Kanzlerin in der "Wahlarena" Durchgemerkelt

Bürger trifft Kanzlerin: Vor vier Jahren kam Angela Merkel in der "Wahlarena" ins Schlingern. Wie lief es bei der Neuauflage der TV-Sprechstunde?

Angela Merkel in der "Wahlarena"
DPA

Angela Merkel in der "Wahlarena"

Von


Am Ende tut die Kanzlerin demonstrativ enttäuscht. "Schon die allerletzte?", fragt Angela Merkel, als Moderatorin Sonja Mikich die ebensolche Frage ankündigt. Die CDU-Chefin scheint zufrieden zu sein mit dem Verlauf der Livesendung, die sie gerade hinter sich gebracht hat.

"Wahlarena" heißt das TV-Format der ARD, in dem Merkel am Montagabend zu Gast war, eine Art Bürgersprechstunde zur besten Sendezeit. 150 Menschen hat man dafür ausgewählt, repräsentativ, wie es heißt. In der Lübecker Kulturwerft Gollan dürfen sie der Kanzlerin 75 Minuten lang Fragen stellen.

Klar, die Kanzlerin hat in sowas längst Routine, solche "Townhall Meetings" sind fester Bestandteil jedes Fernsehwahlkampfes. Doch sie gehören nicht zu ihren Lieblingsdisziplinen, weil der Kontrollfan Merkel hier eben nicht die volle Kontrolle hat.

Vor vier Jahren geriet sie in der "Wahlarena" ins Schlingern, als ein Mann seine langjährige, prekäre Leiharbeiterkarriere schilderte. Und sie konnte einem jungen, homosexuellen Mann nicht wirklich einleuchtend erklären, warum sie der Meinung sei, dass er und sein Partner sich nicht in gleichem Maße um ein adoptiertes Kind kümmern könnten wie ein heterosexuelles Paar. Wahlentscheidend war das am Ende nicht.

Wie lief es diesmal?

Um diese Themen ging es: Rente, Kinderbetreuung, Pflege, Umweltschutz, Landwirtschaft, Flüchtlinge, Rassismus, Dieselskandal, Tierschutz, Bundeswehr, Türkei - die Bürger fragen querbeet, die Moderatoren haken nur selten mit eigenen Einwürfen nach. Auffällig: Um Bildung geht es wieder nur am Rande, um Digitalisierung so gut wie gar nicht, wie schon beim TV-Duell. Auch der Name Donald Trump fällt nicht ein Mal.

Die besten Fragen: Einige Fragesteller treten sehr ehrfürchtig auf, als sie die "verehrte Bundeskanzlerin" etwas fragen dürfen, einer baut sogar elegant den Wahlslogan der CDU in seine Huldigung ein.

Ein junger Krankenpflegeazubi aber hat sich bei allem Respekt etwas vorgenommen: Er beklagt die unwürdigen Zustände auf seiner Pflegestation, will wissen, warum die Kanzlerin in zwölf Jahren Amtszeit nichts zur Verbesserung unternommen habe. Merkel verteidigt sich höflich, spricht von der Neudefinition des Pflegebegriffs, zusätzlichem Geld, verbesserter Ausbildung. Der junge Mann aber lässt nicht locker, nimmt der Kanzlerin auch das Versprechen nicht ab, bis 2019 noch mehr zu tun. Am Ende bleibt er sichtlich unzufrieden zurück, Merkel versucht es mit Empathie. "Auch wenn Sie jetzt ein bisschen wütend sind", sie finde es toll, dass er diesen Beruf gewählt habe.

Eine 18-Jährige mit Down-Syndrom fragt Merkel mit großer Vehemenz, warum in Deutschland bei einer schweren Behinderung ungeborener Kinder Spätabtreibungen erlaubt sind. Sie bekommt viel Applaus. Die Kanzlerin erst sachlich: Die Unionsfraktion habe immerhin dafür gesorgt, dass nun eine Beratung vorgeschrieben sei. Sie spricht noch allgemein über Verbesserungen für Behinderte, wichtiger ist ihr aber das Lob für die Fragestellerin. Merkel will ganz offensichtlich nicht wieder zu hören bekommen, dass sie zu unterkühlt reagiere. Sie kündigt an, vielleicht einmal in der Kölner Caritas-Einrichtung der jungen Frau vorbeizuschauen. Die gesteht: "Ich bin extremer Fan von ihr."

Merkels stärkster Moment: Ein Mann aus dem thüringischen Apolda findet Merkels Wirtschaftspolitik zwar "super". Dann aber fragt er, was die Kanzlerin in den kommenden Jahrzehnten gegen die "Überfremdung" durch "Asylanten" tun wolle. Er habe gelesen, dass viele syrische Flüchtlinge Wehrdienstverweigerer seien. "Hätten unsere Großeltern das 1945 gemacht, gäbe es Deutschland nicht mehr."

Von irgendwo aus dem Publikum kommt ein "Pfui!", doch Merkel hebt beschwichtigend die Hand. Sie entgegnet dem Mann, dass Syriens Diktator Assad seine Soldaten zum Töten der eigenen Landsleute zwinge. Die Flüchtlinge hätten ein Recht auf Schutz nach der Genfer Konvention. Niemand in Deutschland habe wegen der Flüchtlinge weniger, weder Sozialleistungen noch Bildungsausgaben seien gekürzt worden, betont Merkel und verteidigt souverän ihre Politik. Sie äußert Verständnis für die Sorgen des Mannes, hat aber eine klare Botschaft für ihn: "Haben Sie ein offenes Herz für Menschen, denen es viel schlechter geht."

Merkels schwächster Moment: Der folgt direkt auf den stärksten. Ein Student aus München, dessen Eltern aus Iran nach Deutschland kamen, beklagt den alltäglichen Rassismus, dem er ausgesetzt sei - auch angesichts der Erfolge der AfD: "Meine Angst ist, dass dieser Hass noch mehr wächst." Was Merkel dagegen tun wolle?

Merkel verliert sich in allgemeinen Appellen: "Halten Sie dagegen, lassen Sie sich Ihren Schneid nicht abkaufen." Es sei Mut gefragt in diesen Zeiten. Als ob die Anfeindungen allein ein persönliches Problem des Mannes seien. Eine klare Verurteilung der jüngsten Ausfälle der AfD, eine demokratische Kampfansage an die Rechtspopulisten, die vor dem Einzug in den Bundestag stehen? Fehlanzeige. Stattdessen schlägt sie dem Mann vor, er könne sich doch nach der Sendung noch mit dem Fragesteller aus Apolda unterhalten.

Antwort mit Streitpotenzial: Merkels ablehnende Haltung zur Obergrenze für Flüchtlinge ist bekannt. Aber Obergrenzen-Fan Horst Seehofer wird trotzdem aufgehorcht haben, als die CDU-Vorsitzende versichert: "Ich möchte sie nicht. Ich halte sie auch nicht für praktikabel. Garantiert." Garantiert? Man hört den CSU-Chef schon sagen: "Das hätte man auch lassen können."

Fazit: Die Kanzlerin merkelt sich ziemlich souverän durch die Wahlarena. Wirklich in Bedrängnis bringen die Bürger sie nicht, zur Not verlegt sie sich darauf, lieber nicht zu viel zu versprechen. Oder die CDU-Chefin räumt einfach mal ein, keine Ahnung zu haben: Als eine Frau kenntnisreich über Tierversuche spricht, bittet Merkel sie lieber um gesonderte Kontaktaufnahme, "ehe ich jetzt hier etwas vor mich hin radebreche". Echte Neuigkeiten oder sonstige erinnerungswürdige Highlights gibt es aber eben auch nicht.

Am nächsten Montag ist SPD-Herausforderer Martin Schulz in der ARD-"Wahlarena" zu Gast.



Sie wollen die Sonntagsfrage für den Bund beantworten? Stimmen Sie hier ab:




insgesamt 79 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Meckerameise 12.09.2017
1.
Eine Sache stimmt schon: die Deutschen scheinen langsam ihre Sprache zu vergessen. Wer ist denn bitteschön hierzulande auf die dämliche Idee gekommen, sowas ein "Townhall-Meeting" zu nennen? Gibt die deutsche Sprache nichts entsprechendes mehr her wie Bürgerdialog oder Bürgerstunde wie es etwas weiter oben schon steht? Nach Townhall sieht das Fernsehstudio jedenfalls nicht aus. Und ja, es ist schon recht schwach, wenn man kein Konzept vorlegen kann, wie man der AfD begegnet und stattdessen ausweicht. Eigentlich schlimmer als schwach, diesem Mann zu sagen wie "halten Sie durch" und "so jemand wie Sie kann das schon wegstecken". Schon wieder jemand mit Sorgen und Merkel ignoriert das. Das war zu Beginn von Pegida und der AfD aber auch ähnlich: jeder, der sich in einer dieser Ecken wiederfand wurde pauschal ignoriert. Als die Töne dort noch ansatzweise einen gewissen Inhalt hatten, wurden jegliche Diskussionen pauschal abgelehnt und haben Mitläufer nur umso mehr bestärkt. Aus Böhmermanns "BE DEUTSCH!" fehlt der Part, wo man denen aufhilft, die von der Bahn abgekommen sind. Wenn keiner mehr mit einem reden will, dann darf man sich zurecht abgehängt fühlen. Die AfD konstruiert aber mittlerweile überall die Opferrolle, selbst, wo sie Täter sind. An der Radikalisierung ist die derzeitige Politik definitiv nicht unschuldig.
nite_fly 12.09.2017
2. Naja, ich bin jetzt nicht gerade ein Merkel-Fan...
Aber sie hat sich in meinen Augen da ganz gut gehalten! Auf so eine Fragerunde kann man sich eigentlich nicht wirklich gut vorbereiten, wenn man die Fragen nicht schon vorher kennt... Dafür waren ihre Antworten durchaus ehrlich. Auf Fragen, was Tierversuche anbelangt, wäre ich an ihrer Stelle auch sicherlich nicht vorbereitet gewesen. Und die Frage der Tris-21-Behinderten war sie sicherlich auch nicht gefasst... Trotz allem hat sie souverän agiert. Doch das ist momentan das Problem: Sowohl Merkel, als auch Schulz geben sich da derzeit kaum Blößen! Beide agieren sehr souverän! Ich persönlich sehe mein Heil darin, dass ich der einen großen Partei mein Mandat gebe, und die zweite Stimme dafür nutze, einen Partner mit ins Boot zu holen. Viel interessanter war da das "Hart aber Herzlich" hinterher! Mein Kompliment wieder mal an Plasberg!! Er hat da wie keiner (keine) das Geschehen im Griff, und verhindert peinliche Momente souverän! Alleine das macht diese Sendung sehenswert! (Ich bin noch jung genug, um Ihr 'Aber' nicht zu vergessen :-)) )... Hier wird durchaus auch kontrovers diskutiert, aber man merkt sehr wohl, dass hier ein Moderator anwesend ist, der das Ganze im Griff hat! Der steht dann auch von seinem Stuhl auf und wendet sich gezielt mal einem der Teilnehmer zu, und bringt damit Ruhe in den Karton, und auch einen gewissen Unterhaltungsfaktor in das ansonsten Bier-ernste Thema... Anders bei anderen Talk-Shows, wo den Moderatoren das Geschehen oftmals vollkommen außer Kontrolle gerät, und denen dann, außer verbitterten Blicken, und einem verzweifelten 'dazwischenquatschen' kaum noch eine Reaktion zu entlocken ist!
Teddi 12.09.2017
3. Das Angebot ist nur mittelmäßig
Was auch alle anderen Kandidaten vorgeben zu planen, so gestaltet sich erstens das Durchführen dessen hinterher als komplizierter und umständlicher als man es sich im Wahlkampf vorgemacht hat. Das geht nicht nur Frau Merkel so. Und wenn mal ein Versprechen nicht gehalten wurde, ist das oft auch nicht, weil man sich selber anders entschieden hat, sondern weil der Druck und Wille anderer Mit-Entscheider zu groß war und man musste nachgeben. Das würde und könnte auch Herrn Schulz passieren im Falle eines Falles. Die Vorteile, die Frau Merkel anscheinend mit sich bringt, sind: Auch wenn sie sich nicht zu leidenschaftlichen Vorträgen mit Geschrei und Beschimpfungen auf politische Gegner hinreißen lassen mag, bringt sie gerade durch ihr ruhiges Verhalten ein Gefühl der Stärke und Sicherheit in die Runde. Das ist außenpolitisch ebenfalls von Vorteil, denn obwohl wir sehr gern dem Kerkermeister Erdo mal ordentlich die Meinung blasen würden, brächte das nur weitere Probleme, genau da ist ruhiges Verhalten besser. Man vergleiche das Verhältnis Donald/Kim. Da bekommen die Menschen inzwischen schon Angst. Würden wir so einen Schwachkopf unser Vertrauen schenken? Wohl eher nicht. Letztlich weiß man heutzutage aus Erfahrung wie die Staatskutsche Deutschland mit Merkel an den Zügeln läuft, und ob uns das neue Lied eines anderen Postillions gefallen würde, da sind wir bei dem mittelmäßigen Angebot im diesjährigen Wahlgang nicht so sicher. Man ist nicht so ganz zufrieden mit Mutti, aber man kann sich relativ sicher bei ihr fühlen, und wer weiß, flackert noch das Flämmchen Hoffnung, vielleicht hört sie uns ja auch nochmal zu und ändert den Kurs ein wenig, wo wir es uns wünschen. So ähnlich jedenfalls interpretiere ich die gegenwärtige Stimmung im Lande. Nun wird es auf meine Meinung sicher auch laute Proteste geben, ist doch normal, und ich finde das völlig in Ordnung, denn die Demokratie nährt sich ja an der Vielfalt der Meinungen.
goat777 12.09.2017
4. Traurig!
Ich habe immer mehr das Gefühl, dass die Medien komplett versagen. Natürlich hat der Typ aus Apolda ein Problem. Vielleicht würden aber weniger Leute mit ähnlich erschreckenden Ansichten herumlaufen, wenn die Politik endlich ehrlich wäre. Es ist also Merkels stärkster Moment wenn sie totalen Blödsinn labert? Natürlich haben wir weniger wegen der Flüchtlinge. Aber das ist auch kein Problem, da wir aus Humanitären Gründen helfen. In Zeiten in denen man zusammenrückt muss eben jeder Opfer bringen und es hilft nicht, wenn die Politik behauptet die Flüchtlinge lösen all unsere Probleme. Verständlich, dass sich die Leute da verarscht fühlen. Die Medien sollten endlich den Finger in die Wunde legen und nicht nur bei diesem Thema sondern auch bei der Bildung, etc. alles was die Politiker behaupten kritisch hinterfragen und analysieren. Sonst brauchen wir die Medien nicht mehr und es genügt Merkels Pressesprecher zu hören.
rallerollo 12.09.2017
5. Erlesenes Puplikum
Die Kanzlerin konnte auch nicht wirklich ins Schlingern geraten. Der aufmerksame Zuseher hat schon mitbekommen, das nicht wirklich ernste Fragen gestellt wurden. So wie sie geantwortet hat schien es schon klar das die meisten Fragen vorher abgestimmt wurden. Zu nichts hat sie wirklich klare Kante gezeigt, immer nur Drumherum wurschteln.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.