Merkel in Heidenau "Danke an jene, die vor Ort Hass ertragen"

Ihr Besuch in Heidenau war erwartet worden - als Zeichen der Solidarität mit den Flüchtlingen. Kanzlerin Merkel wurde mit Pfiffen in der Kleinstadt empfangen. Sie mahnte zu Toleranz und dankte allen Helfern.

REUTERS

Angela Merkel nahm sich mehr Zeit als geplant - fast eine Dreiviertelstunde länger sprach sie mit Flüchtlingen und Helfern in der Notunterkunft in Heidenau. "Deutschland hilft, wo Hilfe geboten ist. Das muss natürlich in der Praxis umgesetzt werden", sagte Merkel nach ihrem Besuch. Im Hintergrund erklangen Autohupen. In sozialen Netzwerken hatten rechte Gruppen zu einer solchen Aktion aufgerufen.

"Wir können nicht so arbeiten, als wenn wir in einem ganz normalen Zustand wären. Das gelingt uns nur, wenn wir auch gemeinsam neue Wege gehen", sagte Merkel. Sie habe nun die "menschliche Gestalt" dessen gesehen, was die deutschen Gesetze vorgeben, also das Recht darauf, einen Asylantrag stellen zu dürfen. Die "menschliche Behandlung" der Asylbewerber sei wichtig.

Wie zuvor bereits Bundespräsident Joachim Gauck, bedankte sich Merkel bei allen, die sich engagieren, auch beim Bürgermeister Jürgen Opitz (CDU): "Danke denen, die auch vor Ort Hass zu ertragen haben, dass sie das ertragen." Das sei nicht einfach. Begleitet von "Pfui"-Rufen und Pfiffen versicherte sie: "Es gibt keine Toleranz gegenüber denen, die nicht bereit sind zu helfen", sagte Merkel. "Je mehr Menschen das deutlich machen, umso stärker werden wir sein."

"Wir sind das Pack"-Rufe und laute Pfiffe

Fast 600 Flüchtlinge sind in der Notunterkunft untergebracht. Die fremdenfeindlichen Krawalle vor der Erstaufnahmestelle in einem ehemaligen Baumarkt verurteilte Merkel erneut als "beschämend und abstoßend". Dieselben Worte hatte sie bereits am Montag erst durch ihren Sprecher verkünden lassen und anschließend selbst wiederholt.

Als die Kanzlerin in Heidenau eintraf, wurde sie von Buh-Rufen empfangen, Schaulustige skandierten "Volksverräter, Volksverräter" vor einem Supermarkt, der gegenüber der Flüchtlingsunterkunft in dem ehemaligen Baumarkt liegt. Demonstranten vor der Unterkunft riefen: "Dem deutschen Volke" und "Wir sind das Pack". SPD-Chef Sigmar Gabriel hatte die rechtsradikalen Demonstranten und Rassisten zuvor in dem Ort als Pack bezeichnet.

Rechtsextremisten hatten am Wochenende in der 16.000-Einwohner-Stadt mehrfach Asylbewerber bedroht. Bei Krawallen wurden auch Polizisten angegriffen, die die Unterkunft in einem früheren Baumarkt absicherten. Insgesamt kam es laut Bundesinnenministerium im ersten Halbjahr 2015 zu rund 200 Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte, das sind so viele wie im gesamten Vorjahr.

Der Besuch der Kanzlerin war bereits am Wochenende gefordert worden. Unter anderem wurde ihr auf dem Kurznachrichtendienst Twitter unter #merkelschweigt vorgeworfen, zu lange zu den Ausschreitungen nichts gesagt zu haben. Am Montag ließ Merkel ihren Sprecher erklären, es sei beschämend, wie Bürger, sogar Familien mit Kindern, durch ihr Mitlaufen diesen Spuk unterstützen.

Gauck spricht von "Dunkeldeutschland"

An diesem Vormittag hatte sich auch Bundespräsident Joachim Gauck ein Bild von der Lage der Asylbewerber und deren Helfer gemacht: Er besuchte eine Erstaufnahmeunterkunft in Berlin, in der derzeit mehr als 500 Menschen leben. Zu den Ausschreitungen vor Flüchtlingsheimen fand das Staatsoberhaupt klare Worte und sprach von "Dunkeldeutschland".

Denjenigen, die sich bei der Integration von Flüchtlingen engagieren, machte er Mut. "Es gibt ein helles Deutschland", sagte Gauck. An der Präsenz der hilfsbereiten Menschen könne sich die Bundesrepublik aufrichten. "Das ist das Deutschland, auf das wir uns stützen."

Video: Kanzlerin mit Buhrufen empfangen

Übergriffe in Deutschland 2015
Mehrere Vorkommnisse
Brandanschläge
Übergriffe auf Flüchtlinge
Weitere Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte
Quelle: Amadeu Antonio Stiftung und Pro Asyl / Polizei / eigene Recherchen / dpa
Stand: 7. Januar 2016

vek/heb



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.