Kanzlerin in der Flüchtlingskrise Buchmacher sehen Merkel als Friedensnobelpreisträgerin

Kritik aus der eigenen Partei, schwankende Zustimmung im Volk - Merkels Umgang mit der Flüchtlingskrise ist ein Reizthema. Experten und Buchmacher sehen die Kanzlerin hingegen als Favoritin für den Friedensnobelpreis.

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Die vergangenen Wochen waren nicht leicht für Angela Merkel. Ihr Flüchtlings-Mantra "Wir schaffen das" wurde erst gefeiert, nun kommen sogar aus den eigenen Reihen scharfe Widerworte. Vielleicht noch beunruhigender für die Regierungschefin: Auch in den Umfragen macht sich das Dauerthema negativ bemerkbar. Dabei konnte sie sich auf die Gunst der Wähler eigentlich immer verlassen. Doch Merkel bleibt dabei: kein Aufnahmestopp für Flüchtlinge, "Wir schaffen das".

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Nun könnte sie den Friedensnobelpreis bekommen? Das zumindest vermutet der Leiter des Osloer Friedensforschungsinstituts Prio, Kristian Berg Harpviken. Am Freitag wird bekannt gegeben, wer die wichtige politische Auszeichnung erhält. Harpviken tippt auf Merkel: Die Kanzlerin habe in der Flüchtlingskrise "moralische Führungsstärke" gezeigt und der Diskussion in Europa dadurch einen völlig neuen Dreh gegeben.

Merkel sei zwar keine Mutter Teresa, heißt es auf Harpvikens Webseite. Aber ein gemeinsames, europäisches Vorgehen in der Flüchtlingskrise sei ohne sie undenkbar. Auch wenn Merkel da noch reichlich Arbeit vor sich hat. Einen Haken hat Harpvikens Prognose allerdings: Bisher lag der Norweger mit seinen Tipps ziemlich regelmäßig daneben.

Ins Gespräch gebracht wurde Merkel als Anwärterin bereits im Februar - damals lobte der CDU-Abgeordnete Karl-Georg Wellmann ihr Vermittlungsengagement in der Ukrainekrise. Merkel selbst reagierte gelassen auf die Gerüchte. Sie konzentriere sich auf ihre politische Arbeit, etwa auf den Umgang mit den vielen Flüchtlingen in Deutschland. "Und da haben wir alle Hände voll zu tun."

Das sind weitere Nominierte:

  • Auf der von norwegischen Nobel-Historikern betriebenen Internetseite Nobeliana.com steht das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR auf Platz eins, gemeinsam mit dem eritreischen Priester Mussie Zerai. Dieser half mit seiner Hilfsorganisation Tausenden Bootsflüchtlingen. Ginge der gemeinsame Preis an das UNHCR und Zerai, würde das Nobelkomitee ein deutliches Signal im Kampf gegen die größte Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg senden, so die Experten.
  • Als aussichtsreiche Anwärter gelten auch die kolumbianische Regierung und die linken Farc-Rebellen. Nach jahrzehntelangen Kämpfen führen sie Friedensverhandlungen, ein Abkommen ist allerdings erst im März in Sicht. Der Preis für Präsident Juan Manuel Santos und den Farc-Anführer Timoleón Jiménez könnte also doch erst im kommenden Jahr fällig werden.
  • Auch die russische Oppositionszeitung "Nowaja Gaseta" gilt als ein Favorit. Nobeliana.com bezeichnet das Blatt als "eine der wenigen unabhängigen Stimmen in Russland". Mehrere Journalisten der Zeitung wurden getötet. Eine Auszeichnung würde Moskau provozieren und die Unabhängigkeit des Nobelkomitees unterstreichen, heißt es auf der Webseite.
  • Der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif und sein US-KollegeJohn Kerry könnten für ihre historischen Verhandlungen um das Iran-Atomabkommen ausgezeichnet werden. Sie zählen zu den prominentesten Nominierten. Der Preis würde es Iran schwieriger machen, einen Deal zu sabotieren, hoffen die Experten.
  • Der Arzt Denis Mukwege behandelte Tausende Vergewaltigungsopfer in der Demokratischen Republik Kongo. Er gilt als weltweit führender Experte für die Behandlung von Verletzungen, die durch Gruppenvergewaltigungen verursacht wurden.
  • Auch die Internationale Kampagne für die Abschaffung von Atomwaffen (Icann)gehört zu den Kandidaten. Stellvertretend könnten Sumiteru Taniguchi undSetsuko Thurlow die Auszeichnung entgegen nehmen: Beide überlebten den Angriff auf Nagasaki vor 70 Jahren.
  • Der saudi-arabische Blogger Raif Badawi: Der 31-jährige Regierungskritiker war wegen Beleidigung des Islam zu einer Gefängnisstrafe und 1000 Peitschenhieben verurteilt worden. Sein Fall sorgte international für Aufsehen, Spitzenpolitiker setzten sich für ihn ein.
  • Wird erstmalig das oberste Kirchenoberhaupt zum Träger des Friedensnobelpreises? Papst Franziskus setzt sich in seinen Reden, zuletzt auf seiner USA-Reise und auf Kuba, für soziale Gerechtigkeit ein.

Im vergangenen Jahr hatte die pakistanische Kinderrechtsaktivistin Malala Yousafzai den Friedensnobelpreis bekommen, zusammen mit dem indischen Kinderrechtler Kailash Satyarthi. Immer wieder sind aber auch Spitzenpolitiker unter den Preisträgern, etwa US-Präsident Barack Obama im Jahr 2009.

Auch wenn Merkel selbst von den Spekulationen nichts wissen will ("Die Diskussion bedrückt mich fast"): Glaubt man den Buchmachern, könnte es für sie in diesem Jahr klappen. Beim britischen Wettanbieter Ladbrokes hat sich die Bundeskanzlerin kurz vor der Vergabe am Freitag auf den ersten Platz geschoben.

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