Wahl zur Frau des Jahres "Yasssss Mom!!!!!!! Merkel kween!"

Im Ausland eine Sensation: Das "Time"-Magazin kürt die deutsche Kanzlerin zur "Person des Jahres", Emma Watson und Hillary Clinton feiern. Sie freuen sich vor allem darüber, dass Merkel eine Frau ist. Warum ist das so wichtig?

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Diese Nachricht steht für sich, dachte sich wohl Emma Watson. Die Hollywood-Schauspielerin twitterte am Mittwoch kommentarlos einen Artikel des "Guardian" mit der Überschrift: "Angela Merkel named Time's Person of the Year - the first woman since 1986" ("Angela Merkel wurde vom 'Time'-Magazin zur Person des Jahres ernannt - als erste Frau seit 1986").

Watson kämpft seit Jahren für die Gleichstellung der Geschlechter. Der Hinweis einer prominenten Feministin an ihre 20 Millionen Follower sagte auch ohne große Worte: Seht her, endlich bekommt eine Frau nach langer Zeit diese Auszeichnung.



Eigentlich hat Merkel den Titel für ihr Management in der Flüchtlingskrise und der Eurokrise bekommen, also für ihre moralische Führung in schweren Zeiten. So begründete das "Time"-Magazin seine Entscheidung und widmete Merkel ein Cover in Ölgemälde-Optik.

In den USA stürzten sich Prominente und Medien aber auffallend häufig auf einen anderen Fakt: Merkel = Frau. Nach Jahrzehnten wurde der Titel nicht nur an eine politisch einflussreiche Figur verliehen, sondern an eine Politikerin.

So wies Hillary Clinton in ihrer Gratulation direkt darauf hin, dass Merkel Deutschlands "erste Kanzlerin" sei. Clintons Botschaft ist eindeutig: Die US-Demokratin will 2017 Barack Obama beerben und die erste Frau im Weißen Haus werden. Indem sie auf Deutschlands Frau an der Spitze verweist, sagt sie: Was Europa kann, können wir schon lange, oder? Vote Hillary.



Deutsche Medien waren im Hinblick auf Merkels Geschlecht deutlich zurückhaltender. Zwar erwähnten viele Berichte, dass sie nach Corazon Aquino, frühere Präsidentin der Philippinen, die erste Frau mit diesem Titel sei. In Überschriften spielte das jedoch kaum eine Rolle. Junge Frauenportale wie "Edition F" oder "Missy Magazin" berichteten gar nicht darüber.

Merkel zwischen Victoria's-Secret-Models

Ganz anders in den USA: Dort jubelte die Hipster-Website "Mashable", man habe "endlich einer Frau" den Titel verpasst. Und das feministische US-Portal "Jezebel" feierte Merkels Kür mit einem begeisterten "Yasssss Mom!!!!!!! Merkel kween!" (frei übersetzt: "Jaaaa Mutti!!!!!! Königin Merkel!").

Selbst das bekannteste Edelmodeheft der Welt, die US-"Vogue", entdeckte Merkel, die Frau. Der Twitter-Account "Vogue Runway", der sonst News über Wickelkleider, Kate Middletons Haare und Victoria's-Secret-Wäsche verbreitet, verwies auf "the first woman honored in 29 years". Spätestens da war klar: Es geht hier nicht nur um Lob einer Politik an sich, sondern auch darum, dass globale Spitzenpolitik in Frauenhänden liegt.



Diese Beispiele zeigen: Merkels Geschlecht spielt in den USA offenbar eine große Rolle. In weiten Teilen Europas hingegen, speziell in Deutschland, scheint man sich an Frau Merkel gewöhnt zu haben. Der Spitzname "Mutti" wird vor allem von Journalisten gebraucht, und die Sache mit der Frisur, dem Dekolleté-Foto oder dem Dauer-Outfit Blazer ist Schnee von gestern. "Kohls Mädchen" gibt es schon lange nicht mehr, stattdessen vertraut man Angela Merkel, die bei Gipfeltreffen allein zwischen Männern steht und verhandelt.


Merkel unter Männern: Ein Anblick, an den man sich gewöhnt hat
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Merkel unter Männern: Ein Anblick, an den man sich gewöhnt hat


Womöglich hat die Aussicht, dass es vielleicht bald eine US-Präsidentin gibt, Amerikas Blick auf Frauen in der Politik verändert. Allein der Fakt, dass mit Clinton eine ernstzunehmende Kandidatin im Rennen ist, schärft den Blick auf peinliche Tatsachen: Es gab noch nie eine Frau an der Spitze der USA, und noch nie eine Frau an der Spitze der Vereinten Nationen.

Vielleicht ist es auch die räumliche Distanz, die zu einem gewissen Maß an Glorifizierung führt. Denn nüchtern betrachtet hat Merkel Interessen vieler Frauen ignoriert, sei es bei Frauenquote oder Lohngleichheit. Im Bundeskabinett sitzen neben ihr nur zwei weitere CDU-Frauen.

Zwar gibt es viele, die gut finden, dass Merkel ihr Frausein nicht zum Thema macht, sondern einfach regiert. Andere sind von Merkel enttäuscht. "Frauenrechte standen niemals im Mittelpunkt ihrer Agenda", schrieb die "Deutsche Welle" vor ein paar Wochen. Merkel tauge nicht als Vorbild für junge Frauen.

Aus der Entfernung sind das wohl Feinheiten, die das big picture der einflussreichen Merkel nicht stören. Dort widmet man der Frau in "Frau Dr. Merkel" Schlagzeilen. Selbst das "Time"-Magazin stellte neben allen politischen Errungenschaften heraus: Merkel sei "die mächtigste Frau der Welt".

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 63 Beiträge
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vox veritas 10.12.2015
1. Ja, ja
Die Merkel - ein echter deutscher Exportschlager.
elblette 10.12.2015
2. Kein Vorbild?
Natürlich hat das eine Vorbildfunktion, wenn an der Spitze eines Staates eine Frau steht, die dorthin gewählt wurde und aus keiner Politiker- oder Millionärsfamilie stammt.
Eppelein von Gailingen 10.12.2015
3. Woher stammt denn dieses
12 Jahre alte Foto.
eisbärchen_123 10.12.2015
4. Im Ausland eine Sensation
Aus dem Ausland betrachtet, kann man sich vielleicht darüber freuen. Als Inländer und Europäer wünscht man sich dagegen sehnlichst die nächste Wahl herbei, um sie möglichst schnell in den Ruhestand zu verabschieden, wo sie keinen weiteren Schaden mehr anrichten kann.
paulvernica 10.12.2015
5. kein Unterschied
Also ich kann beim besten Willen nicht erkennen wo Frau Merkels Politik weiblich ist ??!!!
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