Angela Merkel bei der Jungen Union Bis der Endboss kommt

Ihre Macht bröckelt, die Umfragen sind mies - doch Angela Merkel bekommt noch einmal die Rückendeckung der jungen Garde. Einer aber inszeniert sich bereits als Gegenmodell.

Merkel bei der Jungen Union
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Merkel bei der Jungen Union

Aus Kiel berichtet


Die jungen Leute haben der Frau Bundeskanzlerin höflichst gedankt für ihren Besuch und überhaupt für all ihre Jahre im Amt. Sie haben sich auch mit ein paar Fragen an sie gewandt an diesem Samstag in der Kieler Arena, wo sonst Handball gespielt wird und sich nun die Junge Union zum Parteitag versammelt hat, genannt "Deutschlandtag".

Sie haben Angela Merkel nach dem Soli gefragt und haben gesagt, dass der nun endlich wirklich mal abgeschafft gehört. Sie haben sich ein bisschen für die deutsche Autoindustrie in die Bresche geworfen, weil man doch bei dem ganzen Diesel-Ärger auch nicht übertreiben darf. Einer forderte gar die Erhöhung der Pendlerpauschale. Entsprechend entspannt sitzt die Kanzlerin da oben auf dem Podium.

Bis sich irgendwann doch mal jemand traut.

Die Union habe "noch nicht die richtigen Schlüsse" aus der Flüchtlingskrise gezogen, meldet sich ein Delegierter aus Bayern zu Wort. Natürlich weiß er auch den alten Seehofer-Spruch von der "Herrschaft des Unrechts" in seiner Wortmeldung unterzubringen. "Wie beabsichtigen Sie", fragt er schließlich die Kanzlerin, "politische Führung wiederherzustellen?" Und er fügt hinzu: "Ich glaube nicht, dass es mit Ihnen noch möglich ist." Er erntet ein bisschen Gegrummel im Publikum.

Nur ein Revolutiönchen

Weil die Fragen gesammelt werden, dauert es einen Augenblick, bevor Merkel auf den einsamen Rebellen aus Bayern zu sprechen kommt. Sie macht das recht offensiv und das ist schon ein Zeichen, dass sie sich hier in Kiel sicher fühlt. Dass sie von dieser Jungen Union nichts zu fürchten hat.

"Diesen Begriff der 'Herrschaft des Unrechts' weise ich zurück", sagt sie. Niemals sei damals Recht in großem Maße verletzt worden, das sei sogar gerichtlich bestätigt: "Bitte fangen wir jetzt nicht damit an!" Sie sagt dann ihre Standardsätze: dass man Schleppern und Schleusern das Handwerk legen und die illegale Migration so gering wie möglich halten müsse; dass es legale Möglichkeiten der Zuwanderung geben müsse, etwa für Studenten oder Fachkräfte; dass aus humanitären Gründen Menschen aufgenommen würden.

Merkel, JU-Chef Paul Ziemiak
FOCKE STRANGMANN/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Merkel, JU-Chef Paul Ziemiak

Mehr als diesen Bayern hat Angela Merkel an diesem Tag im Publikum nicht zu fürchten. Die Jungunionisten stimmen zwar noch für die Amtszeitbegrenzung künftiger Kanzler, aber das ist dann nun wirklich nur ein klitzekleines Revolutiönchen. Das war's.

Und das ist auch so beabsichtigt.

Denn nach der überraschenden Wahl von Ralph Brinkhaus zum Unionsfraktionschef gegen Merkels ausdrücklichen Wunsch sowie vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Wahlschlappen in Hessen und Bayern sowie bundesweiten Umfragewerten unter der 30-Prozent-Marke ist der Autoritätsverlust der Kanzlerin auch so schon offensichtlich. Merkels Abschied von der Macht hat begonnen - die JU aber will ihn gegenwärtig nicht beschleunigen.

Tatsächlich bewegt sich Merkel gerade in einer Art Zwischenwelt. Bevor nicht die Bayern am 14. Oktober und die Hessen am 28. Oktober abgestimmt haben, hat die Kanzlerin Schonfrist. Danach könnte - je nach Ergebnis - der Hamburger CDU-Parteitag Anfang Dezember in den Fokus rücken.

Denn Merkel hat klargemacht, dass sie dort selbstverständlich wieder als Parteivorsitzende kandidieren wird. Zwar haben sich ein hessischer Unternehmer sowie ein Berliner Student bereits als Gegenkandidaten angekündigt, doch ist deren Antreten mehr Symptom von Merkels Autoritätsverlust als realistische Gefahr. Alle warten nun erst einmal die Wahlen ab.

Wagt Spahn die Kampfkandidatur?

Als Lehre aus dem politischen Ende ihres Vorgängers Gerhard Schröder hat Merkel die Überzeugung gezogen, dass man Kanzlerschaft und Parteivorsitz nicht voneinander trennen darf. Daran will sie nun nicht rütteln. Klar ist: Damit erhöht sie die Schwelle maximal, die ein potenzieller Herausforderer auf dem kommenden CDU-Parteitag überwinden müsste. Denn anders als im Falle Brinkhaus könnte ein solcher Herausforderer ja nicht mehr damit argumentieren, dass es ihm ganz und gar nicht darum gehe, Merkels Kanzlerschaft zu beenden. Ganz im Gegenteil müsste derjenige, der Parteichef werden will, auch Kanzler können. Und zwar sogleich.

Partei und Kanzleramt in einer Hand: Das ist die geltende Merkel-Doktrin. Diese Doktrin soll die Kanzlerin auch davor schützen, dass sich jenseits von ihr neue Bündnisoptionen auftun. Kein Zufall, dass sie gleich zu Beginn ihrer Kieler Rede eine Spitze gegen FDP-Chef Christian Lindner setzt: Die gescheiterten Jamaika-Verhandlungen in Berlin hätten gezeigt, dass die FDP keine Lust auf Verantwortung habe, und das sei "staatspolitisch ein großer Fehler", sagt Merkel. Lindner reagiert prompt, wehrt sich gegen "falsche Unterstellungen" und erklärt Merkels Politikstil "zum Problem".

Heißt: Ein neuer CDU-Chef könnte möglicherweise auch neue Bande zu FDP und Grünen knüpfen. Merkel hingegen wird sich ausschließlich mit der GroKo an der Macht halten können, deshalb verteidigt sie das Bündnis auch in Kiel vor der JU und gelobt Besserung.

Die Delegierten finden das prima. Sie schenken der Kanzlerin noch eine gelbe Regenjacke und sie erwidert schlagfertig: "Aus diesem Geschenk schlussfolgere ich, dass Sie mich nicht im Regen stehen lassen wollen. Das finde ich toll." Da können sie nur nicken bei der JU.

Dass die Kanzlerin dennoch nicht allzu siegesgewiss an Kiel zurückdenken dürfte, liegt am Auftritt ihres Gesundheitsministers und heimlichen Rivalen. Jens Spahn wird ohnehin traditionell bei der JU gefeiert wie ein Popstar, weil er noch nicht 40 Jahre alt und trotzdem konservativ ist. Es ist ja so, dass in der modernen CDU die jungen Leute konservativer, die älteren progressiver sind. Spahn traut sich eine Menge zu, und man darf gern davon ausgehen, dass Kanzleramt und Parteivorsitz dazugehören.

Nur wann ist der richtige Zeitpunkt? Ist eine Kampfkandidatur gegen Merkel um den CDU-Vorsitz im Dezember denkbar?

Jens Spahn, Hoffnungsträger der Konservativen
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Jens Spahn, Hoffnungsträger der Konservativen

Nicht wahrscheinlich, aber möglich. Es ist so viel im Umbruch in der Union gerade. Doch auch für Spahn gilt: Erst mal die Oktober-Wahlen abwarten. Sein Auftritt in Kiel ist derweil höchst geschickt. Denn er stößt in den Bereich vor, der Merkels größte Schwäche ist: ihre Sprachlosigkeit. Die Kanzlerin weicht seit Jahren Debatten aus, sie bietet keine große Erzählung für ihre Politik an. Hat sie nie gemacht. Es ist nun aber auch diese Sprachlosigkeit, die ihre Macht immer stärker erodieren lässt.

Dagegen Spahn in Kiel: Debatte, Debatte, Debatte. Kein Wort nutzt er häufiger bei seinem Auftritt. Debatten führen und zum Abschluss bringen. Selbstbewusster müsse man auftreten, das Programm überzeugter vortragen. "Wir sind angetreten, um dieses Land zu führen", ruft er.

Wer so redet, dessen Machtanspruch schwingt immer mit. Seine Reden sind grundsätzlicher geworden, pathetischer auch. Das nächste Level. Es geht jetzt ums große Ganze, manches klingt schon sehr amerikanisch: "Wenn wir es richtig machen, dann liegt die beste Zeit Deutschlands und Europas noch vor uns!"

Man kann auch sagen: Jens Spahn testet die Wasser. Als er in den Saal kommt, dröhnt aus den Boxen der Song "Endboss" des Rappers Marteria: "Ich spring von Level zu Level zu Level. Bis der Endboss kommt." Der Endboss - das ist in Computerspielen der Endgegner, die letzte Hürde, bevor das große Ziel erreicht ist.

Spahns Endgegner sitzt im Kanzleramt.



insgesamt 63 Beiträge
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gerhard.heinzmann 06.10.2018
1. Schlimmer geht's immer ...
Jeans Spahn als Nachfolger von Angela Merkel - ist das wirklich alles was die CDU zu bieten hat? Das erinnert mich stark an die Rangfolge der CDU-Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg; erst der hervorragende Späth, dann der mittelmäßige Teufel, dann der unsägliche Oettinger und als man dachte schlimmer geht's nicht kam der arrogante Mappus - und dann kam der erste grüne Ministerpräsident in BW. Ich denke mal so könnte es im Bund mit der CDU auch weitergehen wenn da nicht bald mal ein neuer Charakterkopf auftaucht ...
haarer.15 06.10.2018
2. Zahm und artig wie immer
Stimmt. Von dieser artig lächelnden jungen C-Nachwuchsgarde hat Frau Merkel wirklich nichts zu befürchten. Null. Mag es ein bisschen im Hintergrund grummeln, so ist dieser konservative Konfirmanden-Verein doch wenig glaubwürdig und wirkt mit dieser falschen Solidarität irgendwie lächerlich. Kein Mumm, keine Dynamik und auch keine Inspiration. Wenn das die Zukunft der CDU sein soll, dann aber Gute Nacht.
orca20095 06.10.2018
3. Spahn ist die Alternative?
dazu noch ein Söder in München, es kann doch nicht des Bürgers Wille sein, nur noch lärmende Demagogen auf Positionen zu hieven, die unbedingt Kompetenz benötigen. Die Inkompetenz zieht sich doch wie ein roter Faden durch die politischen Führungskräfte, siehe Frau von der Leyen mit ihren Pannenprojekten, Frau Nahles und ihr Verhandlungstalent, Herr Scheuer mit seiner Diesel-Sauerei, dann kann mit Herrn Spahn an der Spitze ein dauerhaftes, inhaltsloses Schaulaufen des „Kabinetts“ beginnen.
götzvonberlichingen_2 06.10.2018
4. Spahn
Ach der Spahn. Bislang kann man nicht erkennen, was ihn für höhere Aufgaben qualifiziert. Sind es die markigen Sprüche? Seine Gastbeiträge in diversen Kolumnen als „Wertkonservativer“? Seine Freundschaft zum Botschafter der USA in Berlin? Er ist kein Macher, niemand der etwas bewegen kann, seine „Erfolge“ als Gesundheitsminister zeigen das deutlich. Spahn spaltet - das ist nichts was die CDU braucht. Nichts womit man mehr Wähler gewinnen kann.
Johannes60 06.10.2018
5. Nachfolge
Es ist schon etwas her, aber damals hatten die Deutschen eigentlich Herrn Kohl satt. Durch die Wiedervereinigung wurde er dann doch noch einmal Kanzler.... Merkel musste aber nicht gleich übernehmen. Da gab es erst einmal einen Wechsel zur SPD mit Schröder als Kanzler und gegen den konnte man aussichtslose Kandidaten wie Herrn Stoiber ins Rennen schicken. Angela Merkel hatte also hinreichend Zeit, ihre Machtbasis in der Union zu festigen, bevor sie die Rolle als Kanzlerin überahm.Für einen Nachfolger wird das sicher deutlich schwerer
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