Kanzlerin in Heidenau Merkel und der Mob

Die Asyldebatte ist endlich Chefsache. Angela Merkel besucht Heidenau - und wird mit Schmäh-Parolen empfangen. Sie findet sachliche Worte, ermutigt die Helfer. Wie aber geht es in dem Ort weiter, wenn die Polit-Prominenz wieder weg ist?

Aus Heidenau berichtet

Getty Images

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Angela Merkel ist wärmere Empfänge gewohnt. Als die Kanzlerin am Mittwochmittag in Heidenau auf dem Parkplatz vor dem früheren Praktiker-Baumarkt aus ihrer Limousine steigt, schallen ihr Buhrufe und Schmähungen entgegen. "Wir sind das Pack", grölt einer hinter dem Absperrband. Von der anderen Seite der Bundesstraße 172, wo sich vor einem Supermarkt einige Hundert Menschen versammelt haben, brüllen sie "Volksverräter" herüber.

Merkel blickt freundlich, aber auch ein wenig irritiert. Oft sucht sie bei solchen Terminen die Nähe zu den Menschen, die auf sie warten. Jetzt schreitet sie gemeinsam mit Parteifreund und Ministerpräsident Stanislaw Tillich lieber direkt zur Tat. In dem ehemaligen Baumarkt sind Flüchtlinge untergekommen, fast 600 bisher.

Die Kanzlerin will sich ansehen, wie die Menschen dort leben. Wie geht es ihnen nach einem Wochenende, an dem sich ein rassistischer Mob rund um das Heim Schlachten mit der Polizei lieferte?

Fotostrecke

10  Bilder
Besuch in Heidenau: Merkel und der Mob
Es ist das erste Mal, das Merkel als Bundeskanzlerin überhaupt eine Flüchtlingsunterkunft besucht.

Sie hat viel Kritik dafür einstecken müssen, dass sie sich in der immer intensiver geführten Debatte so lange zurückgehalten hat. Dass sie gewartet hat mit einer scharfen Verurteilung der Gewaltexzesse von Heidenau. Nun ist Merkel persönlich hier, um mit Flüchtlingen, Helfern und Sicherheitskräften zu sprechen. Der Termin fügte sich gut in ihren Kalender - ein Unternehmensbesuch im nahen Glashütte stand schon im Dienstplan.

Was Merkel in Heidenau zu sehen und zu hören bekommt, muss sie mehr als nachdenklich stimmen. Draußen stehen zu Hunderten die, die sich gerne "besorgte Bürger" nennen und keine Asylbewerber haben wollen in der Stadt. "Lügenpresse" skandieren sie, während die Kanzlerin sich eine Stunde lang die Unterkunft anschaut. Immer wieder fahren Autos hupend vorbei, am Steuer meist ziemlich kräftige, junge Männer - die Menge johlt jedes Mal. Zu der Aktion sollen Rechtsextremisten aufgerufen haben.

Das Gelände um den ehemaligen Baumarkt ist mit einem Sicherheitszaun mit Sichtschutz abgeschirmt, seit den Krawallen können Polizisten im Umkreis anlasslos die Personalien von Passanten kontrollieren. Drinnen stehen reihenweise Pritschen, ein paar Planen trennen Männer und Frauen. Die Luft sei miserabel, berichten die, die schon mal hinein konnten.

Merkels nüchterner Ruf nach Toleranz

Merkel trifft dort auf Menschen, die gezeichnet, oft traumatisiert sind von Krieg, Verfolgung, einer oft Monate dauernden Flucht. Sie kamen nach Deutschland in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Und nun haben sie wieder Angst um Leib und Leben, müssen sich hinter einem Zaun verstecken.

Das soll also die oft beschworene Willkommenskultur sein?

Fotostrecke

9  Bilder
Böller, Flaschen, Alkohol: Die Krawallnächte von Heidenau
Merkel ist nicht Sigmar Gabriel, ihre Sprache ist nüchterner. "Wir müssen alle unsere Kraftanstrengung darauf lenken, deutlich zu machen: Es gibt keine Toleranz gegenüber denen, die die Würde anderer Menschen infrage stellen", sagt Merkel, als sie wieder auf den Parkplatz tritt. "Es gibt keine Toleranz gegenüber denen, die nicht bereit sind zu helfen, wo rechtlich und menschlich Hilfe geboten ist. Je mehr wir das deutlich machen, umso stärker werden wir sein."

SPD-Chef Gabriel war bereits am Montag nach Heidenau gereist und hatte die braunen Horden, die an den Tagen zuvor marodierend um das Flüchtlingsheim gezogen waren, als "Pack" bezeichnet. Manche in Heidenau fühlen sich nun zu Unrecht verunglimpft, lautstark beschwerten sie sich beim Ministerpräsidenten, der das Gespräch suchte, bevor Merkel eintrifft.

Heidenau ist weder repräsentativ noch ein Einzelfall

Tillich entgegnete, dass sich jeder fragen müsse, was er auf einer von Rechtsextremisten angemeldeten Demo verloren habe. Und vielleicht auch, möchte man hinzufügen, warum man sich beim Wort "Pack" überhaupt angesprochen fühlt. Wo hier doch niemand rechts sein will.

Natürlich ist der rassistische Mob von Heidenau nicht repräsentativ für Deutschland. In der ganzen Republik engagieren sich Menschen, um den Flüchtlingen einen möglichst guten Empfang zu bereiten. Auch das betont die Kanzlerin. In Heidenau sorgen Dutzende Helfer rund um die Uhr dafür, dass alles läuft, so gut es eben geht. Merkel dankt "denen, die auch vor Ort Hass zu ertragen haben".

Ein Einzelfall aber ist Heidenau eben auch nicht. In Freital, Tröglitz, Dresden, in vielen Orten schon wurden Flüchtlinge offen angefeindet, fast jede Nacht brennt irgendwo in Deutschland ein Gebäude, in dem Flüchtlinge untergebracht werden sollen - manchmal auch schon leben. Dass es irgendwann Tote gibt, ist angesichts der Gewaltbereitschaft mancher Kreise nicht ausgeschlossen.

Merkel muss in Heidenau spüren, dass die Frage, wie die Republik mit den Hunderttausenden Flüchtlingen umgehen soll, mancherorts das Zeug hat, die Gesellschaft tief zu spalten. Heidenau steht vor einer Zerreißprobe. Das weiß auch Bürgermeister Jürgen Opitz, 59, ein Parteifreund Merkels, der die Kanzlerin am Mittwoch begleitet.

Endlich werden die Probleme angesprochen

Oft hat man es schon erlebt: Irgendwo im Land eskaliert rechtsextreme Gewalt, die Lokalpolitiker aber wollen von Problemen nichts wissen, sorgen sich nur um den Ruf ihrer Stadt. Nicht so Opitz. Er sei froh über die Aufmerksamkeit, sagt er, weil die Probleme dann endlich angesprochen und diskutiert würden. "Wir können nicht arbeiten, als wären wir in einer ganz normalen Situation", bestätigt ihn die Kanzlerin in Heidenau. Und wo andere sofort den Verdacht der Selbstinszenierung von Spitzenpolitikern hegen, freut sich Opitz über die "moralische Unterstützung" von Gabriel, Merkel und Co.

Als der Tross der Kanzlerin am Mittwochmittag wieder abreist, ist Opitz aber erst einmal wieder allein mit seinen Problemen. Lange noch steht er vor den Journalisten, versucht zu erklären, was nicht zu erklären ist. Hinter ihm rumpelstilzt ein Mann vorbei, ruft: "Hör auf zu lügen!" Opitz redet einfach weiter.

Am Donnerstag will noch Bundesjustizminister Heiko Maas von der SPD vorbeischauen, dann ist der Besuchsreigen aus Berlin wohl vorbei. Herrscht dann Ruhe in Heidenau? Wer die Stimmung an diesem Mittwoch erlebt hat, mag leider nicht daran glauben.


Zusammengefasst: Die Kanzlerin hat Heidenau besucht - um sich ein Bild von dem angegriffenen Flüchtlingslager zu machen. Zuvor war sie für ihre zögerliche Haltung kritisiert worden. Vor Ort wurde Merkel von einem aufgebrachten Mob beschimpft. Sie dankte den Helfern, muss sich aber auch fragen lassen, wie die Politik das Fremdenhassproblem in den Griff bekommen will.

Video: Merkel in Heidenau mit Buhrufen empfangen

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Philipp Wittrock ist Redakteur bei SPIEGEL ONLINE im Ressort Politik.

E-Mail: Philipp_Wittrock@spiegel.de

Mehr Artikel von Philipp Wittrock

Übergriffe in Deutschland 2015
Mehrere Vorkommnisse
Brandanschläge
Übergriffe auf Flüchtlinge
Weitere Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte
Quelle: Amadeu Antonio Stiftung und Pro Asyl / Polizei / eigene Recherchen / dpa
Stand: 7. Januar 2016

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.