Merkels Absturz Die Arroganz der Macht

Rechnet man richtig, dann hat Angela Merkel nur 23,9 Prozent der Stimmen geholt. Wie konnte es dazu kommen? Eine Erklärung liegt in der Auswahl der Leute, die unter ihr etwas werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)
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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)

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Sie könne nicht erkennen, was man hätte anders machen können, hat Angela Merkel nach Bekanntgabe des offiziellen Wahlergebnisses erklärt. Das hat sie wörtlich so gesagt. "Ich sehe nicht, was wir anders machen sollten." Die Bundeskanzlerin mag mir meine Anmaßung verzeihen, aber mir fiele einiges ein.

Es ist ein Debakel, was die CDU am Sonntag erlebte, anders lässt es sich nicht sagen. Betrachtet man nur Merkels eigene Partei, dann haben 12,4 Millionen Deutsche der CDU-Vorsitzenden ihre Stimme gegeben. Das sind 23,9 Prozent aller Wahlberechtigten außerhalb Bayerns. Dass die Kanzlerin anschließend behauptete, sie freue sich über das Ergebnis, wollen wir der Konfusion des Augenblicks zurechnen.

Ich möchte an dieser Stelle zwei Geschichten erzählen, die aus meiner Sicht eine Erklärung für den Absturz der CDU liefern.

Die eine Geschichte, die ich erzählen will, handelt von Wolfgang Bosbach. Bosbach ist das, was man einen "Vote Getter" nennt. Jeder in der CDU, der seine fünf Sinne beisammen hat, ist froh, wenn der Mann aus Bergisch Gladbach sich aufmacht, um im Wahlkampf auszuhelfen. Die Leute kommen freiwillig und in großer Zahl, wenn er auftritt, das unterscheidet ihn von vielen seiner Kollegen.

Bosbach hat ein großes Talent: Er kann so reden, dass man ihm gerne zuhört. Statt die Menschen mit Phrasen zu langweilen, versteht er es, Geschichten zu erzählen, die Politik anschaulich machen. Er versucht auch nie, den Zuhörern ein X für U vorzumachen. Es gibt einen Grund, warum er seit Jahren die Talkshow-Listen der am häufigsten eingeladenen Politiker anführt.

Bosbach hat Krebs, deshalb hat er beschlossen, nicht noch einmal für den Bundestag zu kandidieren. Man sieht es ihm nicht an, aber er muss schwere Medikamente nehmen, um die Krankheit in Schach zu halten. Eine Nebenwirkung der Arzneimittel ist ein "Fatigue Syndrom". Sechs bis acht Stunden nach Einnahme seiner Pillen überkommt ihn bleierne Müdigkeit.

Bosbach wäre nicht Bosbach, wenn er sich von seiner Krankheit davon abhalten ließe, rauszugehen und Politik zu machen. Er hat in diesem Wahlkampf für die CDU 48 Termine wahrgenommen. Er war in acht Bundesländern unterwegs, auch dort, wo es schwierig ist und man nicht auf einen von der CDU gewartet hat.

Wenn es geht, fängt er um 19 Uhr an, damit er fertig ist, bevor die Müdigkeit einsetzt, aber das lässt sich nicht immer steuern. Vor einiger Zeit hat er im Konrad-Adenauer-Haus angerufen und gefragt, ob man ihm einen Fahrer stellen könne. Er hat seine Situation geschildert, er hat erklärt, dass er am Steuer einschlafe, wenn es später als 21 Uhr werde. Man hat ihm geantwortet, dass nur Mitgliedern des Präsidiums ein Dienstwagen zustehen würde. Ob er ein Mitglied des Präsidiums sei?

Das ist Bosbach leider nicht, weil die Kanzlerin und ihre Getreuen den Mann aus dem Rheinland nie leiden konnten. Deshalb ist er auch nie über den Posten eines stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden hinausgekommen, obwohl alle außerhalb des Kanzleramtes wissen, dass er einen fabelhaften Innenminister abgegeben hätte. Seine 48 Termine hat Bosbach natürlich trotzdem absolviert, auch ohne Fahrer.

Sie können das für eine mehr oder weniger bedeutungslose Anekdote halten. Aber eine Partei, die nicht in der Lage ist, die wenigen Leute, die von den Wählern wirklich gemocht werden, gut zu behandeln, hat es aus meiner Sicht nicht besser verdient, als am Wahltag abgestraft zu werden.

Die zweite Geschichte handelt von dem Moment, als Alexander Gauland beschloss, sich an der CDU zu rächen. Es ist im Prinzip die gleiche Geschichte wie bei Bosbach, also eine, die von Leichtfertigkeit und Ignoranz handelt, nur hat diese für die Union noch weitaus gravierendere Konsequenzen als die schäbige Behandlung eines verdienten Mannes, dem man den Wagendienst verweigert.

Gauland kann bis heute den Tag benennen, an dem seine 40-jährige Beziehung zur CDU zerbrach. Ich weiß das, weil ich ihn gefragt habe. Es war im Februar 2012 während eines Abendessens mit dem CDU-Generalsekretär, der damals Hermann Gröhe hieß. Gröhe hatte in die Parteizentrale am Berliner Tiergarten eingeladen, um über die Zukunft des "Berliner Kreises" zu reden, eines Zusammenschlusses konservativer CDU-Mitglieder, zu denen auch Gauland gehörte.

Gröhe habe sie wie den letzten Dreck behandelt, sagt einer, der an dem Abend dabei war. So als seien die Anwesenden Politpraktikanten, denen man Befehle erteilen könne. Irgendwann habe Gauland sich zurückgelehnt und Gröhes Tiraden schweigend verfolgt. Ein Jahr später trat er aus der CDU aus. Jetzt ist Gauland der Lafontaine der CDU. Solange er in der AfD das Sagen hat, wird es keinen Frieden mit der Partei geben, deren Generalsekretär ihm die einfachsten Formen des Respekts verweigerte.

Gröhe ist ein Depp. Entschuldigen Sie, dass ich das so deutlich sage, aber so ist es aus meiner Sicht. Deppen gibt es in der Politik viele, mögen Sie einwenden. Aber was sagt es über eine Kanzlerin aus, die alle für eine große Strategin halten, wenn sie einen Deppen zu ihrem Generalsekretär macht?

Es ist die Arroganz der Macht, die die CDU so weit nach unten geführt hat, nicht das falsche Programm oder die falsche Internetstrategie. Arroganz ist meiner Erfahrung nach schwerer zu korrigieren als ein fehlerhaftes Programm.

Anmerkung der Redaktion: In der ersten Fassung dieses Textes hieß es, Bosbach habe "vor ein paar Wochen" im Konrad-Adenauer-Haus nach einer Fahrbereitschaft gefragt. Tatsächlich hat er sich bereits im Wahlkampf 2013 darum bemüht. Nach der abschlägigen Antwort fragte er kein zweites Mal.

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insgesamt 408 Beiträge
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Seite 1
tullrich 28.09.2017
1.
Oder um es kurz zu machen: Erstklassige Leute haben erstklassige Mitarbeiter, zweitklassige Leute haben drittklassige Mitarbeiter.
schillerphone 28.09.2017
2. Treffende Analyse.
Danke. Und sehr schade, dass es so weit kommen musste.
jjcamera 28.09.2017
3. Karte
Würde nur die Erststimme gezählt (in etwa ähnlich wie in Frankreich oder den USA), hätte die Union ca. 75 Prozent der Stimmen geholt, die SPD 15 Prozent und alle restlichen Parteien zusammen 10 Prozent (siehe Wahlkreiskarte nach Erststimmen).
WilhelmKoenning 28.09.2017
4. Arroganz und Abgehobenheit entwickelt sich im Laufe der Zeit,
vor allem und nachweislich in der Politik (Helmut Kohll, CSU in Bayern, etc.). Allein deswegen wäre es gut, wenn die Amtszeiten eines Bundeskanzlers auf zwei Legislaturperioden, gerne auch für jeweils fünf Jahre, begrenzt werden würde.
Thorkh@n 28.09.2017
5. Das einzige ...
... was an dieser Arroganz-Information neu ist, ist, dass sie erstmals wieder Auswirkungen auf das Wahlergebnis der CDU hatte. Arrogante CDU-Politiker kannte und kenne ich als Schläfrig-Wollschweiner schon von Kindesbeinen an.
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