Merkel beim Schulbesuch "Da kommt ein Mädchen mit kurzem Rock, da gucken die Kerle alle"

Zum EU-Projekttag besucht Angela Merkel eine Berliner Schule. Doch bei den Schülern der Röntgen-Sekundarschule an der Grenze zu Neukölln geht es nicht um Europa. Unversehens gerät die Kanzlerin in eine Integrationsdebatte.

AP

Von


Es ist der Tag der Selfies für die Kanzlerin. Die Schüler der Röntgen-Sekundarschule stehen Spalier, sie recken Hände und Handys, Angela Merkel läuft im Zickzack durch die Reihen.

Mal grüßt sie rechts an der Absperrung, dann wechselt sie auf die andere Seite. Merkel schlängelt sich zu türkischen Trommlerinnen durch, auch für sie hat sie noch ein Lächeln. Bei einem jungen Mann verweilt sie etwas länger, auf der Rückseite seines Mobiltelefons hat sie einen Aufkleber entdeckt, ein Gesicht. Merkel will wissen, wer das ist. Atatürk, lautet die Antwort, der Gründer der modernen Türkei.

Die Kanzlerin besucht eine Berliner Schule, zum EU-Projekttag ist das für Angela Merkel schon eine kleine Tradition. Im vergangenen Jahr war sie bei einer deutsch-polnischen Europaschule. Heute ist die Röntgen-Sekundarschule im Berliner Stadtteil Treptow dran.

Die Schule ist eine Besonderheit: Sie liegt in einem Ostberliner Stadtteil, doch ihre Schüler stammen hauptsächlich aus dem Westen, aus Neukölln genauer gesagt. Früher lag die Mauer dazwischen. Das passt ganz gut zum Einheitsjubiläum in diesem Jahr. Die Kanzlerin aber sucht die Schule wegen deren Namensgeber auf, dem Physiker Wilhelm Conrad Röntgen.

Es soll um Europa gehen, doch die Mädchen und Jungs, die mit Merkel nach einer kurzen Besichtigungstour in der Aula auf dem Podium sitzen, haben ganz andere Probleme als die große europäische Idee. Sie wollen nicht wissen, wie in Brüssel Politik gemacht wird, sondern erst einmal ihren Alltag in Berlin-Neukölln auf die Reihe kriegen.

Es geht um die Schwierigkeiten, die junge Araber und Türken mit den Deutschen haben - und umgekehrt. Es geht darum, wie man mit dem Stempel "Nord-Neukölln" in Deutschland eine Ausbildungsstelle und später einen Job bekommen kann. "Nord-Neukölln", wenn die Schüler das hier sagen, klingt es wie ein Kampfbegriff.

Ausgehtipps von der Kanzlerin

Fatma, eine 15-jährige Jugendliche mit Kopftuch, klagt über Schwierigkeiten beim Praktikum im Kindergarten, weil die Eltern keine Erzieherinnen mit Kopftuch wollen. Das habe ihr Chef ihr gesagt. Ja ja, sagt Merkel, die inmitten der Schüler auf der Bühne Platz genommen hat, man kenne das Problem von Bewerbungen junger Menschen mit komplizierten, ausländisch klingenden Namen. "Viele glauben da nicht, dass jetzt gleich ein Nobelpreisträger in Mathematik um die Ecke kommt."

Ein Schüler beklagt sich, in Stadtteilen, wo mehr Deutsche wohnten, seien die Mieten so hoch, sodass Ausländer unter sich bleiben müssten. Merkel zieht die Stirn in Falten. Gentrifizierung, Wohnungsprobleme, das sind ja nicht so die Themen, die täglich auf ihrem Schreibtisch im Kanzleramt landen. Manche Gegend würde sich ja schnell ändern, sagt die Kanzlerin. "Im Prenzlauer Berg waren früher nur Ostdeutsche, jetzt ist alles voll mit Baden-Württembergern."

Die aktuelle Politik flammt kurz auf, als ein Schüler wissen will, warum Deutschland an Israel Waffen liefere, an die Palästinenser jedoch nicht. Trifft sich gut, die Frage, sagt Merkel. Der israelische Präsident sei an diesem Tag auf Staatsbesuch, sie treffe ihn gleich. "An Israel verkaufen wir Waffen, ja", sagt sie. "Weil wir glauben, dass Israel sich verteidigen muss." Sie verweist auf den Holocaust, die besondere Verantwortung, die Deutschland für Israel habe.

"Gehen Sie doch mal nach Hellersdorf ins Kino"

Nicht jeder Rat ist hilfreich. "Wir möchten auch mal deutsche Freunde haben", sagt einer der Jungen auf der Bühne. "Gehen Sie doch mal nach Hellersdorf ins Kino", antwortet Merkel. "Oder nach Charlottenburg ins ... Ich weiß nicht, wo man so hingeht." Der Junge sagt: "Kommt drauf an."

Außerdem würden die Leute ja nicht nur bei Ausländern komisch schauen, gibt sie zu bedenken. "Da kommt ein Mädchen mit einem kurzen Rock. Da gucken die Kerle auch alle hin." Merkel überlegt weiter, ob ihr noch was einfällt. "Ich werde auch immer angeguckt, wenn ich wo auftauche", sagt sie.

Dann gibt's noch ein bisschen Nachhilfe, was den Namenspatron der Schule angeht. Ob sie denn wüssten, wer Röntgen gewesen sei, will Merkel wissen. "Na klar", sagt ein Junge. Zeitlich können sie ihn irgendwie einordnen, doch die Frage, wo der Physiker 1895 die ersten Röntgenstrahlen entdeckt habe, bringt die Schüler ganz schön durcheinander. "In England", sagt eine.

"Was?!", sagt die Kanzlerin empört. "In Würzburg war das, und begraben liegt er in Gießen." Dann lächelt sie sanft, es folgt ein letzter Rat. "Macht da mal 'ne Klassenfahrt hin. Da lernt ihr dann auch Deutsche kennen."

insgesamt 135 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ambulans 12.05.2015
1. ehrlich?
"da gucken die kerle alle"? ehrlich? - oder doch eher: nach bestem wissen und gewissen?
PowlPoods 12.05.2015
2. So
gehört sich das. Das Volk wird überwacht, belogen und betrogen, aber die Kanzlerin macht auf Folklore und holt die entscheidenden Punkte. Sie ist einfach Klasse. Jeder Skandal perlt an ihr ab, wie wasser an einer Wildsau. So mögen wir das.
Bueckstueck 12.05.2015
3.
War das so bizarr wie es klingt?
bellfleurisse 12.05.2015
4. ???
"Früher lag die Mauer dazwischen. Das passt ganz gut zum Einheitsjubiläum in diesem Jahr. " Die Einheit jährt sich jedes Jahr. 26 werden es dieses Jahr Von Jubiläum spricht man doch eher bei "runden" Zahlen., oder? Meint SPON das 25 jährige Jubiläum? Das war letztes Jahr... Oder meint SPON was anderes? Dann bitte ich um Aufklärung, was sich "eint". Danke
bardeaustinte 12.05.2015
5. ...
Warum unterscheidet man eigentlich "Deutsche" und - dann ja wohl - "Nicht-Deutsche"? Unter Integration stelle ich mir was anderes vor, aber dieser vermeintliche Unterschied scheint ja in den Köpfen der Schüler_innen und Kanzler_innen fest verankert zu sein...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.