Faktencheck Nein, Angela Merkel verschweigt keinen geheimen Flüchtlingsplan

In sozialen Netzen wird das Gerücht verbreitet, Kanzlerin Merkel habe einen Geheimplan für eine "Masseneinwanderung nach Deutschland". Unser Faktencheck erklärt, warum die Berichte in die Irre führen - und woran man das erkennen kann.

Screenshot "Wochenblick"

Screenshot "Wochenblick"

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Was soll passiert sein?

Auf Facebook teilen gerade viele Menschen einen Artikel, demzufolge die Bundesregierung in einem geheimen Strategiepapier die "Masseneinwanderung nach Deutschland" feiere. Kanzlerin Angela Merkel strebe aktiv an, dass bis zum Jahr 2060 insgesamt zwölf Millionen Migranten nach Deutschland kommen. Diese sollen die schrumpfende Bevölkerungszahl stabilisieren. Der Plan sei im Februar zur internen Verwendung verbreitet worden. Deutsche Medien hätten nicht darüber berichtet.

Woher kommt die Meldung?

Der Artikel "Merkel hofft auf 12 Millionen Einwanderer" ist auf der österreichischen Website "Wochenblick" erschienen. Er bezieht sich auf einen vier Wochen alten Text des britischen Portals "Daily Express" mit dem Titel "Haben sie nichts dazugelernt?". Die österreichische Seite "Unzensuriert" schrieb im Februar von einem "Volksaustausch", das Portal "Epoch Times" von einem "Beschluss der Bundesregierung" zur "Massenmigration". Diese Artikel wurden allein auf Facebook tausendfach geteilt.

Stimmt das?

Die Bundesregierung vertuscht keinen Flüchtlingsplan, sondern hat die langfristige Bevölkerungsentwicklung für Deutschland schätzen lassen. Die genannten Websites reduzieren das Ergebnis auf wenige Zahlen und sparen den wissenschaftlichen Kontext aus. Sie suggerieren, dass in Deutschland geborene Menschen von Zuwanderern verdrängt werden. Dafür gibt es keine Fakten-Grundlage.

Wie kommt SPIEGEL ONLINE zu dieser Einschätzung?

  • Die Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung in Deutschland stammen aus dem Demografie-Bericht der Bundesregierung vom 1. Februar 2017. Die "demografiepolitische Bilanz" ist samt Pressemitteilung als PDF-Dokument im Internet abrufbar. Der Bericht ist nicht geheim.
  • Anders als in vergangenen Reports geht die Bundesregierung nicht mehr zwingend von einem Schrumpfen der Bevölkerungszahl von derzeit 82 Millionen auf 73 oder gar 67 Millionen aus. Stattdessen hält sie es auf Basis statistischer Annahmen nunmehr für möglich, dass die Einwohnerzahl bis 2060 stabil bleiben kann. Allerdings spielen dabei mehrere Faktoren zusammen: eine dauerhaft stärkere Zuwanderung, die gestiegene Geburtenrate und die höhere Lebenserwartung. Eine Verknappung allein auf Zuwanderungszahlen ist unseriös.
  • Der Demografie-Bericht rechnet mehrere Szenarien durch: dass dauerhaft 100.000 Personen, 200.000 Personen oder 300.000 Personen jährlich zuwandern (Abwanderungen sind bereits berücksichtigt). Würden langfristig 300.000 Menschen pro Jahr zuwandern, entspräche das insgesamt etwa 13 Millionen Menschen bis 2060. Der Bericht betont, dass dauerhaft höhere Migrantenzahlen durch die schon jetzt gestiegene Zuwanderung plausibel geworden sind - hält aber auch fest: Zu- und Abwanderungen verlaufen sehr schwankend und in Wellen. Wie sich die Einwohnerzahl tatsächlich entwickeln wird, ist offen.
  • Schon 2015 stellten Experten fest, der Arbeitsmarkt brauche bis zu 500.000 Zuwanderer pro Jahr, um die demografische Lücke zu schließen. Zu diesem Schluss kam etwa das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Deutschlands Arbeitsmarkt ist auf Zuwanderung angewiesen - da sind sich Politik und Wirtschaft schon länger weitgehend einig.
  • Die Integration vieler Zuwanderer auf einmal in den Arbeitsmarkt ist mit Schwierigkeiten verbunden und erfordert eine "große gesamtgesellschaftliche Kraftanstrengung", heißt es im Demografie-Bericht. Die Erfolge würden "erst mittel- bis langfristig sichtbar". Mit Zuwanderung verbundene Probleme werden thematisiert.
  • Mehrere Nachrichtenseiten, darunter die "Rheinische Post" und SPIEGEL ONLINE, griffen die Demografie-Bilanz der Bundesregierung auf. Es gab kein Schweigen der Medien.
Tipps für den Online-Alltag: So enttarnen Sie Fakes
Ist die Quelle seriös?
Stößt man auf eine spektakuläre Nachricht, sollte man zunächst prüfen, auf welcher Quelle sie beruht. Bei einer Falschmeldung des "Denver Guardian" aus dem US-Wahlkampf etwa hätte es schon gereicht, den Namen des Mediums zu googeln. Einen "Denver Guardian" gibt es nämlich nicht, wie die "Denver Post", eine real existierende Zeitung, klarstellte. Seriöse Nachrichtenseiten haben ein Impressum und Kontaktmöglichkeiten und verschleiern nicht, wer sie betreibt.

Interessant ist auch, was eine Seite bislang veröffentlicht hat. Ist eine spektakuläre Nachricht vielleicht der erste Beitrag überhaupt? Gibt es die angeblich traditionsreiche Seite möglicherweise erst seit einer Woche? Oder postet die Seite sonst offenkundig blödsinnige Nachrichten?
Handelt es sich um eine Satire-Meldung?
Hat man den Kontext im Blick, entdeckt man auch Satire-Postings leichter. Seit Jahren zum Beispiel kommt es vor, dass Internetnutzer "Postillon"-Meldungen für bare Münze nehmen. Die Website verspricht zwar "ehrliche Nachrichten - unabhängig, schnell, seit 1845", veröffentlicht aber Quatschmeldungen wie "Katastrophenschutz warnt: Werwölfe heute Nacht bis zu 15 Prozent größer". Ähnliches gilt für "Die Tagespresse", die sich als "Österreichs seriöseste Onlinezeitung" bezeichnet.

Neben Satire-Seiten gibt es Websites, die mit erfundenen Nachrichten Besucher locken wollen, um über Anzeigen Geld zu verdienen. Die US-Aufklärungswebsite "Snopes" listet diverse solcher vermeintlicher Nachrichtenangebote auf, darunter etwa "World News Daily Report" und "National Report". Bei Twitter-Accounts sollte man überprüfen, ob ein Tweet wirklich von dem Account kommt, dem er zugeschrieben wird. Mitunter begegnet man auf Twitter auch Fake-Accounts, die nur so ähnlich heißen wie ein bekannter Account. Davon, dass ein Twitter-Konto wirklich demjenigen gehört, dem er angeblich gehört, kann man erkennen, wenn er von Twitter "verifiziert" wurde, also einen weißen Haken auf blauem Hintergrund neben dem Profilnamen hat.
Was steht wirklich im Artikel - und was nur in der Vorschau?
Gerade bei aggressiv etwa per Facebook angepriesenen Artikeln lohnt es sich, im Original-Artikel nachzuschauen, ob der kleine Vorschauschnipsel auf den Artikel und der eigentliche Inhalt zusammenpassen: Steht die Sensation überhaupt im Text?

Jeder Facebook-Nutzer, der eine Seite betreibt oder eine Community managt, kann beim Posten eines fremden Artikels auch die Überschrift und den Einleitungstext ändern.
Hier zum Beispiel haben wir einen SPIEGEL-ONLINE-Artikel mit der Überschrift "Kristina Schröder zieht sich aus Bundespolitik zurück" mal anders verpackt. Wir hätten auch Quatsch schreiben können wie "Kristina Schröder begeistert von Trumps Frauenbild". Merken würde man das als Facebook-Nutzer erst beim Klick auf den Artikel.
Wo kommt die Information her?
Seriös arbeitende Journalisten machen deutlich, wo ihre Informationen herkommen. Wenn etwa über eine Studie berichtet wird, sollte diese genau genannt oder verlinkt sein. Und wenn man ein anderes Medium zitiert, kann man auch einfach einen Link setzen.

Bei Medien wie SPIEGEL ONLINE steht am Ende von Meldungen übrigens oft ein Hinweis wie "dpa", "Reuters" oder "AFP". Dieses Kürzel zeigt an, dass die Meldung oder ein Teil ihrer Informationen von einer Nachrichtenagentur stammt. Meldungen aus Agenturen lassen sich nicht immer verlinken.
Wurde die Quelle richtig wiedergegeben?
Wenn es schon Quellen-Erwähnungen oder -Links gibt, lohnt es sich bei kontroversen Meldungen oft, sich durchzuklicken, bis man irgendwann bei der Ursprungsquelle ankommt. Manchmal ist sie uralt oder wird falsch wiedergegeben, was nicht immer böswillig geschehen muss: So kann es zum Beispiel Übersetzungsfehler geben. Wie der Quellencheck konkret aussehen kann, zeigt zum Beispiel dieses Video vom Kanal "Die besorgte Bürgerin":
Seiten wie "We Watch Fake Anonymous" konnten mit teils simplem Quellenaufrufen immer wieder Behauptungen der mittlerweile gelöschten Facebook-Hetzseite "Anonymous.Kollektiv" widerlegen.
Falle ich gerade auf einen Fake-Klassiker rein?
Viele Falschmeldungen kursieren monate- oder jahrelang durchs Netz - und trotzdem gibt es immer wieder Nutzer, die darauf reinfallen. Das gilt zum Beispiel für Aufrufe, bei denen behauptet wird, per Bild-Posting könne man den Facebook-AGB widersprechen.

Oft reicht es schon, Stichworte einer Meldung mit dem Zusatz "Fake" ins Google-Suchfeld zu packen. Aufklärungsseiten wie "Mimikama" und "Emergent" und Medienkritik-Portale wie "Übermedien" und das "BILDblog" haben schon über viele wiederkehrende Falschmeldungen berichtet.

Viele aufregende Geschichten entlarven sich per simplem Googlen auch als Urban Legends, als Großstadtmythen. Das gilt für manche angebliche Horrornachricht rund um Flüchtlinge - wie die "Hoaxmap" zeigt -, aber auch für viele Anekdoten, die jemand von einem ungenannten Dritten gehört haben will, etwa die Geschichte vom Hund, der im Kaufhaus stirbt.
Ist die Information tatsächlich brisant?
Vorsicht ist auch dann geboten, wenn als Quelle nebulös ein Leak angegeben wird. Nur, weil etwa eine E-Mail nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, heißt dass nicht, dass sich darin automatisch eine spektakuläre Enthüllung verbirgt.

Bei Reddit und in anderen Internetforen wurde rund um die US-Wahl in allerlei Beiträgen, vor allem aus dem Umfeld von Trump-Fans, auf eine von WikiLeaks veröffentlichte E-Mail verwiesen. Dabei wurde mitunter suggeriert, Hillary Clintons Wahlkampfleiter würde sich in der Nachricht kritisch über Deutschlands Umgang mit der Flüchtlingskrise äußern. Ein Klick auf die Quelle beweist aber: Die E-Mail wurde an den Mitarbeiter Clintons geschickt, nicht von ihm.

Auch wenn viele Blogs und Foren eine Nachricht diskutieren - und kein etabliertes Medium -, hat man nicht unbedingt einen Beleg für "Lügenpresse"-Vorwürfe gefunden. Eins von vielen Gegenbeispielen für diese These findet sich etwa bei "Mimikama".
Zeigt ein Foto wirklich, was es zu zeigen vorgibt?
Gerade kurz nach Naturkatastrophen oder Gewalttaten machen häufig auch Foto-Fakes die Runde. Viele Menschen suchen dann nach Bildern und bekommen zum Beispiel alte Fotos von anderen Ereignissen vorgesetzt.
Vier Schritte - die wir hier detaillierter erklären - können helfen, solche Fakes zu entlarven: von der Bilder-Rückwärtssuche bis hin zum Check der Bildinhalte auf Plausibilität.
Wie neu ist ein angeblich neu aufgetauchtes Video?
Nach Ereignissen wie der Kölner Silvesternacht werden in sozialen Netzwerken oft nicht nur alte Fotos, sondern auch alte Videos als vermeintliche hochaktuelle Augenzeugen- oder Skandalclips inszeniert.

Will man eine Ahnung davon bekommen, ob ein YouTube-Video vielleicht schon älter ist, kann man zum Beispiel den YouTube DataViewer von Amnesty International anwerfen. Der Dienst liefert unter anderem sogenannte Thumbnails, Bildausschnitte aus Videos, mit denen sich dann wieder eine Bilderrückwärtssuche durchführen lässt. Außerdem wird das Upload-Datum angezeigt.
Kann ich anderen Nutzern helfen?
Haben Sie einen Fake entlarvt, kann es nie schaden, andere Internetnutzer an der Erkenntnis teilhaben zu lassen und beispielsweise einen Erklärlink als Kommentar unter ein dubioses Facebook-Posting zu setzen. Bei Facebook sollten Sie auch versuchen, Fake-News zu melden. In einem Untermenü der Meldeoption kann man explizit angeben, dass es sich möglicherweise um eine gefälschte Nachricht handelt.

Sind auch Ihnen in den sozialen Netzwerken beliebte Artikel begegnet, bei denen es sich um Falschmeldungen, bewusste Panikmache, Übertreibungen oder verdrehte Fakten handeln könnte? Geben Sie uns per E-Mail gern einen Hinweis: antifakenews@spiegel.de



insgesamt 146 Beiträge
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Seite 1
versöhnung 14.03.2017
1. Dieser
Artikel in der Welt zeigt, in wieweit wir die Wahrheit gehört haben. https://www.welt.de/politik/deutschland/article162778259/Die-volle-Wahrheit-mutete-Merkel-den-Deutschen-nicht-zu.html Das relativiert Ihren Artikel schon ein wenig.
Det_onator 14.03.2017
2. Merkel hat überhaupt keinen Plan
Muss Merkel ja auch nicht, da die Noch-BK überhaupt keinen langfristigen Plan in der Flüchtlingskrise hat. Gleiches gilt für die zukünftige Entwicklung und den gesellschaftlichen und sozialen Zusammenhalt in unserem Land. Merkel fährt auf Sicht, weiter reicht ihr Blick nicht in die Zukunft, warum auch, Sie wird aller Voraussicht nach, die Probleme der Zukunft nicht mehr in politischer Verantwortung lösen müssen.
peteftw 14.03.2017
3. Ok...
Hat mich jetzt nicht wirklich überzeugt, SPON. Tatsache ist, dass Szenarien angenommen werden bei dem ein Szenario dazu führt, dass bis 2016 13 Millionen Menschen zuwandern. Außerdem: Im Artikel heißt es, nicht nur die Zuwanderung sondern auch die gestiegene Geburtenrate (und die höhere Lebenserwartung) seien für die Konstanthaltung der Einwohnerzahl ursächlich. Aber: Die gestiegene Geburtenrate ist ja eine Folge der Zuwanderung und verschärft die Situation noch eher. Außerdem: Jetzt kommt wieder die Mär vom Fachkräftemangel bzw. vom Arbeitsmarkt der "500.000" Zuwanderer pro Jahr benötigt. 1. Dann sollten wir darauf achten wer zu uns kommt. Das Asylrecht ist kein Instrument für Einwanderung. Die Wirtschaft hat längst festgestellt dass die Menschen die in den letzten Jahren als Flüchtlinge zu uns kamen auf absehbare Zeit nicht in den Arbeitsmarkt integrierbar sind. 2. Wir leben im Zeitalter der Digitalisierung und Industrie 4.0. Das führt tendenziell dazu dass Automatisierung einfache Tätigkeiten übernimmt. Das sich die Wirtschaft neue Arbeitssklaven wünscht die in Konkurrenz zum Mindestlohn den Wohlstand schaffen ist ja verständlich. Insgesamt sind diese Informationen dramatisch! Wir brauchen Einwanderung, aber gemäßigt, gesteuert und qualifiziert. Das Asylrecht dazu zu missbrauchen ist ein Unding.
wo_st 14.03.2017
4. Kein Plan
Für mich sieht das immer wie planlos aus, was da aus der Regierung herauskommt.
puby 14.03.2017
5. Sie nerven,
mit ihren Fakten! Ist doch viel spannender, wenn alles so ist wie im Film mit Verschwörung und Bevölkerungsaustausch.
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