TV-Duell Schulz überrascht, Merkel gewinnt

Unterhaltsamer und ein bisschen härter als gedacht: Im TV-Duell mühte sich SPD-Kandidat Martin Schulz um Konflikte mit der Kanzlerin. Manchmal konnte er Angela Merkel sogar in die Bredouille bringen.

TV-Übertragung des Duells Merkel vs. Schulz
WDR/AP

TV-Übertragung des Duells Merkel vs. Schulz

Eine Analyse von


Wer nicht mehr viel zu verlieren hat, der kann mehr wagen. In dieser Situation war Martin Schulz zu Beginn des TV-Duells, weil ja die SPD im Umfragekeller dümpelt.

Was tun? Game Changer heißt in einer solchen Situation das Zauberwort der Strategen. Gemeint ist der wagemutige, vor allem überraschenden Schachzug, der das gesamte Spiel neu öffnet - wenn's gut läuft.

Und so lief es:



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  • Der überraschende Moment: "Wenn ich Kanzler bin, werde ich die EU-Beitrittsverhandlungen abbrechen", erklärte Schulz mit Blick auf die Türkei. Das steht im Gegensatz zur bisherigen SPD-Position, das widerspricht auch dem SPD-Wahlprogramm. Und vor allem: Es ist die traditionelle Position der Union, die Merkel als Kanzlerin (noch) nicht umgesetzt hat. Schulz christdemokratisiert damit die SPD via TV-Duell. Merkels Masche, nur umgekehrt - hat die Kanzlerin doch ihre eigene Partei in den vergangenen Jahren sozialdemokratisiert. Nur: Als Game Changer für Schulz wird das nicht funktionieren. Zwar überraschte Schulz die Kanzlerin, doch er lockte sie nicht aus der Reserve. Denn sie hält eben nicht explizit die Gegenposition. Das ist entscheidend. Und letztlich verkehrt sich Schulz' stärkster Moment sogar in ein Argument zur Fortsetzung der Großen Koalition. Auch in der Türkei-Frage ist man ja nun offenbar einer Meinung.
  • Die Stimmung: Entsprechend großkoalitionär. Schulz mühte sich in kontrollierter Offensive, doch wirkten die Konflikte - siehe Türkei - inszeniert, stilisiert. Etwa in Sachen Flüchtlingskrise, die Union und SPD ja gemeinsam in Regierungsverantwortung gemanagt haben. Merkel vergaß jedenfalls nie zu erwähnen, dass ihr "jeweiliger Außenminister" stets eingebunden war in alles Mögliche. Sollte Schulz nun dank seines guten Auftritts im TV-Duell ein paar Prozentpunkte mehr gewinnen, könnte das den Eintritt der SPD in eine weitere Große Koalition im Herbst sogar noch befördern. Die Gewinnerin hieße: Merkel.
  • Das dominierende Thema: Ganz klar, Flüchtlinge und Integration. Gut so. Denn im Wahlkampf wurden diese Themen über weite Strecken an die Seite gedrängt. Nun räumten die vier Moderatoren dafür die Hälfte der Sendezeit ein. Merkel verteidigte ihre Flüchtlingspolitik der vergangenen beiden Jahre, ließ als Fehler allein gelten, dass man sich in der Vergangenheit nicht ausreichend um die Ausstattung der Flüchtlingslager in den Krisenregionen gekümmert habe. Schulz dagegen versuchte sich an einem kritischeren Tonfall, nannte es zum Beispiel eine "Generationenaufgabe", rund eine Million Zugezogene zu integrieren. Schulz' Sound zielte dabei sicher auch auf frühere SPD-Kernwähler in der Arbeiterschaft - bei den jüngsten Landtagswahlen hatte die Partei hier Verluste an die AfD zu verbuchen.
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Angela Merkel vs. Martin Schulz: Dröges Duell
  • Der irritierende Moment: Als Martin Schulz beim Thema Religion und Islam einen Philosophen zitiert: "Jenseits von Richtig oder Falsch gibt es einen Ort, dort treffen wir uns." Äh? Ist das ein Plädoyer gegen Schwarz-Weiß-Denken? Verwirrung. Er habe sich diesen Spruch eigentlich fürs Schlusswort zurechtgelegt, sagt Schulz dann. Noch mehr Verwirrung.
  • Auffälligste Taktik: Merkels bemühte Konter. Wo auch immer Schulz Position bezog, da eilte Merkel rasch herbei. Als er sagte, er sei am Sonntag in einer Kapelle gewesen, da schob sie nach, sie habe am Samstag eine Kirche besucht. Als er die Auto-Manager in der Dieselaffäre attackierte ("Vertrauensverlust ohnegleichen"), da übertrumpfte Merkel das ganz schnell: "Ich bin stocksauer."
  • Das fehlte: Die Themen Bildung und Digitalisierung. Kamen einfach nicht vor. Bitter. Merkel kritisierte das in ihrem Schlussstatement. RTL-Moderator Peter Kloeppel bemerkte am Ende der Sendung, man hätte nächsten Sonntag auch Zeit für ein zweites Duell. Eine Anspielung auf Merkels Ablehnung eines solchen weiteren Kräftemessens mit Schulz.
  • Lustigste Szene: Folgte auf die Frage, wie das Engagement Gerhard Schröders beim staatlichen russischen Ölriesen Rosneft zu bewerten sei. "Schröder untergräbt die Sanktionen der EU, das ist ein sehr trauriger Zustand", sagte Merkel. Schulz kritisierte Schröder, gab aber auch zu Protokoll, der Altkanzler habe sich "um dieses Land große Verdienste erworben". Darauf die ARD-Moderatorin Sandra Maischberger: "Um Russland?"
Wer hat das TV-Duell gewonnen?
Angela Merkel
CDU
Martin Schulz
SPD
ARD
ZDF


insgesamt 47 Beiträge
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joes.world 04.09.2017
1. Ein bisschen härter als gedacht?
Das heißt ja im Umkehrschluß, dass es noch sanfter geht! Dann hätten die Beiden aber schon Händchen gehalten. Und herumgeschmust. Es war einfach ein nettes Gespräch zwischen zwei älteren Herrschaften. Schulz kann wohl gar nicht offensiv-aggressiv Stimmung für einen Wechsel machen. Und alles was nett ist, beinahe amikal - hilft der regierenden Kanzlerin. So wird dieser Abend in drei Wochen, wenn dann die Wahl ansteht, kaum mehr in Erinnerung sein. Dafür erzeugte er bei den Zusehern einfach viel zu wenig Emotionen. Und so hat heute die SPD, für in drei Wochen, nichts gewonnen, was ihr mehr Stimmen bringt. Dass Merkel Kanzlerin bleibt ist so und so unbestritten. Es geht nun nur mehr darum, ob sich eine Koalition Union / FDP ausgeht, oder doch wieder CDU / SPD. Es wird wohl nicht Wenige geben, die taktisch wählen. Die Union nicht zu stark machen wollen, dass sie in Zukunft über den Juniorpartner einfach hinwegfegen kann. Beginnend bei den künftigen Koalitionsverhandlungen und später, bei aufkommenden Problemen, während den nächsten 4 Jahren Merkel-Regierung.
moby_HH 04.09.2017
2. Zwei würdige Kandidaten
Ich bin zwar Merkel-Fan, fand aber Schulz' Auftritt sehr stark! Ohne pathetisch zu werden: ich bin froh in einem Land zu leben, in dem wir zwischen diesen beiden Kandidaten wählen können! Beiden traue ich den Job voll zu - beide haben eine enorme Qualität - weit mehr als Stoiber, Strauss, Schröder....
beggar 04.09.2017
3. Das war es dann wohl
Die Schilderung des Autors deckt sich weitgehend mit meiner Wahrnehmung. Schulz war kein würdiger Duellpartner. Sachlich und faktisch oft nicht auf der Höhe, Souveränität und Gelassenheit fehlten.Konnte in keiner Weise den politischen Spagat zwischen Regierungsbeteiligung und Anspruch auf Kanzlerschaft hinbekommen. Hinzukommt die moralische Schwäche, sich nicht öffentlich für die SPD fake news zu entschuldigen, die schon Stunden vor Beginn des TV-Duells einen klaren Sieg von M. S. Über Merkel meldeten. Nicht nur peinlich, sondern erbärmlich. Das war weder "Kanzlerlike" noch regierungstauglich. Zum Glück ist eine Wiederholung nicht zu befürchten. Nur: Was wird nach dem 24.9. aus M.S.?
kenterziege 04.09.2017
4. Schön von SPON beschrieben.....
.....Schultz mühte sich.... In einem Arbeitszeugnis ist das ein K.O.
Annabelle1811 04.09.2017
5. Ich
habe das ein bißchen anders gesehen!
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