Bundestagswahlkampf Merkel rückt vom Nein zur Ehe für alle ab

Die Union lehnt die Ehe für alle offiziell ab. Doch CDU-Chefin Angela Merkel bezeichnete sie nun als Gewissensfrage. Damit wäre der Weg frei für eine überparteiliche Mehrheit im Bundestag.

Angela Merkel im Gespräch mit "Brigitte"-Chefredakteurin Brigitte Huber
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Angela Merkel im Gespräch mit "Brigitte"-Chefredakteurin Brigitte Huber


Der Union droht neuer Streit über die Ehe für alle. CDU-Chefin und Bundeskanzlerin Angela Merkel ist vom klaren Nein ihrer Partei abgerückt und will die Entscheidung offenbar jedem einzelnen Abgeordneten überlassen. "Ich möchte die Diskussion mehr in die Situation führen, dass es eher in Richtung einer Gewissensentscheidung ist, als dass ich jetzt per Mehrheitsbeschluss irgendwas durchpauke", sagte Merkel auf einer Veranstaltung der Zeitschrift "Brigitte" in Berlin.

Bei einer Abstimmung im Bundestag ohne Fraktionszwang gilt eine Mehrheit für die gleichgeschlechtliche Ehe als sicher. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur hat Merkel die Linie mit CSU-Chef Horst Seehofer abgesprochen.

Grüne, Linke, FDP und SPD hatten in den vergangenen Wochen die Öffnung der Ehe auch für homosexuelle Paare zur Wahlkampfforderung gemacht. Merkel sagte, sie nehme dies "zur Kenntnis". Sie sei aber "ein bisschen bekümmert", dass dieses Thema nun Gegenstand von "Parteitagsbeschlüssen und plakativen Dingen" sei.

Sie glaube, dass es sich um "etwas schon sehr Individuelles handele". Deswegen wolle sie mit CDU und CSU "anders darauf reagieren". Sie selbst und viele andere in der CDU würden sich "viele Gedanken" über diese Frage machen, sagte Merkel weiter. Nach Angaben von Teilnehmern diskutierte die innere CDU-Führung am Sonntagabend bei ihrer Vorbereitung des Wahlprogramms eineinhalb Stunden über das Thema.

"Das sind Dinge, die mich sehr beschäftigen"

Merkel wurde die Frage nach der Ehe für alle bei der "Brigitte"-Veranstaltung von einem Zuhörer gestellt. Wie in einer ähnlichen Situation im Wahlkampf 2013 fiel es ihr auch diesmal sichtlich schwer, ihre Vorbehalte zu formulieren. Damals hatte sie unter anderem gesagt: "Ich bin unsicher, was das Kindeswohl anbelangt."

Auch in dieser Frage scheint sich Merkels Haltung zu verändern. Am Montagabend schilderte sie eine Erfahrung aus ihrem Wahlkreis, wo ein lesbisches Paar acht Pflegekinder betreue. Wenn der Staat einem homosexuellen Paar Kinder zur Pflege gebe, "kann ich nicht mehr ganz so einfach mit der Frage des Kindeswohls argumentieren", sagte Merkel. "Das sind Dinge, die mich sehr beschäftigen."

Die Kanzlerin forderte zugleich "Respekt" und "Achtung vor denen, die sich schwer tun vor so einer Entscheidung". Diese werde aber "irgendwann zu fällen sein". Zugleich rügte sie den Koalitionspartner SPD, der vier Jahre mit CDU/CSU regiert habe und nun im Wahlkampf die Ehe für alle wolle. "Das finde ich seltsam", sagte Merkel.

Homosexuelle können bislang nur eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen, wie sie die rot-grüne Koalition im Jahr 2001 eingeführt hatte. Ihnen ist unter anderem die gemeinsame Adoption von Kindern verwehrt.



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bam/AFP/Reuters/dpa



insgesamt 271 Beiträge
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niemalsnicht 26.06.2017
1. Und warum dann icht jetzt als GroKO?
Bei der SPD steht die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare im Wahlkampfprogramm. Frau Merkel rückt von einem Nein ab. Warum dann nicht jetzt noch eine Abstimmung dazu und das entsprechende Gesetz verabschieden, sondern bis nach der Wahl warten? Auch wenn mich das Thema nicht wirklich tangiert, ich fühle mich schon wieder irgendwie verarscht. Alles was bei beiden Parteien im Programm auftauchen sollte oder sich tangiert kann man auch noch JETZT angehen! Alles andere ist Augenwicherei und warme Luft und eher ein darauf hoffen es am Ende mit einem anderen Koalitionspartner doch nicht machen zu "müssen".
aspro86 26.06.2017
2. Opportunismus
Typisch Merkel. Sie weiß halt, wenn man mit der eigenen Meinung keine Wähler mehr holen kann. Dann dreht man sich eben mal um 180° und weiter gehts die nächsten 4 Jahre. Und das ist gar nicht abschätzig gemeint, so funktioniert nunmal unsere Demokratie.
jack.welch 26.06.2017
3. Beliebigkeit a la Merkel
Ich habe nichts gegen die Ehe für alle. Letztlich ist aber der blitzschnelle Richtungswechsel von Frau Merkel nach dem SPD Parteitag ein weiterer Beweis für ihre Prinzipienlosigkeit. Als wollte sie sich für den Unsinn vom Angriff auf die Demokratie rächen. Ist ihr prächtig gelungen. Nur leider macht sie damit auch die Union unzählbar. Nicht wegen der Ehe für alle sondern wegen ihrer Beliebigkeit.
Knuuth 26.06.2017
4. Die Gnädige
Wie ein Fähnchen im Wind - nur dass dies in stürmischen Zeiten nicht das Mittel der Wahl sein sollte. P.S: Welcher Bundeskanzler hat eigentlich der BRIGITTE zuvor ein Interview gegeben?
Echt jetzt 26.06.2017
5. Vorgeschobene Gründe
Wir nähern uns bereits dem Tag, da homosexuelle Paare nicht nur Kinder adoptieren, sondern (mit ein bisschen technischer Hilfe) sogar zeugen können, aber das ist für Merkel vermutlich genauso Neuland wie das Internet.
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