Merkels Sommer-Pressekonferenz Nagt nichts

Nur ein bisschen Stilkritik: Angela Merkel verabschiedet sich nach turbulenten Monaten erleichtert in die kleine Sommerpause. Eine verpasste Chance.

Angela Merkel
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Angela Merkel

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Was für ein irrer Auftritt der Kanzlerin. Nach dieser Pressekonferenz wankt die westliche Welt.

Die Nato-Mitgliedschaft Chinas vorgeschlagen, die USA als Konstrukt der Vergangenheit verspottet und ein deutsch-russisches Militärbündnis in Aussicht gestellt - Angela Merkel ließ wirklich nichts aus. Der von ihren DDR-Erfahrungen inspirierte Mauerbau an der Grenze zu Österreich, den sie danach im Interview mit "Russia Today" ankündigte, war noch die kleinste Überraschung.

Klingt gaga?

Ist es natürlich auch.

Denn in Wahrheit hat Angela Merkel an diesem Freitag eine ihrer berüchtigten Sommer-Pressekonferenzen gegeben: Nur keine Aufregung. Wird schon. Eins nach dem anderen. Kompromiss. Intensiv arbeiten.

Man mag das bisweilen als langweilig empfinden. Aber vor dem Hintergrund der jüngsten, wirren Auftritte des US-Präsidenten Donald Trump und der Kriegstreiberei seines Freundes Wladimir Putin aus dem Klub der Machismo-Autokraten wirkt Merkels biederer Auftritt vor der Bundespressekonferenz wie ein Zeichen dafür, dass Vernunft doch noch zählt auf dieser Welt.

Immer wieder hat sie die harsche "Tonalität" der gegenwärtigen Politik thematisiert. Sie meint damit natürlich auch Trump, aber mehr noch ihren Quälgeist daheim: Horst Seehofer. "Ich messe der Sprache eine sehr, sehr große Bedeutung zu", so Merkel, "denn sie ist Ausdruck von Denken und sie kann auch Spaltung befördern."

Das ist - dringend nötige - Stilkritik. Denn die Tonalität im Flüchtlingsstreit zwischen Merkel und der CSU steht ja in Kontrast zur zentralen Überschrift, die sich CDU, SPD und CSU vor sechs Monaten über ihren Koalitionsvertrag geschrieben haben: "Ein neuer Zusammenhalt für unser Land".

In der Stilfrage also hat Merkel die richtigen Schlüsse gezogen.

Inhaltlich jedoch hat sie keinen Weg aufgezeigt, wie der wachsenden Spaltung des Landes und der Polarisierung seiner Menschen beizukommen ist. Keine Vision, keine Erzählung, kein großes Ziel. Stattdessen: Management.

Im Video: Merkels Sommer-Pressekonferenz

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Bezeichnend dafür die Szene, als sie von einer Journalistin gefragt wird, ob es für sie, die Kanzlerin, noch eine große Herausforderung gebe, die sie unbedingt angehen wolle. Im Grunde genommen etwas, das an ihr nage. Nagen - das Wort hat etwas Drängendes, Unaufschiebbares, auch Schmerzhaftes. Kurz: Motivation für einen größeren Politikentwurf.

Merkel gefällt dieses Wort nicht.

Sie spricht stattdessen von der interessanten und spannenden Zeit, um die es sich bei der Gegenwart handele. Von wichtigen Veränderungen der globalen Ordnung. Das erfordere alles die ganze Aufmerksamkeit einer Bundeskanzlerin. Heißt: Merkel will politische Prozesse managen. Sie will so weitermachen wie bisher.

Doch diese rein reaktive Politik reicht nicht mehr aus in einer Zeit, in der Führung mehr ist als Verwaltung. National wie international.

Nur ein Beispiel: Die Kanzlerin beteuert, der Wohlstand des Landes solle nicht nur bei einigen, "sondern bei möglichst allen ankommen". Ein Satz aus dem Standardrepertoire. Was, bitte schön, folgt denn daraus? Ist die Ungleichverteilung des Reichtums in Deutschland nicht eines der Themen, die an einer Kanzlerin heftig nagen sollten?

Denn es sind doch soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit, die über den Zusammenhalt einer Gesellschaft entscheiden.

Darum ist es nicht gut bestellt: Die unteren 40 Prozent der abhängig Beschäftigten können sich von ihrem Lohn heute weniger kaufen als vor rund 20 Jahren; jedes fünfte Kind lebt in Armut; jeder dritte Alleinerziehende kann sich keinen Urlaub leisten; die Mieten steigen, und zum Immobilienerwerb braucht es oftmals eine Erbschaft; nicht Leistung entscheidet vornehmlich über den Bildungserfolg, sondern die soziale Herkunft.

Und wer sein Geld arbeiten lässt, der wird immer reicher. Wer selbst arbeitet, bleibt da, wo er ist. Wenn es gut läuft.

Warum nagt all das eigentlich nicht an der Kanzlerin?



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insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
Sensør 20.07.2018
1. Warum nagt all das eigentlich nicht an der Kanzlerin?
Ist doch klar: weil die CDU noch nie sozial aufgestellt war. Die Frage ist doch eher, "warum unterstützt die SPD diese Politik gern so unterwürfig?" - aber das hattten wir ja schon zigmal.
ptb29 20.07.2018
2. Hat jemand etwas anderes von dieser Pressekonferenz erwartet?
Weiter so wie bisher. Da helfen auch eingelöste Wahlversprechen nicht, denn der Besuch eines Pflegeheims oder eines Kalbs lösen nicht die Probleme in Deutschland. A.Merkel hat fertig. Sie wird intensiv nachdenken, bis ein neues Thema durch die Medien gepeitscht wird. Dann wird der Regierungssprecher von der Betroffenheit der Kanzlerin reden, bis es wieder vergessen wird.
Capetonian 20.07.2018
3. Stillos .... aber Management???
CSU vernichtet. - Bestätigung kommt im Herbst. Konferenzen besucht. Regierungszeit ausgesessen. Läuft. Nein, Nein, Nein. Aussitzen ist kein Management. Warum nagt das nicht an der Kanzlerin? - Einfache Antwort: Falsche Frage. Warum sollte es? - Warum nagt das nicht an der CDU? - Einfache Antwort: Warum sollte es? Die Diäten sind sicher. Die Diäten wurden erhöht. Die Verluste lassen sich leicht ausgleichen. Man muß nur die Zahl der Bundestagsabgeordneten erhöhen. Die A-Karte haben diesmal die CSU und die CDU-Hessen. Aber für die Honoratioren wird sich noch ein gutdotierter Job finden. ... Hat sich immer gefunden.
ach 20.07.2018
4. Warum?
Wenn niemand nagende Fragen stellt, nagt eben nichts an der Kanzlerin. Und warum Sebastian Fischer keine nagende Frage gestellt hat, wissen wir jetz natürlich auch nicht.
Tomas Maidan 20.07.2018
5. Auch so warm?
Bei Ihrem Kolumnisten ist es auch so warm...? Aber im Ernst: Diese Comedy-mäßigen Einleitungszeilen sind heutzutage missverständlich. Seit Donald Trump Irrsinn en MAsse produziert, sind keine Quatsch-Übertreibungen mehr möglich. Dies ist das Ende von humoresken Übertreibung.
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