S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Merkel in der "Groupthink"-Falle

Warum halten die Kanzlerin und ihre Leute in der Flüchtlingskrise so hartnäckig Kurs - trotz aller Hinweise, dass sie falsch liegen? Das vergessene Buch eines US-Psychologen könnte Aufschluss geben.

Kanzlerin Merkel, Kanzleramtschef Altmaier: Die Welt teilt sich in Feinde und Verräter
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Kanzlerin Merkel, Kanzleramtschef Altmaier: Die Welt teilt sich in Feinde und Verräter

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Anfang der Siebzigerjahre stieß der US-Psychologe Irving Janis bei seiner Forschung zum Verhalten von Menschen in Gruppen auf ein Phänomen, das er Groupthink nannte. Den Anlass für seine Untersuchungen boten eine Reihe von Entscheidungen der Regierung Kennedy, die sich im Nachhinein als verhängnisvoll erwiesen.

Janis hatte sich gefragt, warum offenbar auch kluge und gutwillige Leute mit ihren Annahmen völlig daneben liegen können, trotz deutlicher Hinweise auf die Richtigkeit des Gegenteils. Im Fall der Kennedy-Administration lag diese Frage besonders nahe: Die Mitglieder des Kabinetts galten als außergewöhnlich fähig, kein Präsident hatte jemals so viele brillante Köpfe um sich versammelt wie der charismatische JFK.

Der Psychologieprofessor erkannte, dass Experten und insbesondere Intellektuelle dazu neigen, sich mindestens genauso um die eigene Reputation wie um die korrekte Einschätzung der Lage zu sorgen. Wer sich zu weit vom Konsens entfernt, den kostet das Ansehen, so fürchten die am politischen Meinungsbildungsprozess Beteiligten. Also verbieten sie sich Gedanken, die zu sehr von der Gruppenmeinung abweichen. Oder sie äußern Einwände so vorsichtig, das sie in der Diskussion untergehen.

Man sollte das Buch von Janis wieder lesen. Es könnte einem das Verständnis erleichtern, warum eine so umsichtige Person wie Angela Merkel gegen alle Realitäten an einer Politik festhält, die nicht funktioniert.

Dass der Bundesregierung die Dinge entglitten sind, ist für alle offenkundig, sollte man meinen, auch für die Leute im Kanzleramt. Der Zustand an den deutschen Grenzen ist so haltlos, dass sich einige der bekanntesten Juristen des Landes fragen, ob die Regierung nicht ihre Rechtspflicht verletzt. In Europa ist Deutschland von einer Führungsmacht zum Bittsteller geworden. Weil ihr kein Nachbarland in der Flüchtlingspolitik folgen will, sucht Merkel nun in der Türkei den Schulterschluss mit einem Mann, der von seiner Denkweise her nicht weit entfernt ist von einem Autokraten wie Putin, dem sie wiederum aufs Höchste misstraut.

Merkel hat sich in eine unhaltbare Situation manövriert

Mit anderen Worten: Ausgerechnet die Frau, von der es immer hieß, dass sie die Dinge vom Ende her denke, hat sich in eine unhaltbare Situation manövriert. Aber statt sich politischen Bewegungsraum zu verschaffen, bleibt Merkel anscheinend unbeirrt auf ihrem Weg. Nicht einmal die Aussicht, dass sich bei den bevorstehenden Landtagswahlen im März für die CDU die schon sicher geglaubten Erfolge ins Gegenteil verkehren, kann sie zum Einlenken bewegen.

Zu den Symptomen des fortgeschrittenen "Gruppendenkens" zählte Janis die "Illusion der Unverwundbarkeit", die die Gruppenmitglieder dazu verleitet, zu optimistisch aufzutreten und Risiken zu unterschätzen. Als weitere Charakteristika nannte er den Glauben an die "inhärente Moralität des eigenen Handelns", sowie die Neigung, Kritiker als Feinde zu sehen, deren Einwände "zu schwach" oder "zu dumm" sind, um sich ernsthaft mit ihnen auseinanderzusetzen.

Auch Angela Merkel trifft ihre Entscheidungen nicht alleine. Jeden Morgen versammelt sich in ihrem Büro ein kleiner Kreis von Mitarbeitern, auf deren Urteil sie viel Wert legt. Alle sind ihr seit Langem verbunden. Alle eint das Bedürfnis, die als richtig erkannte Sache gemeinsam voranzubringen.

Wenn es eine Person gibt, die das Überlegenheitsgefühl des Merkel-Kreises personifiziert, dann ist es Kanzleramtschef Peter Altmaier. Neben seiner unerschütterlichen Freundlichkeit ist Altmaiers großer Vorzug die totale Hingabe an die Politik. Da er keine echten Hobbys hat, jedenfalls keine von denen man weiß, geht er vollständig in seiner Arbeit auf. Hinzu kommt eine nahezu übermenschliche Loyalität. Altmaier würde sich für die Kanzlerin buchstäblich in Stücke reißen lassen.

Vor dem Machtverlust steht der Wirklichkeitsverlust

Das Problem an Altmaier ist, dass er sein Leben lang in der falschen Partei war - so wie andere ihr Leben lang im falschen Körper stecken. Er fühlte sich immer als Grüner. Aber weil er sich nicht traute, dies offen zu leben, versucht er nun, seine Neigungen mit seinem Amt zu versöhnen. Das Gefühl, die richtige Politik in der falschen Partei zu betreiben, teilen viele, die Merkel dienen: Deshalb neigen sie dazu, ihre Positionen moralisch zu überhöhen.

Je unfreundlicher die Wirklichkeit wird, desto mehr schließt sich der Kreis um den Bundeskanzler zusammen. Die Welt außerhalb teilt sich in Feinde und Verräter. Irgendwann erreicht den Machthaber nur noch das, was er hören will oder von dem die Zuarbeiter befinden, dass er es hören soll. Besuchern des späten Helmut Kohl wurde vor Betreten des Büros geraten, ihr Anliegen in zwei, drei knappen Sätzen vorzutragen, weil sie danach nicht mehr zu Worte kämen.

Zu den Empfehlungen des Forschers Irving Janis gehörte, mindestens ein Gruppenmitglied abwechselnd zum Advocatus Diaboli zu bestimmen, das konsequent die Argumente der Gegenseite vertritt, um die Konsensvernunft herauszufordern.

Vor dem Machtverlust steht der Wirklichkeitsverlust. Wer nur noch hört, was ihm gefällt, glaubt irgendwann auch nur noch, was er ohnehin schon weiß.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Strichnid 23.02.2016
1. ...
Fleischhauer in der Groupthink-Falle. Anderenfalls ist nicht zu erklären, wieso er trotz der erwiesenermaßen nutzlosen Vorschläge der Merkel-Gegner auf genau diesen beharrt.
Zaphod 23.02.2016
2. Menschlichkeit statt Macht
Auch wenn es für Menschen wir Herrn Fleischhauer unvorstellbar ist, so dürfte das Hauptmotiv für Frau Merkel nicht der Machterhalt, sondern Menschlichkeit sein. Zum ersten Mal in ihrer Kanzlerschaft zeigt Frau Merkel nachdrücklich Ideale und Werte - und dies gerade nicht im Hinblick auf ihren Machterhalt, sondern weil sie weiss, dass sie richtig handelt. Zukünftige Generationen werden uns fragen, warum wir es zugelassen haben, dass Flüchtlinge auf dem Meer ertrinken. Sie werden angewidert feststellen, dass es Mitbürger gab, die Gesetze über Humanität stellen und sogar Waffen gegen wehrlose Menschen richten wollten. Wir machen uns schuldig und sind teilweise auch noch stolz darauf - denn angeblich sind wir das Volk. Frau Merkel hingegen weist dem Volk einen Weg, wie Menschlichkeit und Solidarität gelebt werden können, zum Wohle Deutschlands und zum Wohle der Flüchtlinge!
syracusa 23.02.2016
3. falsche Annahmen -> falsche Schlüsse
"Warum halten die Kanzlerin und ihre Leute in der Flüchtlingskrise so hartnäckig Kurs - trotz aller Hinweise, dass sie falsch liegen? Weil es offenbar noch mehr Hinweise darauf gibt, dass sie nicht falsch liegen. Was soll denn Merkel machen? Deutschlands Grenzen schließen? Das würde eine humanitäre Katastrophe heraufbeschwören, für die Merkel ganz zurecht die Verantwortung nicht übernehmen möchte.
viwaldi 23.02.2016
4. Bitter für einen ehemaligen Merkel-Befürworter:
So isses. Da es keiner geschafft hat, macht Merkel es nun selbst: sich demontieren. Dabei bräuchten wir gerade jetzt eine kluge und rational agierende Kanzlerin nötiger denn je. Ich sehe auch keinen, der eigentlich besser geeignet wäre als sie - aber Sturheit ist sicher kein guter Berater, auch nicht für eine Angela Merkel. Die Gesellschaft gespalten, Europa gespalten oder sogar Deutschland isoliert. Erfolgreiche Politik sieht wohl anders aus.
seit1958 23.02.2016
5. Der Wirklichkeitsverlust
im Kanzleramt ist nun wirklich nicht neu, lieber SPON. Neu ist nur das die Kanzlerin endlich mal eine Meinung hat und diese auch vertritt. Das einzige Hobby/Leidenschaft Peter Altmeiers ist die gute Küche und Essen. Das ist ihm echt zu gönnen und bleibt auch nach dem Verlust seiner politischen Karriere.
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