Flüchtlingsgespräch bei Anne Will Merkels ehrlichste Regierungserklärung

Angela Merkel verliert in der Flüchtlingskrise an Rückhalt. Jetzt hat sie im Studio von Anne Will um Geduld gebeten und für Zuversicht geworben - mit ungewohnt klaren Worten.

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Angela Merkel könnte den Friedensnobelpreis bekommen, im Vorfeld der Verleihung wird darüber ordentlich orakelt. Begeistert davon scheint sie nicht, eher genervt vom Medaillen-Hype. "Diese Diskussion bedrückt mich fast. Sie können mir glauben, dass ich wirklich beschäftigt bin. Und zwar mit Hochdruck."

Ja, man glaubt es ihr sogar. Am Mittwochabend wurde Merkel von Anne Will im Solo-Gespräch zur Flüchtlingskrise befragt. Verteidigt hat die Kanzlerin ihren Kurs in den vergangenen Tagen häufig. Doch in dieser einen Stunde Sendung sprach sie ungewöhnlich klar über das Thema, das das ganze Land bewegt.

Aus Merkels Sicht wird es keine schnelle Lösung der Flüchtlingskrise geben. Und zurückdrehen könne man die Entwicklung schon gar nicht, macht sie deutlich. So vielen Menschen auf einmal Schutz zu bieten, sei die wohl schwierigste Aufgabe seit der Wiedervereinigung. "Aber jetzt ist die Situation da."

"Meine verdammte Pflicht"

Das Interview wirkt beim Anschauen wie eine Art Realitätscheck für diejenigen, die die Schutzsuchenden aus Kriegs- und Krisengebieten für vorübergehend oder gar für eine Gefahr halten. "Wir können die Grenzen nicht schließen. Wenn man einen Zaun baut, werden sich die Menschen andere Wege suchen. Es gibt den Aufnahmestopp nicht", betont Merkel.

Stattdessen setzt sie darauf, dass Europa über kurz oder lang nicht umhinkommen werde, Flüchtlinge fairer aufzuteilen. Sie verspricht auch, dass man Entwicklungsgelder gezielter in die Konfliktregionen lenken wolle, aus denen die meisten Flüchtlinge kommen.

Die Botschaft ist klar: Nach zähen Debatten über Flüchtlingspauschalen, Verteilungsschlüssel und Familiennachzug versucht Merkel, die Perspektive zu weiten - und das "big picture", das große Bild der Flüchtlingsbewegung, zu vermitteln. In dem Deutschland zwar eine Schlüsselrolle spiele, aber Verbündete brauche.

Verhandeln müsse man etwa mit der Türkei, die derzeit zwei Millionen Flüchtlinge aus Syrien beherbergt. Im Gegenzug könnte das Land mehr Geld für Flüchtlingscamps bekommen, zumindest sprechen müsse man darüber. "Das ist meine verdammte Pflicht", sagt Merkel tatsächlich.

Kanzlerin Merkel im Studio von Anne Will: "Jetzt ist die Situation da"
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Kanzlerin Merkel im Studio von Anne Will: "Jetzt ist die Situation da"

Einwirken, Angebote machen, Druck ausüben, strukturieren will Merkel also. "Verhältnisse in vernünftige Bahnen lenken", nennt sie das. Wie und wann sich erste Erfolge zeigen sollen, lässt sie offen. "Das dauert. Länger, als sich das manche wünschen."

Ebenso die Frage, wie viele Flüchtlinge in Zukunft nach Deutschland kommen werden - es sei "im Augenblick nicht möglich, Zahlen zu benutzen. Aber das ist auch egal. Es sind sehr, sehr viele." Im Übrigen könne so eine Prognose "keiner" verlässlich abgeben.

Die demonstrative Ungewissheit ist geschickt

Diese Form von ehrlicher, demonstrativer Ungewissheit ist geschickt. Merkel stellt damit sämtliche Kritiker bloß, die behaupten, man könne mit Millionenzahlen zu Flüchtlingen um sich werfen. In gewisser Weise hat Merkel aber auch keine andere Wahl, als um Geduld und Vertrauen zu werben.

Ihre Beliebtheitswerte sacken ab, während Rechtspopulisten erstarken. Der Auftritt bei Anne Will ist deshalb nicht nur ein Erklären der Krise, ein Erläutern ihrer Pläne, sondern auch das Signal: Ich bleibe bei meinem Kurs, es gibt gute Gründe dafür, aber eine Garantie gibt es keine. Außer die eine, die aus Merkels Sicht unverrückbar scheint: "Wir werden es schaffen." Sie sagt ihr Flüchtlingsmantra immer wieder. (Hier finden Sie Merkels beste Zitate aus der Sendung zum Nachlesen.)

Das sehen Merkel-Kritiker ganz anders, ihre eigene Basis rebellierte gerade mit einem Brief. "Den habe ich mir aufmerksam durchgelesen, das sind ja Parteifreunde", sagt sie im TV-Studio gelassen. Sie werde sich nicht beteiligen an einem "Wettbewerb, wer ist am unfreundlichsten zu Flüchtlingen, und dann werden sie schon nicht kommen", fügt sie hinzu. Sätze wie diese sind an alle gerichtet, die gerade auf Abschreckung setzen - wie Co-Koalitionär Horst Seehofer (CSU).

Dass Selfies mit Flüchtlingen neue Flüchtlinge anlocken, findet Merkel absurd
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Dass Selfies mit Flüchtlingen neue Flüchtlinge anlocken, findet Merkel absurd

Merkels Offenheit hat ihre Grenzen, bei vielen interessanten Fragen von Anne Will macht die Kanzlerin dicht. Den angeschlagenen Innenminister Thomas de Maizière (CDU) "brauche ich dringender denn je", versichert sie. Ob die Flüchtlingskrise ihre Kanzlerschaft gefährde? "Das ist nicht die Frage, die ich mir stelle." Ob die meisten Flüchtlinge irgendwann wieder in ihr Heimatland zurückkehren würden? Festlegen will sich Merkel nicht.

Ihr Auftritt ist auch als Motivation gedacht in einer Zeit, in der viele Helfer und Behörden an ihre Grenzen stoßen. "Ich sehe, dass manche am Ende ihrer Kräfte sind. Ich weiß, was vor Ort los ist, ich bin dankbar dafür, was geleistet wird", sagt Merkel.

Sie lobt die Welle der Hilfsbereitschaft, die viele Bürger gerade beweisen. Eine Alternative dazu, betont sie, gibt es nicht. "Ich mag mein Land. Aber nicht nur ich mag mein Land, sondern Millionen andere. Da kann man nur so rangehen, dass wir das schaffen."


Zusammengefasst: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Mittwochabend in der Sendung von TV-Journalistin Anne Will über ihre Flüchtlingspolitik gesprochen. Sie äußerte sich dabei ungewöhnlich klar zum Thema. Merkel widersprach der Forderung, die Grenzen zu schließen. Stattdessen müssten Flüchtlinge in Europa fairer verteilt werden. Die Kanzlerin verteidigte ihren Kurs. An einem "Wettbewerb, wer ist am unfreundlichsten zu Flüchtlingen" wolle sie sich nicht beteiligen.

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