Merkels Machtverlust Staatsoper für alle

Auf der Berliner Bühne wird das Drama um das Ende dieser Kanzlerschaft gespielt. Wer wird am Ende die Rolle des Königinnenmörders übernehmen? Eins ist jedenfalls sicher: Angela Merkel hätte nicht noch einmal antreten dürfen.

Innenminister Seehofer, Kanzlerin Merkel
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Innenminister Seehofer, Kanzlerin Merkel

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In der Berliner Staatsoper wurde am Wochenende das Stück "Macbeth" gegeben. Das große Drama um Ehrgeiz, Macht und Intrige. Die Öffentlichkeit durfte draußen zusehen - ganz ohne Eintritt. Die Reihe heißt "Staatsoper für alle." Das passt. Ganz Berlin ist ja eine Bühne und im Moment spielt auch in der Bundesoper ein Stück schottischer Familienaufstellung: das große Drama um Merkels Ende. Schade, dass Verdi und Shakespeare tot sind. Sie könnten hier eine Menge lernen, was Wahnsinn angeht und Skrupellosigkeit.

Wo die Wirklichkeit zum Theater wird, sitzen die Hauptfiguren im Publikum: Wolfgang Schäuble und Jens Spahn waren auch zu Gast an jenem Abend. Lady Macspahn? Wolfgang Macduff? Die Rollen im Schmierentheater der Union sind noch nicht ganz klar verteilt. Aber wahrscheinlich belächelten die beiden im Stillen das Spiel der Amateure auf der Bühne.

Bei Verdi singt Lady Macbeth: "Der Weg zur Macht ist voll von Verbrechen, und wehe dem, der unentschlossen ist und zurückschreckt!" Keine Sorge: Die Neigung, Verbrechen zu begehen, steigt bei der CSU mit jedem Tag, den die Bayernwahl näher rückt. Verdis Libretto liefert das Skript für den CSU-Wahlkampf: "Oh Wollust der Macht! Szepter, endlich bist du mein! Jedes irdische Verlangen verstummt und wird durch dich gestillt." Das ist gewissermaßen O-Ton Markus Söder.

Europa kann nicht warten

Anders als im Drama liegt in der Wirklichkeit das Problem beim König - in unserem Fall der Königin. Man konnte es schon im Herbst 2016 wissen, als sie die Entscheidung fällte, weiterzumachen: Merkel hätte nicht noch einmal antreten dürfen. Da vom ersten Tag an klar war, dass diese Amtszeit ihre letzte sein würde, läuft seit dem ersten Tag die Suche nach der Nachfolge. So aber kann Merkel das Land nicht mehr regieren. Wenn das Ende der Macht in Sicht ist, ist die Macht am Ende.

Die Deutschen könnten es mit einer schwachen Regierung schon ein paar Jahre aushalten. Dann bleiben die unerledigten Probleme dieser Kanzlerschaft - Bildung, Digitalisierung, Infrastruktur, Integration, Klimapolitik, soziale Gerechtigkeit - halt noch länger unerledigt. Die Deutschen haben sich an niedrige Löhne und fehlende Lehrer gewöhnt, und daran, dass die Bahn zu spät oder gar nicht kommt. Die Deutschen sind genügsam. Aber Europa kann nicht warten. Europa braucht eine starke deutsche Regierung so dringend wie nie zuvor. Und genau die kann Merkel nicht mehr gewährleisten.

Als Merkel sich zu einer neuen Kandidatur bekannte, hieß es, ihr Verantwortungsgefühl habe sie bewogen, weiterzumachen. Es hätte sie bewegen müssen aufzuhören. Der Glaube, unersetzbar zu sein, ist eine ungeheuerliche Hybris. Man will ein Übel abwenden - und beschwört es dadurch herauf. Aus diesem Stoff werden Tragödien gewoben.

In der Politik gibt es kein Gewissen

Es war einem Königsdrama entlehnt, einem Kriegermythos, einer wahren Legenda aurea der politischen Selbstlosigkeit, wie Merkels Leute Ende 2016 ihre Entscheidung, noch einmal anzutreten, inszenierten. Die " Süddeutsche Zeitung" beschrieb damals, wie die Kanzlerin mit sich rang, bevor sie sich zum Weitermachen entschloss: die Kanzlerin allein, mit wenigen Getreuen, "in sehr kleiner Runde". Sie denkt ans Aufhören, an den Abgang aus freien Stücken, der noch keinem gelang. Dann Aufritt Joachim Sauer, der Ehemann, der mahnt, es dürfe nicht die Eitelkeit, auch hier die Erste zu sein, den Ausschlag geben. Nach kurzer Anfechtung siegt die Pflicht.

Ach Angela! Hättest du uns das doch erspart!

Jetzt zahlen wir alle den Preis. Jetzt kann eine Regionalpartei die größte europäische Volkswirtschaft am Gängelband ihrer egoistischen Interessen herumführen. Und jetzt müssen wir zusehen, wie Horst Seehofer - der Westentaschenwarlord aus Ingolstadt - dieses Land, das in Wahrheit weit entfernt ist von der Grenze seiner Belastbarkeit, was die Migration angeht, aus purer Furcht in ein mieses Rattenrennen führen will. Seehofers Plan bestimmte Flüchtlinge an der Grenze abzuweisen, ganz gleich, was die europäischen Nachbarn davon halten, kann zu einem Dominoeffekt der Schäbigkeit führen: von Nord nach Süd werden die Grenzen geschlossen und die letzte Grenze ist das Meer. Italien hat gerade dem Schiff "Aquarius" mit mehr als 600 Menschen an Bord die Einfahrt in seine Häfen verboten.

Aber das kümmert Seehofer nicht, und Söder und Spahn. Bei Verdi und bei Shakespeare hat das Gewissen noch die Kraft, die Menschen am Ende um den Verstand zu bringen. "Ich wollte 'Amen' sagen, doch das widerspenstige Wort erstarrte auf meinen Lippen", ruft Macbeth, der verzweifelte Königsmörder: "Warum konnte ich das 'Amen' nicht wiederholen?"

Aber das ist nur Theater. In der Wirklichkeit der Politik gibt es so etwas wie Gewissen nicht.

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insgesamt 220 Beiträge
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Seite 1
qsecwichtel 18.06.2018
1. Was kommt denn danach?
Seehofer als Kanzler, oder vlt. Jens Spahn oder gar U. v.d.Leyen? Alles Optionen, die wirklich nicht besser sind für das Land.
meinungsforscher 18.06.2018
2. Herr Augstein!
Sind Sie doch bitte ehrlich: Frau Merkel hätte nicht mehr antraten sollen, damit Sie Ihr erwünschtes rot-rot-grün Bündnis erhalten. Gut, dass es nicht so gekommen ist!
kuschl 18.06.2018
3. Nicht nur Merkel
Es fürchten auch die engsten "Huldiger" um Merkel herum den Verlust der Macht, deshalb haben sie am lautesten geschrien: Mach's nochmal Angie: Die Landesfürsten mit knapper Mehrheit, wie Laschet und Bouffier, der CDU Generalsekretär, der blasse Wirtschaftsminister.
INGXXL 18.06.2018
4. Genau das was in Italien passiert
will Seehofer erreichen. Wenn Deutschland seine Grenzen dicht macht werden die Südländer auch keine Flüchtlinge mehr Aufnehmen. Da Flüchtlingsschiff hätte ja auch Marroko anlaufen können und dort die Flüchtlinge an Land bringen können
kritischer-spiegelleser 18.06.2018
5. Merkel zieht schon noch ihre Fäden.
Sie will diese lästige CSU loswerden und will die ihr wesentlich sympatischeren Grünen in die Regierung holen. Ich hoffe das Parlament verwehrt ihr das!
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