Merkel in Chemnitz Ab vom Weg

Ende August zog eine tödliche Attacke in Chemnitz fremdenfeindliche Übergriffe nach sich - und eine schwere Regierungskrise. Nun hat Kanzlerin Merkel die Stadt besucht, die weiterhin tief gespalten ist.

SPIEGEL ONLINE

Aus Chemnitz berichtet


Angela Merkel lässt auf sich warten. 82 Tage hat es gedauert, bis sich die Kanzlerin nach dem gewaltsamen Tod eines Deutschkubaners auf den Weg nach Chemnitz gemacht hat. Nun verspätet sie sich erneut. Der Bürgerdialog in der Kunstgalerie Hartmannfabrik beginnt mit einigen Minuten Verzögerung - und verhaltenem Applaus. Während einzelne Besucher klatschend aufstehen, bekommen andere kaum zweimal die Hände zusammengeschlagen. Merkels Besuch macht deutlich, wie gespalten die Stadt ist.

"Frau Kanzlerin, warum sind sie eigentlich in Chemnitz?", lautet die erste Frage Richtung Podium. Sie wolle sich ein Bild von der Lage machen, habe jedoch nicht kommen wollen, als die Stimmung noch "ganz aufgewühlt" war, erwidert Merkel. Sie spielt damit auf die chaotischen Wochen nach der tödlichen Attacke an, in der ihre Regierung in eine schwere Krise stürzte. Kurz nach der Tat war es in der Stadt zu teils rechtsradikalen Demonstrationen gekommen, es wurde über Hetzjagden auf Ausländer berichtet. Der damalige Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen äußerte in diesem Zusammenhang den Verdacht, es könne sich um gezielte Falschinformation handeln.

Mittlerweile hat sich die Lage beruhigt. Maaßen ist seinen Posten los, die Große Koalition ist nicht zerbrochen. Nur Chemnitz kommt nicht zur Ruhe. Das bestätigen auch die Teilnehmer der Leserdebatte an diesem Tag.

Leser wurden per Los ausgewählt

"Wir haben hier sehr viel Unzufriedenheit in der Stadt," sagt Dirk Richter. Der 43-Jährige ist einer von vier Chemnitzern, die im ersten Teil der Veranstaltung mit Merkel auf der Bühne diskutieren sollen. 120 weitere Leser sitzen im Zuschauerraum, sie können in der zweiten Hälfte der zweistündigen Veranstaltung ihre Fragen loswerden. Eingeladen zu dem Dialog hat die "Freie Presse ", per Los wurde entschieden, wer teilnehmen darf. Und so befinden sich sowohl Merkel-Gegner als auch ihre Befürworter im Publikum. Beide Seiten kommen bei der offenen Fragerunde zu Wort.

Angela Merkel in Chemnitz
DPA

Angela Merkel in Chemnitz

Wichtigstes Thema dabei ist die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. Eine Leserin fragt, was Merkel gegen die vielen arabischen Männer im Land tun wolle. Ein Leser sagt: "Bei dem Satz 'Wir schaffen das' habe ich erstmals gedacht, sie sind meine Kanzlerin." Das Verhältnis zwischen kritischen Stimmen und Lob ist ausgewogen - zumindest auf dieser Veranstaltung. Außerhalb der Hartmannfabrik scheint das nicht der Fall zu sein.

Bis zu 2500 Menschen haben sich einer Kundgebung der rechtspopulistischen Vereinigung "Pro Chemnitz" anschlossen. Die Demonstration startete zeitgleich mit der Leserdebatte und zog vom Hauptbahnhof Richtung Innenstadt. Gegen 17 Uhr erreichten die Demonstranten die Hartmannfabrik. Trotz einiger Meter Sicherheitsabstand und massiver Mauern war die Kundgebung kaum zu überhören. Während sich eine Frau drinnen zu Wort meldete, um sich bei Merkel zu bedanken, und dabei aufzählte, was ihrer Meinung nach in Deutschland alles gut liefe, wurde ihre Lobrede von den "Hau ab!"- Rufen von draußen gestört. Merkel ließ sich davon nicht irritieren - einige andere im Raum dagegen schon.

"Zeigen, dass Sie Chemnitz sind"

"Was sollen wir denn machen, wenn ein bis zwei Prozent Idioten sind und das gesamte Bild von Chemnitz prägen", fragte Leser Richter die Kanzlerin. "Zeigen, dass Sie auch Chemnitz sind, " antwortete Merkel. Den schlechten Ruf der Stadt könne man korrigieren, wenn man andere Seiten zeige. Negatives unter den Teppich zu kehren sei hingegen keine Lösung. "Sie dürfen am Ende nicht sagen, der Journalist ist es, der Chemnitz schlecht macht, " so die Kanzlerin. Stattdessen müsse die Mitte lauter werden. Nicken im Publikum, Gegröle von draußen - an diesem Abend war die Mitte deutlich leiser als die Demonstranten vor der Tür.

An einer Stelle blieb sie sogar ganz still. Als kurz vor Ende der Bürgerrunde ein Mann aus einer der vorderen Reihen das Mikrofon nimmt, kann auch die Kanzlerin die Demonstration vor der Tür nicht länger ignorieren. "Wann treten sie zurück, Frau Merkel", fragt der Mann gleich zweimal - um sodann alle Anwesenden einzuladen, ihn nach der Leserrunde auf die Demonstration zu begleiten. Er laufe dort jede Woche mit und sehe sich jedoch nicht als Rechter. Das Publikum bleibt stumm, Merkel antwortet nüchtern: Wie angekündigt, werde sie den Parteivorsitz zur Verfügung stellen und stehe für keine weitere Legislaturperiode zur Verfügung.

Und dann ist Merkels Auftritt in Chemnitz beendet, der Raum leert sich schnell. Draußen sind die Fahnen der Demonstranten zu sehen. Wenig später wird der Mann, der nach Merkels Rücktritt fragte, vor ihnen reden. Er berichtet von der Veranstaltung, von Gutmenschen im Raum und vielen, "die so denken wie wir" und sich nur noch nicht richtig trauen. "Wir sind das Volk", skandieren seine Zuhörer im Chor. Merkel war zu dem Zeitpunkt tatsächlich schon: weg.

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