Merkels Sommer-PK Die kühle Kanzlerin

Um sie herum mag es immer wilder zugehen - und trotzdem lautet Angela Merkels Botschaft bei ihrem traditionellen Sommer-Auftritt: bloß keine Aufregung. Kann das funktionieren?

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Die Veranstaltung läuft jetzt bereits über 70 Minuten, die Luft im Saal der Bundespressekonferenz wird langsam drückend, die Temperatur steigt. Die Erfahrenen unter den Berichterstattern kommen deshalb gerne im Polohemd oder im leichten Kleid, schließlich nennt sich das ganze ja auch Sommerpressekonferenz der Bundeskanzlerin.

Nur Angela Merkel sitzt da vorne in ihrem roten Blazer, als hätte sich die CDU-Chefin ein eigenes Kühlaggregat mitgebracht.

Ob sie erschöpft sei nach all dem Wahnsinn der vergangenen zwölf Monate? Iwo. "Also: Ich klage nicht", sagt die Kanzlerin. "Ich will nicht verhehlen, dass ich mich freue, wenn ich jetzt ein paar Tage Urlaub habe und etwas länger schlafen kann - aber ich klage überhaupt nicht."

Kaum zu glauben. Denn natürlich hat man die Kanzlerin schon frischer erlebt - kein Wunder nach den Anstrengungen der vergangenen Wochen. Auch würde man es ihr nicht verdenken, hätte sie manches und manchen auf den Mond gewünscht. Aber was Disziplin und Arbeitsethos angeht, da kommt eben nach wie vor kaum einer an sie ran.

Es ist Merkels 13. Auftritt in diesem Format seit ihrem Amtsantritt im Herbst 2005. Immer war etwas los, entweder stand eine Bundestagswahl bevor, der Euro musste mal wieder gerettet werden oder Merkel ihre Haltung in der Flüchtlingskrise verteidigen.

Merkels Prinzip: cool bleiben

Das Prinzip Merkel wurde dabei von Jahr zu Jahr erkennbarer. Nämlich möglichst cool zu bleiben, egal was gerade passiert. Aber so deutlich wie 2018 war es nie: Weil es in den zurückliegenden Monaten rund um die Kanzlerin wilder zuging als je zuvor, wird ihre demonstrative Gelassenheit und Ernsthaftigkeit noch auffälliger.

Merkel gibt das sogar zu: Sie will die kühle Kanzlerin sein.

Es sei ihr sehr wichtig, "auf meine Sprache zu achten, präzise zu sein", zu versuchen, "dass die Fakten stimmen". Die Orientierung an Sachlichkeit und Fakten sei ihr sehr wichtig, sagt die CDU-Chefin, "weil ich glaube, dass es zwischen Denken, Sprechen und Handeln einen ziemlich engen Zusammenhang gibt".

Im Video: Merkels Pressekonferenz

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Klarer kann man sich von einem wie US-Präsident Donald Trump nicht abgrenzen - und natürlich auch von führenden CSU-Politikern, die sich im Asylstreit wenig um Maß und Mitte scherten, woran sich die Unionsparteien eigentlich orientieren. Der Ton der Auseinandersetzung sei zuletzt oft sehr "schroff" gewesen, sagt Merkel. "Und dass wir deshalb aufgefordert sind, durch weitere Arbeit zu zeigen, dass wir schwierige Probleme auch in einer anderen Tonalität lösen können."

Sie jedenfalls ist bereit dazu. Das ist die Botschaft dieses Auftritts.

Wozu Merkel nicht bereit ist: öffentlich schmutzige Wäsche zu waschen. Das tun ja gerade CSU-Chef Horst Seehofer und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, die sich in der Öffentlichkeit gegenseitig für die Umfrage-Talfahrt ihrer Partei verantwortlich machen - Merkel dagegen ist an diesem Tag kein persönliches böses Wort zu entlocken, so hartnäckig auch danach gefragt wird. Einige Male betont sie ihre Richtlinienkompetenz mit Blick auf Innenminister Seehofer, der im Asylstreit mit einer eigenmächtigen Entscheidung gedroht hatte. Mehr nicht. Was für sie zählt: Die Regierung ist zusammengeblieben.

Es gibt viel zu tun für die Bundesregierung

Zumal es aus Sicht Merkels so viele wichtige Themen neben der Flüchtlingspolitik gibt, um die sich die Bundesregierung kümmern muss: Pflege, Digitalisierung, die Diesel-Problematik, die mangelnde Innovationskraft der deutschen Wirtschaft überhaupt. Und natürlich die Frage, wie man sich künftig als Deutschland und Europa gegenüber einem amerikanischen Präsidenten Trump aufstellen will, dem offenbar nichts heilig ist.

Apropos Trump. Der legt zwar aktuell Hand an so gut wie alles, was in Jahrzehnten transatlantischer Beziehungen aufgebaut wurde - aber aus Merkels Sicht gibt es schlicht keine Alternative, als das Verhältnis zu ihm "weiterhin zu pflegen". Er ist halt nun mal US-Präsident, es hilft ja nix.

Merkel ist nicht erschöpft, an Rücktritt habe sie auch während des Unionsstreites nie gedacht ("Nein, nein, nein, nein"), von Amtsmüdigkeit könne ohnehin keine Rede sein. Je größer die Herausforderungen auch sein mögen, die Kanzlerin geht sie "mit Freude an der Sache" an.

So funktioniert Angela Merkel, so macht sie Politik. Und Merkel wird das mit 64 auch nicht mehr ändern.



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Seite 1
lupo44 20.07.2018
1. Schade das man wohl in diesem Leben nicht die Gelegenheit haben wird .
dieser Kanzlerin in Ruhe die Fragen zu stellen die einfach auf den Nägeln brennen. Das 13 mal hat Sie diese P.Konferenz gehalten cool und unbekümmert gibt Sie selbstsicher Antworten auf einfache Fragen.Selbst die Frage nach den Urlaubswunsch mit Partnerwahl kann Sie nicht abgewinnen. Für Sie stellt sich diese Frage nicht. Amtmüde -niemals ,im Gegenteil je komplizierter die Situation umso mehr kommt Sie in Schwung. Keine Frage nach der steigenden Altersund Kinderarmut,der Wohnungsnot in Deutschland.,der Enteignung von Flächen für den Wohnungsbau vor allen Dingen zur Befriedigung der Zuzüge von Menschen zu Tausenden. Da ergibt sich schon die Frage wie lange halten wir das Volk das durch und aus? Das sind doch die Fragen die interessieren.Der Einzelne hat Sorgen und zukunftsängste. Die Leute von der Presse scheinen diese Angst nicht zu kennen. Selbst beim Friseur oder in der Taxifahrt wird man mit diesen Ängsten konfrontiert. Es grenzt fast an Überheblichkeit und läßt den Vergleich zu ,zu den Honnecker der fast genauso Selbstherrlich von Hundert Jahren Sozialismus träumte und nicht das Volk hörte oder hören wollte. Also diese Art von Presse Konferenz hat nichts von kritischer Politikbetrachtung.Schade ! Das ist eigentlich ein gutes Forum für Alle es muß nur besser genutzt werden. Trotzdem die Kanzlerin hat ihren Urlaub verdiuent,Alles Gute für Sie
Spessartplato 20.07.2018
2. Speichellecker"journalismus"
...vom feinsten-nur noch von WELT übertroffen. Als Spiegel-Abonnent von 1970-1980 kann ich nur noch verwundert die Augen reiben.
rabandie 20.07.2018
3. Die Coolness, die Sprache, die Frisur…
Jogi Löw und Angela Merkel müssen Geschwister sein! Sie sind Kult, wir können froh sein, wenn wir sie (beide) noch eine Weile haben!
obiwarndemokrat 20.07.2018
4. Weltpolitik
wenn ich die Politiker auf der ganzen Welt betrachte (auch wenn mir manchmal der Stillstand in manchen Dingen bei uns auf den Keks geht) - Trump, Erdogan, Seehofer, usw haben wir verdammtes Glück mit Fr Merkel ....auch wenn ich sie nicht gewählt habe - sie ist schon ein Profi....
fortelkas 20.07.2018
5. Nein, das kann nicht funktionieren!
Dieses Land wird zur Zeit nicht politisch regiert, es wird mühsam verwaltet. Ein Thema beherrscht die Politik: Flüchtlingskrise. Alle anderen Politikfelder liegen weitgehend brach. Und was tut die SPD: Ihre Pflicht, und sie versucht mühsam, sich neu zu erfinden. Nun ja, es ist Sommerpause, vielleicht kommt danach ja noch etwas. Aber ich bin immer wieder fasziniert von den deutschen Wählerinnen und Wählern: Diese Kanzlerin, die die Abwesenheit von Politikgestaltung zum Programm gemacht hat, würde wahrscheinlich wieder eine Wahl gewinnen, fürchte ich. Erschüttert kann ich nur sagen: Deutschland, mir graut vor dir. Erwin Fortelka
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