Merkels Flüchtlingspolitik Meine Kanzlerin

Merkel? Unwählbar. Das dachte unser Autor jedenfalls, bis er die Kanzlerin in der Flüchtlingskrise erlebte. Es mag sein, dass sie gerade Zuspruch verliert - einen Anhänger hat sie gewonnen.

Angela Merkel mit Flüchtlingen in Berlin, September 2015
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Angela Merkel mit Flüchtlingen in Berlin, September 2015

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Was habe ich mich über diese Frau geärgert. Angela Merkel als Kanzlerin, das war bräsiger Stillstand, das war die fantasielose Verwaltung des Status quo, das war die komplette Abwesenheit einer Vision.

Ein politischer Totalausfall. Ihre Wahlen hat sie stets mit der Komplettverweigerung einer Debatte gewonnen, da genügte ein einziger Satz: "Sie kennen mich." Und schon saß diese kühle Pragmatikerin wieder für weitere vier Jahre im Kanzleramt. Ja, dachte ich, ich kenne die. Und darum wollte ich nicht von ihr regiert werden.

Dabei stimmte das offenbar nicht: Ich kannte sie nicht. Und nicht nur ich. Erst jetzt, in der Flüchtlingskrise, lernt dieses Land Angela Merkel wirklich kennen.

Vorher konnte man, angesichts höchst spärlicher Informationen (Physikerin, geschieden, kinderlos, Joachim Sauer, Streuselkuchen) nur ahnen, was diese Frau bewegt. Eine Position war nicht erkennbar. Es schien, als regiere sie ausschließlich nach Umfragewerten, als sei Merkels Beliebtheit nur eine Folge ihres Opportunismus: Popularität durch populäre Entscheidungen. Diese Strategie machte sie unangreifbar als Chefin der CDU, sicherte sie der Partei doch die Regierungsmacht. Und sie machte sie verhasst bei den Anhängern aller anderen Parteien.

Im Umgang mit der Flüchtlingskrise zeigt sich: Diese Kanzlerin hat doch einen eigenen Standpunkt - und den vertritt sie, ohne dabei auf ihre Umfragewerte zu schielen. Angesichts Tausender Menschen, die aus Krieg und Not nach Deutschland kommen, setzt Merkel auf Freundlichkeit und Offenheit, auf die Pflicht zur Solidarität, man könnte auch sagen: auf eine protestantisch geprägte christliche Nächstenliebe. Seltsamerweise scheint sie damit den Linken im Lande näherzustehen als ihren eigenen Leuten, die doch die Christlichkeit im Parteinamen führen.

Der bemerkenswerte Auftritt bei Anne Will zeigte eine Kanzlerin, die bei aller Anspannung mit sich selbst im Reinen ist. Sie hat für sich und das Land die Entscheidung getroffen, dass es besser ist, die massenhafte Flucht nach Deutschland zu gestalten, als zu versuchen, sie zu verhindern. Sie hat abgewogen und erkannt: Deutschland kann sich nicht abschotten. Sie nimmt zur Kenntnis, dass manche ihrer Landsleute und Parteifreunde davon träumen, das Problem werde wieder vergehen, wenn man nur die Grenzen dichtmacht. Aber die Kanzlerin, hier doch ganz die alte, ist keine Träumerin.

Es mag sein, dass Angela Merkel für ihre Flüchtlingspolitik den Friedensnobelpreis bekommt oder die Kanzlerschaft verliert - oder beides. All das ist ihr offensichtlich vollkommen egal: Sie hat sich dieser gewaltigen Aufgabe verschrieben und wird an einer Lösung arbeiten; das ist alles, was zählt. Und weil Merkel glaubhaft dieses Pflichtbewusstsein verkörpert, kann sie es auch einfordern von ihrer Partei, von den Beamten und den Bürgern dieses Landes. Und, das ist mindestens ebenso wichtig, von den anderen Regierungschefs der Europäischen Union.

Nur mit der zuversichtlichen Beharrlichkeit, die Merkel ausstrahlt, haben Deutschland und Europa die Chance, diese Flüchtlingskrise zu einer guten Lösung zu bringen, zu einem neuen Miteinander zu kommen. Dieses Land wird sich dabei verändern. Aber es gibt keinen Grund zur Befürchtung, dass es unterwegs seine Werte und Kultur verlieren wird: Deutschland ist stark.

Viel ist jetzt die Rede davon, dass Angela Merkel an Zuspruch verliert in der Bevölkerung und in den Reihen der Union. Doch einen Anhänger hat sie gewonnen. Ich habe sie nicht gewählt, und trotzdem bin ich heute froh, sagen zu können: Das ist meine Kanzlerin.

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Jeannette Corbeau
Stefan Kuzmany leitet den Bereich Meinung und Debatte bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Stefan_Kuzmany@spiegel.de

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Seite 1
Newspeak 08.10.2015
1. ...
Merkel? Unwählbar. Das dachte unser Autor jedenfalls, bis er die Kanzlerin in der Flüchtlingskrise erlebte. Es mag sein, dass sie gerade Zuspruch verliert - einen Anhänger hat sie gewonnen. Solche Meinungswechsel zeigen doch nur, daß die Abneigung vorher auch nicht begründet war. Inwiefern ist Merkel denn z.B. heute weniger verlogen als gestern? Hat Merkel seit Beginn der Flüchtlingskrise irgendeinen Rüstungsexport zu "unseren Freunden" nach z.B. Saudi-Arabien gestoppt? Wieso können die Menschen denn nicht mal nachdenken? Wieso, sich nicht mal ordentlich informieren? Wieso wird Merkel beliebt, wenn sie an einem Tag einen Eisbären streichelt oder ein Flüchtlingskind, aber wenn sie 364 Tage lang eine asoziale Politik für die Reichen und Begüterten macht, dann macht das gar nichts? Und allen Ernstes als Journalist verfällt man auch diesem Nonsens? Hören Sie mal, Sie wissen es vielleicht selbst nicht, aber verdammt noch eins, Sie gehören zur intellektuellen Elite dieses Landes und lassen sich so leicht über den Tisch ziehen? Mir wird nur noch schlecht, wenn ich Nachrichten lese. Jeden Tag dieselbe verlogene Sch... in Sch...land. Diese Abkürzung ist ausnahmsweise mal richtig, auch wenn die meisten Leute die drei Punkte vergessen.
epins 08.10.2015
2. Danke!
Sehr guter Artikel, ich glaube der spricht heute vielen Menschen aus dem Herzen.
boysetsfire 08.10.2015
3. Im Dämmerschlaf
Glückwunsch Herr Kuzmany, einen Fan mehr hat sie nun also. 165.000 Menschen haben übrigens heute klickend auf einer Ihrer Konkurrenzseiten anders abgestimmt: 96 zu 4 Prozent gegen die aktuelle Politik. Schön auch Ihr Zitat: "Der bemerkenswerte Auftritt bei Anne Will zeigte eine Kanzlerin, die bei aller Anspannung mit sich selbst im Reinen ist." Bemerkenswert fand ICH vor allem, dass unsere Kanzlerin völlig ohne Konzept auf ihrem Stuhl saß und auf die Frage ob wir das schaffen mit "wenn wir das wollen, schaffen wir das" antwortete. Sollten Sie wirklich so leicht von Politikern zu beeindrucken sein, tun Sie mir schon ein bisschen leid.
Stephan-MichaelPatzke 08.10.2015
4. Ja, aber leider...
... gibt es sie nun einmal nur im Paket mit der CDU einschl. tiefschwarzem Rand. Also: Unwählbar. zumindest für mich.
Universaldilletant 08.10.2015
5. Lösung
Wirklich schön wie sich alle liebhaben. - Aber wie schaut die Lösung jetzt aus?
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