Rückzug von der CDU-Parteispitze Lob für Merkel, Kritik an Seehofer

Angela Merkels Rückzugsankündigung kommt innerhalb ihrer Partei gut an - im Gegensatz zum Verbleib von Horst Seehofer. Und: Im Rennen um den CDU-Vorsitz erhalten Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz Unterstützung.

Merkel und Seehofer im Bundestag
CHRISTINA RIZK/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Merkel und Seehofer im Bundestag


Mit ihrer Ankündigung, sich nicht mehr um den Posten an der Parteispitze zu bewerben, hat CDU-Chefin und Kanzlerin Angela Merkel offenbar auch in der Berliner Parteizentrale für Überraschung gesorgt. CDU-Vize Thomas Strobl sagte im Interview mit den ARD-"Tagesthemen", er habe nichts von ihren Plänen gewusst. Allerdings sei nach den beiden Wahlniederlagen in Bayern und Hessen klar gewesen, dass es ein Weiter-so nicht geben könne.

Strobl nannte Merkels Schritt souverän, sie habe sehr konsequent gehandelt. Und: Im Augenblick werde ihr in der Partei sehr viel Respekt entgegengebracht.

Auch EU-Haushaltskommissar Günther Oettinger sieht eigenen Angaben zufolge keinen drohenden Autoritätsverlust für die Kanzlerin: "Ich erwarte das Gegenteil", sagte der CDU-Politiker der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Merkel könne sich nach ihrem Abschied von der Parteispitze "ganz auf das eine Amt" konzentrieren. "Die gesamte Union muss sie dabei unterstützen", sagte Oettinger. "Wir brauchen jetzt eine Kanzlerin, die den Rücken frei hat, gerade für die großen europäischen Aufgaben."

CDU-Politiker fordern Seehofers Rücktritt als CSU-Chef

Lobende Worte über Merkels Entscheidung kamen auch vom saarländischen CDU-Ministerpräsidenten Tobias Hans - er verband sie zugleich mit Kritik an CSU-Chef und Innenminister Horst Seehofer: "Fakt ist, dass Angela Merkel ein Beispiel gegeben hat, wie man nach einem schlechten Wahlergebnis Verantwortung übernimmt", sagte Hans der "Welt". Dieser Debatte werde sich auch die CSU stellen müssen. "Angela Merkel hat es geschafft, einen selbstbestimmten Abgang als Parteivorsitzende zu gehen, das wünsche ich auch dem Kollegen Horst Seehofer." Den angekündigten Rückzug Merkels bezeichnete Hans als "noblen Schritt".

Fotostrecke

23  Bilder
Angela Merkel: 18 Jahre CDU-Chefin - ein Rückblick

Der hessische CDU-Landesgruppenchef im Bundestag, Michael Brand, äußerte sich ebenfalls kritisch über Seehofer - er machte ihn für das Wahldesaster der Union in Hessen und Bayern verantwortlich. "Wer sein Ego über die Verantwortung stellt und mehr nach pathologischen als nach politischen Maßstäben agiert, darf sich nicht wundern, wenn Leute sich mit Wut und Entsetzen abwenden", sagte Brand der "Fuldaer Zeitung". Das müsse personelle Konsequenzen haben. Ämter seien kein Privatbesitz.

Horst Seehofer selbst kündigte an, er wolle innerhalb von zwei Wochen seine Vorschläge zur Zukunft der CSU vorlegen. "Ich denke, das wird Ende nächster, allerspätestens übernächste Woche erfolgen", sagte er im Bayerischen Rundfunk. Wie die Lösung auch für ihn persönlich aussehen könnte, ließ Seehofer offen.

Wer folgt auf Merkel?

Offen ist auch die Frage, wer Merkel an der CDU-Spitze nachfolgen wird. Bisher haben CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer und Gesundheitsminister Jens Spahn ihre Kandidatur angekündigt. Auch der frühere Unionsfraktionschef Friedrich Merz erwägt laut "Bild" und dpa anzutreten. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident und CDU-Landeschef Armin Laschet hält sich die Entscheidung noch offen. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen schloss eine Kandidatur aus. Das werde sie "ganz definitiv nicht" tun, sagte sie am Montagabend im ZDF. Von den Bewerbern erwarte sie "ein Feuerwerk an Vorstellungen, an Ideen, an Konzepten".

Fotostrecke

7  Bilder
CDU-Vorsitz: Das sind die möglichen Merkel-Nachfolger

Saarlands Ministerpräsident Hans warb in der "Welt" für Kramp-Karrenbauer. "Sie kann Wahlen gewinnen, sie kann die Partei motivieren. Das ist das, was wir brauchen. Außerdem schadet es nichts, wenn es weiterhin einen guten Draht zwischen der Parteizentrale und dem Kanzleramt gibt."

Zu einer möglichen Kandidatur von Merz sagte Hans der Zeitung: "Für Erneuerung steht er nicht wirklich. Wir sollten aber mit allen Bewerbungen vernünftig umgehen."

Unterstützung für Friedrich Merz

Mehr Unterstützung für Merz kam unter anderem von dem CDU-Bundestagsabgeordneten Christian von Stetten. "Er kann der CDU den Ruck geben, der dringend notwendig ist", sagte der Vorsitzende des Parlamentskreises Mittelstand der CDU/CSU-Bundestagsfraktion der "Passauer Neuen Presse". "Er ist der Richtige, um der CDU, ihren Mitgliedern und ihren Anhängern den Stolz zurückzugeben, der in den vergangenen Jahren verloren gegangen ist."

Vom CDU-Wirtschaftsrat hieß es, "es wäre natürlich sehr wünschenswert und zu begrüßen, wenn Friedrich Merz sich als Parteivorsitzender der CDU zur Verfügung stellen würde". Merz habe als Fraktionsvorsitzender immer alle verschiedenen innerparteilichen Positionen gut integriert und dabei insbesondere auch die Interessen der Arbeitnehmer stark berücksichtigt, sagte der Generalsekretär des CDU-nahen Verbandes, Wolfgang Steiger, der Nachrichtenagentur dpa.

Videoanalyse zu Merkels Verzicht auf Parteivorsitz: "Lebensrettend, aber gefährlich"

SPIEGEL ONLINE


Sie wollen die Sonntagsfrage für den Bund beantworten? Stimmen Sie hier ab:


Wer steckt hinter Civey-Umfragen?

An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

aar/dpa/AFP

insgesamt 152 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dirkozoid 30.10.2018
1. Ein Seehofer tritt doch nicht zurück
Damit würde er ja der Union und ganz Deutschland einen Gefallen tun. Und das kommt für Seehofer nicht in Frage, denn Horst Seehofer interessiert nur Horst Seehofer, fertig. Außerdem müsste er dann Verantwortung für sein Handeln übernehmen und das glaubt doch niemand, dass das passiert. Nene, der muss jetzt noch ordentlich Porzellan zerschlagen und darin ist er ja gut, das muss man ihm lassen.
der_rookie 30.10.2018
2. Hm
Egal welche Kandidaten nun genannt werden, können diese bitte mal einem Realitätstest unterzogen werden? Wer von denen kriegt unfallfrei ein Auto umgemeldet, eine Steuererklärung ausgefüllt, ein Smartphone in Betrieb genommen, in seinen Social Network Accounts selber posten und die von staatlichen Datenschützern empfohlenen Datenschutzeinstellungen setzen, ein 3 Gängemenü rein aus regionaler und saisonalen Zutaten kochen und kann Hausaufgaben aus der 5. Klasse Englisch korrigieren? Bitte nicht wieder einen erstarrten Berufspolitiker / eine Vertreterin der Wolkenkuckucksheim-Kaste.
Papazaca 30.10.2018
3. Mutti, Mama Merkel, Angela: Danke!
Jetzt gehst Du doch. Stückchenweise. Das diese Entscheidung freiwillig erfolgte, glauben aber nicht mal Deine treusten Anhänger. Ich hoffe für Dich, aber auch für uns, auf ein "Wir schaffen das", das auch funktioniert. Und das Du verstanden hast und nicht aus Deinem Amt geschossen werden mußt. Hinterlasse noch eine paar schöne Hosenanzüge für die diversen Museen und buche schon mal einige lange Kreuzfahrten. Es war lang, nicht immer schön, AUF WIEDERSEHEN!
Poli Tische 30.10.2018
4. Liebe CDU, wählt euch doch Horst Seehofer zum Parteivorsitzenden,
dann habt Ihr das genaue Gegenteil von dem, was ihr an Frau Merkel hattet. Aber das wird wahrscheinlich nicht passieren - an Seehofer krallt ja noch die CSU fest. Jeder Partei die Führung, die sie verdient!
abudhabicfo 30.10.2018
5. Seehofer hat jetzt die beste Rücktrittsmöglichkeit
Jetzt hat ihm die Kanzlerin ein schönes Ei gelegt. Sie ist noch seine Kanzlerin, kann ihn aber jetzt endlich offen unter Druck setzen. Wann versteht er, dass er jetzt endlich seinen Rücktritt vom Rücktritt des Rücktrittes nehmen kann.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.