Angela Merkel in Beirut Zunge raus

Seehofer droht, Europa ringt um eine gemeinsame Flüchtlingspolitik - und Angela Merkel scherzt bei ihrer Nahost-Reise in einer Schule für Flüchtlingskinder. Das freundliche Gegenbild zur unfreundlichen Realität?

Angela Merkel
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Ein Bild fängt stets einen verkürzten Ausschnitt der Realität ein. Und trotzdem prägen solche Winzmomente Debatten, wird etwa das Auftreten von Spitzenpolitikern und ihren nächsten Angehörigen genauestens auf Botschaften abgeklopft und bewertet. Das erlebten zuletzt die G7-Regierungschefs, als ein offizielles Pressebild um die Welt ging, dass Donald Trump vor den anderen Spitzenpolitikern mit verschränkten Armen in Verweigerungshaltung zeigt; oder auch vor wenigen Tagen Trumps Ehefrau Melania, die beim Besuch in einem Kinderheim an der mexikanischen Grenze eine Jacke trug mit der Aufschrift "Ist mir echt egal, euch auch?".

Jetzt ist Bildmaterial veröffentlicht worden, das Angela Merkel zeigt, die bei ihrer Nahost-Reise am Freitag vor Grundschülern in der libanesischen Hauptstadt Beirut die Zunge herausstreckt. Die Geste ist Teil eines Singspiels. Danach lächelt Merkel verschmitzt, sie selbst sitzt auf einem Kinderstuhl zwischen Jungs und Mädchen; in der Schule werden vormittags libanesische und nachmittags rund 600 syrische Flüchtlingskinder unterrichtet.

Im Grunde ein klassischer Merkel-menschelt-Moment: Während ihr politischer Stil von Beherrschtheit und wenig ausdeutbarem Einlullen geprägt ist, lässt sie in anderen Kontexten immer wieder ab und an gelöste Lockerheit hervorblitzen.

In diesen Tagen wirkt diese Geste besonders gelassen. Was das Bild als Botschaft auf den Punkt bringt, ist eine bewundernswerte Autarkie: Der Streit um Asylpolitik mit der CSU, der sie die Koalition kosten könnte, und die verknüpfte Frage, ob eine gemeinsame EU-Flüchtlingspolitik gelingen kann, setzen sie politisch unter Druck. Am Sonntag muss sie mit Italien in Brüssel bei einem Mini-Gipfel auch über bilaterale Abkommen zur Rücknahme von Flüchtlingen verhandeln, die italienische Regierung verweigert das bisher. Und Merkel? Scherzt zwei Tage vorher mit Flüchtlingskindern.

Was das Scherzen in der Schule aber nicht auf den Punkt bringt: Merkels Haltung in der Flüchtlingspolitik. Auch wenn sie trotz Verschärfung der Migrationspolitik den Ruf als Flüchtlingskanzlerin bei Gegnern wie auch bei Anhängern partout nicht loswird, verlaufen die Verhandlungen am Sonntag beim Mini-Gipfel an der Linie nationaler und europäischer Interessen - nicht an der Frage, wie eine humanitäre Flüchtlingspolitik aussehen kann: Während Italien - oder eben auch Seehofer mit seinem Vorschlag, Flüchtlinge schon an der Grenze zurückzuweisen - hier Kooperation verweigert, stehen Forderungen von Emmanuel Macron und Spaniens Pedro Sánchez, geschlossene Flüchtlingslager einzurichten, für die eine kooperative Idee.

Alles, was kurz vor dem Mini-Gipfel jetzt ins Spiel gebracht wird, sind bislang auch nur einzelne Positionen - Ausschnitte einer Flüchtlingspolitik, die Europa in den kommenden Jahren prägen könnte. Im Gegensatz zum Zungen-Foto wird es sich hier aber lohnen, länger hinzublicken.

eth



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