfach auf. Wie früher kämpft sie für einen gerechten Arbeitsmarkt, eine entschlossene Umweltpolitik und eine moderne Familienpolitik. Doch die Rückkehr in die Normalität gestaltet sich schwierig, was sicher auch an ihrer Partei liegt. Die SPD zeigt im Umgang mit Leuten, die der eigenen Sache geschadet haben, eine besondere Härte. Die Liste der Beispiele ist lang, sie reicht von Kurt Beck bis Thilo Sarrazin.

Manche Politiker, die brutal von der Bühne geschoben werden, rutschen ins Illoyale ab. Ypsilanti nicht. Sicher, sie beschwert sich schon mal über Sigmar Gabriels Kurs in der Energiewende und beklagt die zu weiche Linie der SPD in den schwarz-roten Koalitionsverhandlungen. Aber im Landtag hat sie sich sehr zurückgehalten. Seit ihrer Demission als Landes- und Fraktionsvorsitzende ist sie nicht ein einziges Mal ans Rednerpult gegangen. Ihre öffentlichen Äußerungen über ihren Nachfolger Thorsten Schäfer-Gümbel sind wohlwollend. Trotzdem hat sie es schwer.

Dass sich ihr Verhältnis mit der Partei nicht wieder wirklich normalisiert, hat auch mit Ypsilanti selbst zu tun. Sie hat sich ein Stück weit eingemauert. Nun ist es - zumal als Politiker - immer schwierig, sein eigenes Verhalten kritisch einzuordnen. Aber wenn man mit Leuten spricht, die sie gut kennen, dann scheinen Ypsilantis Schwierigkeiten in Sachen Reflexion eines der Hauptprobleme zu sein. Manch ein Parteifreund wünscht sich, dass sie mal einen Fehler eingesteht.

Rot-Rot-Grün bleibt ihr Projekt

Stattdessen gibt sie sich trotzig. Rot-Rot-Grün, das Bündnis für einen "linken Aufbruch", war ihr Projekt, und ist es immer noch. Wenn sie sich - was nicht häufig vorkommt - öffentlich äußert, dann darf das Thema nicht fehlen. Sie wirkt, als wolle sie alles noch einmal genau so machen wie damals. Manche Genossen sind davon inzwischen schwer genervt oder wundern sich einfach, warum Ypsilanti nicht einsehen will, dass sie in der Frage linker Bündnisse keine glaubwürdige Instanz mehr ist.

Nach der jüngsten Landtagswahl hat sie dem "Neuen Deutschland" ein Interview gegeben, in dem sie der Landes-SPD rät, mit Linken und Grünen zu koalieren. Wenige Wochen später beklagte sie in einem Gastbeitrag für den "Freitag" die "Ausgrenzung der Linkspartei". Schäfer-Gümbel musste sich plötzlich unangenehmen Fragen zu Rot-Rot-Grün stellen. Am Ende liefen die Grünen in die Arme der Union.

Man darf annehmen, dass Ypsilanti mit der Politik noch ein wenig weitermachen will. Sie ist jetzt 57, das ist noch kein Alter, um aufzuhören. In ihrer Partei werden manche erst mit Ende 60 Kanzlerkandidat. Kanzlerkandidatin wird sie sicher nicht mehr. Dafür ist sie Anfang des Jahres Vorsitzende des Petitionsausschusses im Hessischen Landtag geworden, eine Art Beschwerdegremium für die Bürger des Landes.

Ein Zeichen dafür, das sie noch ein bisschen was vorhat.

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1.
Immanuel_Goldstein 31.07.2014
Zitat von sysopDPAIhr Name steht für linke Politik - und für einen massiven Wortbruch: Mit ihrer gescheiterten Regierungsübernahme in Hessen wurde Andrea Ypsilanti in der SPD zur Ausgestoßenen. Die Rückkehr in die Normalität gestaltet sich schwierig. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/andrea-ypsilanti-spd-politikerin-sucht-neue-aufgaben-a-983378.html
Lügen haben immer kurze Beine, aber wenn man bedenkt, was für gigantische Lügen nach der Ära Ypsilanti in der deutschen Politik verbreitet wurden, dann handelt es sich eher um eine Bagatelle. Allein Koch, Mappus, Guttenberg, Schavan oder gar die Merkel haben hundertmal mehr und schlimmer gelogen. Auswirkungen? Keine.
2.
friedrich_eckard 31.07.2014
Man muss Andrea Ypsilanti allein schon dafür Achtung zollen, dass sie einen medialen Vernichtungsfeldzug überstanden hat, bei dem es erkennbar darauf abgesehen war, sie in den körperlichen Zusammenbruch oder in den Suizid zu treiben. Eine ähnlich dreckige Kampagne dürfte es seit den "Willy-Wahlen" von 1972 nicht gegeben haben, und um frühere vergleichbare Fälle zu finden, wird man schon bis in die Zeiten der Scherl und Hugenberg zurückgehen müssen. Dass ein grosser Teil der SPD-Führung in dieser Sache eine namenlos verachtenswerte Rolle gespielt hat darf in diesem Zusammenhang nicht verschwiegen werden. Wenn es der SPD doch noch gelingen sollte, *nicht* den Weg der PASOK zu gehen, dann wird sie Türen benutzen müssen, die Andrea Ypsilanti aufgestossen hat - und dann wird die Partei sie noch brauchen. Wenn nicht, was wahrscheinlicher ist: dann wird sie hoffentlich rechtzeitig den Absprung finden und sich eine andere politische Heimat suchen. Dass in einem Beitrag über sie das Projekt, ihr Projekt http://www.solidarische-moderne.de/ mit keinem Wort erwähnt wird, dürfte übrigens unter "Omertà" einzuordnen sein.
3.
Marc Anton 31.07.2014
So geht es mit extrempolitischen Knallchargen egal welcher Coleur. Der Wähler ist nicht ganz so dämlich für wie er von diesen Ideologiepolitikern gern gehalten wird. Is`jetzt nicht so schade drum. Sie darf sich gerne mit hungernden Wanderarbeitern oder anderem Klientel ihrer Gutmenschenideologie treffen, solange sich der von ihr zu verursachende Schaden gering hält, darf sie meinetwegen auch weiterhin fürstlich alimentiert werden. Diese Kosten sollten dem deutschen Volk eine ruhiggestellte Ypsilanti wert sein. Darin dürfte wohl auch der einzige Grund liegen, weshalb sie noch nicht zur SED-Nachfolgerin übergetreten ist: sie müsste ihr Mandat aufgeben. Soweit geht die Ideologie dann bei den Salonsozialisten eben doch nicht.
4. Kein Mitleid,
man 31.07.2014
Fr. Ypsilanti wurde doch gut aufgefangen. Übrigens, alle Polit-Lügner gehören ins Abseits gestellt.
5. naja
kyodurl 31.07.2014
die Botschaft war halt, dass Glaubwuerdigkeit noch was zaehlt in der Politik. Als gute Managerin muss man das auf dem Radar haben. Fertig!
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