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Merkel-Auftritt bei der CSU: Erste Hilfe von Schwester Angela

Von und

Besuch im CSU-Festzelt: Merkel und der "Bierschluck" Fotos
DPA

Angela Merkel in Bayern, ein solcher Termin kommt der angeschlagenen CSU gerade recht. Für die Schwesterpartei hatte die CDU-Chefin bei ihrem Auftritt auf einem Volksfest im Münchner Osten viel Lob parat - und nippte dazu gleich mehrfach am Bierglas.

Grün-blauer Blazer, schwarze Hose, die Frisur sitzt: Angela Merkel sieht frisch und dynamisch aus, als sie am Mittwochabend zusammen mit ihrem Sicherheitstross nach Trudering kommt - man muss das an dieser Stelle einfach sagen, schließlich gab es diese kleine Posse in der Werbekampagne für ihren Auftritt im Münchner Osten. Merkels Augen funkelten auf den Plakaten blauer als die von Paul Newman und ihre Haut wirkte so jugendlich glatt, dass das Foto eigentlich sofort auf jede Nivea-Dose gehört hätte.

Die Häme folgte umgehend. "Diese Täuschung erkennt jeder sofort", hatte etwa die bekannte Fotografin Herlinde Koelbl in einem Interview gesagt, Merkel sehe auf der Aufnahme 15 Jahre jünger aus. Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb vom "schmeichelhaftesten Kanzlerinnen-Plakat in der Geschichte der Bundesrepublik". Den Verantwortlichen war die Sache einigermaßen peinlich, die meisten Plakate wurden überklebt. Und jetzt steht die Bundeskanzlerin auf der Wiese vor dem Truderinger Festzelt, sichtlich gereifter als auf den ursprünglichen Plakatbildern, dafür aber sehr kanzlerinhaft. Die "Original Truderinger Böllerschützen" machen ihrem Namen alle Ehre und feuern mit ihren Handböllern ein paar Mal in die Luft. Merkel gelingt dabei das bemerkenswerte Kunststück, trotz des ohrenbetäubenden Lärms höflich zu lächeln.

Bierzelt als Merkels Notunterkunft

Truderinger Festwoche also. Für die örtliche CSU ist der Besuch der Regierungschefin eine ziemlich große Sache. Man freue sich "narrisch", schrieb etwa der Kreisvorsitzende Markus Blume in einer Presseerklärung. Zwar ist Politprominenz bei dem Volksfest nichts Ungewöhnliches, am Montag war bereits die rheinland-pfälzische Regierungschefin Malu Dreyer (SPD) da, aber Merkel: Das ist dann schon eine andere Liga für das ehemalige Bauerndorf. Und vielleicht genau die richtige Hilfe für die Christsozialen, die sich derzeit mit der imageschädigenden sogenannten Verwandtenaffäre herumplagen und jede Hilfe von der Schwesterpartei CDU gebrauchen können, erst recht von Merkel.

Nur: Die Kanzlerin im Bierzelt? Wenn Boris Becker früher über den Centre Court in Wimbledon sagte, dies sei sein "Wohnzimmer", dann ist das Bierzelt für Merkel wohl eher eine Art Notunterkunft. Zwar hält die CDU-Chefin und Bundeskanzlerin immer mal wieder auch solche Reden, aber die derbe Verbalattacke gehört nicht unbedingt zu ihrem Standardrepertoire. Will Merkel kumpelig sein, wirkt es in Trudering schon mal unfreiwillig komisch: Gleich mehrmals ruft sie ungelenk zu einem "Bierschluck" im Festzelt auf und nippt dazu am Glas - ein kurzes "Prosit" hätte vermutlich mehr Wirkung gehabt.

Aber die Leute nehmen es Merkel nicht krumm, im Gegenteil. Sie tragen "Trudering grüßt die Kanzlerin"-Plakate, stehen auf den Tischen, um Fotos von der Besucherin aus Berlin zu machen und klatschen.

"Bayern und die CSU, das gehört zusammen"

Es ist das erste Mal, dass sich die CDU-Chefin im Freistaat auf Einladung der Schwesterpartei blicken lässt, seit diese dort mächtig ins Schlingern geraten ist. Erst der Steuerfall Uli Hoeneß, in dessen Glanz als Präsident des FC Bayern München sich CSU-Chef Horst Seehofer in den vergangenen Jahren so gern sonnte. Dann noch die Amigo-Affäre im Maximilianeum. Dabei fielen in der Vergangenheit zwar auch Abgeordnete der Opposition unangenehm auf, aber eben nicht so häufig und exzessiv wie bei der CSU, die angesichts der reichlich unsensiblen, staatlich finanzierten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Ehepartner, Kinder und sonstige Verwandte derzeit ein kleines Problem hat.

In Merkels Rede taucht dieses Kapitel der CSU gar nicht erst auf. Stattdessen gibt es Lob für die Regierungsarbeit von Ministerpräsident Horst Seehofer: "Bayern und die CSU, das gehört zusammen, nur so bleibt Bayern spitze", sagt die Kanzlerin. Und dann schwärmt sie von der "Stärke Bayerns", von den guten Schulen und Universitäten sowie den erfolgreichen Unternehmen. Offenbar lerne es sich im Freistaat besser als anderswo, folgert Merkel - oder aber, man schlafe hier weniger. Sogar in Asien würde von Bayern geschwärmt: "Die Touristen aus China kommen nach München, gucken sich das Oktoberfest an und sagen: So wollen wir auch leben."

Mit so viel Bayern-Euphorie hatten sie hier in Trudering von Merkel vielleicht gar nicht gerechnet. Die Lobeshymne dürfte einen handfesten Grund haben: Eine starke CSU galt bislang als sichere und wichtige Bank für Merkels Operation Machterhalt bei der Bundestagswahl im Herbst. Nun aber ereilt die Bundestagsabgeordneten der Union bei ihren Bürgersprechstunden wegen der CSU-Affäre der Zorn der eigenen Anhänger: Die sehen alte Vorurteile gegen Politiker bestätigt, die sich am liebsten die eigenen Taschen vollstopften. Die Umfragekurve zeigte plötzlich nach unten - die Seehofer Truppe wurde zur Gefahr für die Kanzlerin.

Der Abwärtstrend scheint zwar vorerst aufgehalten. Die jüngste Forsa-Erhebung sieht CDU und CSU wieder leicht erholt bei 40 Prozent. Doch zugleich steigt der Verdruss über die etablierten Kräfte im Parteienspektrum.

Harte Wahlkampftöne mit Attacken gegen SPD und Grüne hat Merkel in Trudering gar nicht nötig. Ihre Popularität reicht in dem voll besetzten Zelt aus, damit die Stimmung gut ist.

Merkel werde auch in Zukunft Bundeskanzlerin bleiben, sagt ein CSU-Parlamentarier zum Abschluss der Veranstaltung. Und auch dafür hat die CDU-Chefin ein wohlwollendes Lächeln übrig.

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1. Schöner PR Auftritt
topodoro 15.05.2013
Aber was sagt sie zum Verteidigungsminister ? Hat sie da was gesagt ? 500 Millionen und mehr. Nicht der Rede wert. Thomas de Maizieres Debakel wird totgeschwiegen. Wer hat dem den Job gegeben ? Wer ist für sein Tun verantwortlich ? Die freundliche Biertrinkerin. Wohl bekomms...
2. Wundert Sie das?
buntesmeinung 15.05.2013
Zitat von topodoroAber was sagt sie zum Verteidigungsminister ? Hat sie da was gesagt ? 500 Millionen und mehr. Nicht der Rede wert. Thomas de Maizieres Debakel wird totgeschwiegen. Wer hat dem den Job gegeben ? Wer ist für sein Tun verantwortlich ? Die freundliche Biertrinkerin. Wohl bekomms...
Das ist doch typisch. Kein Wort über Probleme. Was nicht verschwiegen wird, wird schöngeredet. Politikersprech halt, den Angela Merkel auf die Spitze treibt.
3. Typisch
haarer.15 15.05.2013
Einfach lächerlich. Dass die Kanzlerin die Verwandten-Affäre der CSU totschweigt. War doch nicht anders zu erwarten. Doch Hilfe von Schwester Angela ? Ein Witz - denn diese Aussitz-Kanzlerin verliert an Zugkraft. Kommt nicht von ungefähr. Ihr eigenes Kabinett ist ein Dilettantenverein. Probleme lösen sich nicht durch Ignorieren oder Aussitzen, sondern durch Anpacken um was zu ändern. Die Leute merken das zusehends.
4. China: Reissack umgestürzt!
marcel2101 15.05.2013
Könnten sie den Artikel bitte, statt "Topmeldung", etwas passender als "Wahlkampfwerbung" deklarieren? Ist ja kaum mehr auszuhalten, was hier alles als "Topmeldung" durchgeht!
5. optional
spider_j 15.05.2013
Sie ist die beste Bundeskanzlerin, die wir jemals hatten! ;) Nicht so verlogen und orientierungslos, wie die Roten uuund offensichtlich sehr volksnah! ;)
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