Angela Merkel Die Präsidialkanzlerin

Ihre Fans loben ihre Ruhe und Besonnenheit, ihre Kritiker nennen sie zaudernd und führungsschwach. Angela Merkel hat in der Großen Koalition vier Jahre lang weniger die Richtung vorgegeben, sondern vor allem moderiert. In einer schwarz-gelben Regierung dürfte das nicht reichen.

Kanzlerin Angela Merkel: "Ich wollte was gestalten"
Reuters

Kanzlerin Angela Merkel: "Ich wollte was gestalten"

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Warum wollte sie eigentlich Bundeskanzlerin werden? "Ich wollte was gestalten", hat Angela Merkel dem SPIEGEL einmal gesagt. "Es macht mir Spaß, Leute zusammenzuführen, Ergebnisse zu finden."

Ob ihr das Regieren in den vergangenen Jahren wirklich immer Freude gemacht hat, sei dahingestellt. Angela Merkel hat die zweite Große Koalition der Bundesrepublik zusammengehalten, hat am Kabinettstisch oder in mühsamen, nächtlichen Spitzenrunden Kompromisse gesucht.

Aber hat sie auch gestaltet?

Eine gute Figur machte Merkel vor allem auf dem außenpolitischen Parkett - dank einer guten Inszenierung, aber auch dank ihres diplomatischen Geschicks. Unvergessen das Bild vom G-8-Gipfel in Heiligendamm, auf denen sie im grünen Blazer mit George Bush und Co. im überdimensionalen Strandkorb sitzt. Oder jenes aus Grönland in roter Windjacke vor dahinschmilzenden Gletschern. Da war sie die Klimakanzlerin, die die US-Regierung dazu brachte, endlich über ihren Kohlendioxidausstoß nachzudenken.

Die deutsche Regierungschefin war es auch, die durch kluge Vermittlung dafür sorgte, dass sich die Europäische Union in ihrer tiefsten Krise 2007 zusammenraufte und wieder handlungsfähig wurde. Angela Merkel, die Gipfel-Queen.

Keine Basta-Kanzlerin

Doch genau jener unprätentiöse Stil, der zwischen eitlen Machtmenschen wie Nicolas Sarkozy und Silvio Berlusconi so erfolgreich ist, verkehrt sich zu Hause ins Gegenteil. Wer lange zuhört, abwartet, abwägt, moderiert und nach Kompromissen sucht, gerät schnell im Tagesgeschäft der deutschen Innenpolitik schnell in den Verdacht der Führungsschwäche.

Angela Merkel ist keine Basta-Kanzlerin, wirkliche Machtworte sind von ihr keine in Erinnerung. Natürlich hat sie intern häufiger Disziplin eingefordert, vor allem dann, wenn wieder einmal jemand aus den eigenen Reihen öffentlich ein eben solches Machtwort der Kanzlerin verlangt hatte. Doch auf den Tisch hauen, die Richtung vorgeben, das ist ihre Sache nicht.

Ihr Stil ist natürlich auch der Regierungskonstellation geschuldet. Merkel wollte dieses schwarz-rote Bündnis nicht, doch es blieb ihr keine Wahl. Also musste sie sich verabschieden von den Radikal-Reformplänen des Leipziger CDU-Parteitages. Sie musste sich arrangieren mit acht SPD-Ministern im Kabinett.

Merkel wurde zur Präsidialkanzlerin, die geduldig alle Positionen einsammelt und wie ein Puzzle zu einer Einigung zusammensetzt. Am Ende präsentiert sie den Kompromiss - und weiß ganz genau: Der Streit, den sie andere davor hat ausfechten lassen, haben die Wähler ohnehin bald vergessen. Stattdessen rechnen sie es meist der Regierungschefin an, dass es überhaupt ein erfolgreiches Ergebnis gibt, auch wenn die Anstöße ursprünglich vom Koalitionspartner kamen. So war es bei der Abwrackprämie. So war es beim Konjunkturpaket.

Vielleicht ist Angela Merkel auch deshalb so populär. Sie hat die Union - gezwungenermaßen - wieder in die Mitte gerückt. Sie hat keinen Spielraum mehr gehabt für große Experimente. Und was ihre Gegner als zaudernd und zögernd empfinden, kommt beim Bürger als Verlässlichkeit, als Besonnenheit an.

Vom selbst erhobenen Gestaltungsanspruch ist zwar nicht viel zu sehen, weil die Visionen fehlen, doch das stört nur wenige. Es schadet ihrer Beliebtheit nicht einmal, dass die Menschen der CDU-Chefin das Versprechen nicht abnehmen, nach der Wahl trotz Wirtschaftskrise die Steuern zu senken.

Krise verhagelt die Bilanz

Die Krise - sie hat Angela Merkel die Bilanz kräftig verhagelt. Sie wollte die Bundeskanzlerin sein, die den Haushalt dauerhaft ausgleicht. Sie wollte die Arbeitslosenzahl deutlich senken. Nun müht sie sich, darauf zu verweisen, dass man bei der Konsolidierung gut vorangekommen war. Dass zwischenzeitlich weniger als drei Millionen Menschen ohne Arbeit waren. Bis die Finanzmärkte kollabierten.

Unterm Strich steht jetzt die höchste Neuverschuldung in der Geschichte der Bundesrepublik. Und längst suchen wieder fast dreieinhalb Millionen Menschen einen Job - ohne Kurzarbeit wären es noch deutlich mehr.

Merkel ist heute überzeugt, dass die Große Koalition dem Land gut getan hat, dass es vielleicht sogar die optimale Konstellation in den Zeiten der Krise war. Doch nun sehnen Schwarze und Rote die Scheidung herbei, die Kanzlerin glaubt, dass die FDP auf dem Weg aus dem Tal der bessere Begleiter ist.

Die Chancen für Schwarz-Gelb stehen derzeit nicht schlecht. Zumindest aber ist eine zweite Wahlperiode mit einer Bundeskanzlerin Angela Merkel sehr wahrscheinlich, zu groß scheint ihr Amtsbonus, als dass der SPD noch einmal eine Aufholjagd wie 2005 gelingen könnte.

Mit einem kleinen Koalitionspartner wird Merkel allerdings mehr als nur moderieren müssen. Die Parteifreunde werden erwarten, dass sie als Kanzlerin die Tonlage vorgibt - und nicht der aufs Regieren gierige Guido Westerwelle.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels fehlte im Zeugnis für Angela Merkel die Note "Ungenügend". Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung für die Panne. Bis zur Änderung haben 3074 Leser eine Note vergeben: 12,78 Prozent vergaben ein "Sehr gut", 26,28 Prozent ein "Gut", 22,97 Prozent "Befriedigend", 18,80 Prozent "Ausreichend" und 19,16 Prozent "Mangelhaft".



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