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Auftritt in EVP-Fraktion: Merkel kanzelt Osteuropäer ab

Von , Straßburg

Flüchtlingskrise: Merkels Frust Fotos
AP

Im Europaparlament beschwor Merkel die Einheit der Europäer. Doch wie sich nun zeigt, schimpfte die Kanzlerin beim Auftritt bei der Europäischen Volkspartei ungewohnt deutlich: über die Verweigerung der Osteuropäer in der Flüchtlingskrise.

In ihrer Rede vor dem Europäischen Parlament fand Angela Merkel Worte voller Pathos. Die Kanzlerin beschwor die Einigkeit der Europäer. Nur gemeinsam könnten sie die Krise meistern, so der Tenor der Kanzlerin. "Wir dürfen nicht der Versuchung erliegen, in nationalstaatliches Handeln zurückzufallen, ganz im Gegenteil."

Hinter verschlossener Tür wurde die Kanzlerin am Mittwochnachmittag ungleich deutlicher. Für ihre Verhältnisse war es geradezu Klartext. Vor ihrem Auftritt vor dem Parlament schaute Merkel für eine gute Stunde bei den Abgeordneten der Europäischen Volkspartei (EVP) vorbei. Als sie nach ihren einleitenden Worten zur Haltung der Osteuropäer in der Flüchtlingskrise gefragt wurde, lässt Merkel ihrem Frust freien Lauf, wie mehrere Teilnehmer SPIEGEL ONLINE berichteten.

Sicher könne man über besondere Empfindlichkeiten osteuropäischer Länder in der Flüchtlingskrise reden, sagte Merkel als Antwort auf eine Frage eines Abgeordneten aus Tschechien. "Wenn einer sagt, ich kann nicht so viel, gebt mir ein bisschen Zeit, haben wir in Europa immer eine Regelung gefunden", so Merkel konziliant. "Wenn aber jemand sagt, das ist nicht mein Europa, wenn da Muslime im Land leben, dann muss ich sagen: Das sind Sachen, die kann man nicht verhandeln." Andere Völker kämen auch mit fremden Nationalitäten zurecht, so Merkel und verwies auf Frankreich und Deutschland, wo Millionen von Algeriern und Türken lebten.

Glaubwürdigkeit Europas stehe auf dem Spiel

Mit Argumenten, man wolle keine Muslime, hatte sich vor allem die Regierung in der Slowakei lange gesperrt, Flüchtlinge aus Italien oder Griechenland aufzunehmen. Beim Beschluss der EU-Innenminister, 160.000 Flüchtlinge in Europa umzuverteilen, mussten Slowaken wie Ungarn, Tschechen und Bulgaren Ende September sogar per Mehrheitsbeschluss überstimmt werden.

Die Verweigerungshaltung habe Auswirkung auf die Glaubwürdigkeit der Europäer, findet Merkel. "Wir können auch schwer auftreten und für die Würde jedes Menschen eintreten. Wie sollen wir für die Freiheit der Christen in der Welt eintreten, wenn wir sagen, Muslime und eine Moschee kommen bei uns nicht ins Land? Das geht nicht. Eine prinzipielle Haltung wie die, ist - ich muss es so hart sagen - eine Gefahr für Europa."

Merkel machte klar, dass sie auch vor dem Hintergrund ihrer eigenen Lebenserfahrung die Haltung der Osteuropäer für schwer nachvollziehbar hält. "Dass gerade diejenigen, die so froh über das Ende des Kalten Krieges sein können, denken, aus der Globalisierung könne man sich heraushalten, kommt mir irgendwie komisch vor."

Im Video: Die Kanzlerin fordert Respekt gegenüber Flüchtlingen

REUTERS

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 198 Beiträge
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1. Gut so!
hermes69 08.10.2015
Ich mag Ihre "Alternativlos" Politik nicht, hier hat Sie aber Recht. Wenn Europa mehr sein soll als offene Grenzen, dann müssen alle mitziehen. Aber die osteuropäischen Staaten waren eigtl. immer nur in einem gut: Hand aufhalten!
2. Klasse Frau Merkel !
postmaterialist2011 08.10.2015
Ich habe sie nicht gewählt, aber die Position von Frau Merkel in der Flüchtlingsfrage gefällt mir richtig gut. Endlich bezieht sie Stellung und sie macht es sehr gut. Ihre Positionen bei Anne Will und vor der EVP- Fraktion kann man nur unterstützen. Wir können nicht die Grenzen schliessen und wegsehen. Deutschland hat soviel Leid über Europa gebracht, dass wir verpflichtet sind mit gutem Beispiel voranzugehen. Danke Frau Bundeskanzlerin, meinen höchsten Respekt haben Sie !!
3. Seltsam, dass niemand darauf verweist...
BettyB. 08.10.2015
Und was sollen nach Ansicht der Slowaken und Tschechen Muslime machen, die in den Ländern bereits und zwar "seit Generationen" leben? Was auch Christen und Atheisten, die meinen, der Islam sei der "rechte, weil richtige Weg"?
4. Hoffentlich ist sich die gute Frau
pratter 08.10.2015
im Klaren darüber, dass es das dann mit der EU in der jetzigen Form war. Alles zu haben geht nicht. Alles zu bestimmen geht erst recht nicht. Mir fehlen die Worte ob solcher Arroganz. Moralischer Imperialismus (Orban).
5. Hätte sie das mal dem Schäuble gesagt... diesen Sommer....
roby 08.10.2015
Es freut mich, dass die Kanzerlin nun endlich mal spricht und Werte vertritt..... Danke dafür.... Aber die Sache mit der Solidarität die hat die Union, insbesonere Schäuble, mit der Griechenlanddemütigung in die Mülltonne der Geschichte getreten.... Europa ist zur Löwengrube geworden. Wir ernten höchsten ein mildes Lächeln, wenn wir in Europa Solidarität einfordern....
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