Merkels Kanzlerkandidatur Weiter, immer weiter - aber wohin?

Endlich ist es raus, Angela Merkel will es noch mal wissen. Ihre Chancen auf eine vierte Amtszeit sind gut. Aber die Kandidatur birgt Risiken: für sie selbst, ihre Partei - und das Land.

Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel
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Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel

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Der "gegebene Zeitpunkt" ist gekommen. Endlich. Das mit dem Spannungsbogen hat zuletzt ja nicht mehr so geklappt. Also, Überraschung: Angela Merkel tritt noch mal an. Gewinnt sie die Wahl im Herbst und hält dann die volle Legislatur durch, wäre sie 16 Jahre im Amt. Helmut Kohl lässt grüßen.

Merkels Entscheidung ist konsequent, nachvollziehbar, logisch. Ein Abschied wäre ihr ohnehin negativ ausgelegt worden, als Flucht von der Brücke in stürmischen Zeiten. Und es drängt sich ja auch niemand anderes auf in der Union. Merkel dagegen wirkt kein bisschen amtsmüde, ihre Chancen stehen gut: Ihre einst außerordentlichen Sympathiewerte mögen in der Flüchtlingskrise gelitten haben, aber sie ist immer noch ziemlich populär, CDU und CSU liegen in den Umfragen weit vor der SPD.

Seit die Amerikaner Donald Trump zu ihrem künftigen Präsidenten kürten, stellte mancher Merkels erneute Kandidatur zudem als geradezu alternativlos dar: Angela Merkel, die letzte Verteidigerin des freien Westens, die uns jetzt auf keinen Fall im Stich lassen kann. Präsident Barack Obama persönlich stellte sich bei seinem Abschiedsbesuch an die Spitze der Pro-Merkel-Kampagne.

Hier fangen die Probleme an.

Die Kanzlerin hält nichts von einer Überhöhung ihrer Person. Doch gegen die Erwartungen, die nun an sie herangetragen werden, kann sie sich kaum wehren. Wer aber Merkel die Rolle zuweist, umringt von Trump, Putin, Erdogan, womöglich bald Marine Le Pen, und bedrängt von all den anderen aufstrebenden Populisten, die Fahne der Freiheit hochzuhalten, der überschätzt Macht, Anspruch und Selbstverständnis der deutschen Regierungschefin. In dieser Rolle kann Merkel nur verlieren.

Merkel als Garant für Stabilität, das reicht auch nicht, um eine erneute Kanzlerschaft zu begründen. "Sie kennen mich", so hat die CDU-Chefin 2013 die Wähler umgarnt. Und im Grunde reichte das, um zu gewinnen. Diesmal würde mancher einen solchen Satz als Drohung verstehen.

Merkels Kandidatur ist für manche eine Provokation

Merkel hat in der Flüchtlingskrise polarisiert, die Stimmung im Land scheint unversöhnlich. Zwar hat sich die Kanzlerin längst von der Willkommenskultur verabschiedet - aber bei vielen, die früher brav ihr Kreuz bei der CDU gemacht haben, sitzt die persönliche Abneigung so tief, dass sie der Regentin bei öffentlichen Auftritten entgegenbrüllen: "Merkel muss weg!"

Für diese Menschen ist Merkels erneute Kandidatur eine Provokation. Damit es keine Missverständnisse gibt: Vor Pöblern und Krakeelern zu weichen, ist keine Option, sie können nicht der Anlass dafür sein, zurückzustecken. Doch Merkel sollte sich bewusst sein, dass eine weitere Amtszeit die Spaltung des Landes vertiefen kann.

Das gilt erst recht, wenn sie im Falle eines Sieges vier weitere Jahre mit einer Großen Koalition regieren würde - wofür derzeit einiges spricht, weil CSU-Chef Horst Seehofer die Grünen als Feindbild braucht, nicht als Regierungspartner. Das Gefühl, angesichts einer regierenden Übermacht nicht mehr gehört zu werden, dürfte sich bei den Unzufriedenen dann noch verstärken.

Im kommenden Wahlkampf, so steht es im Entwurf für den Parteitagsleitantrag, will Merkel um die "Modernisierungsverlierer" werben, die derzeit den Populisten, etwa der AfD, nachlaufen. Aber es ist kaum zu erwarten, dass die sich mit vagen Steuersenkungsversprechen, Baukindergeld und ein paar deutlichen Sätzen gegen den radikalen Islam wieder zur Kanzlerinnen-Partei locken lassen. Merkel sollte eine größere Idee für eine neue Amtszeit haben - doch die Entwicklung politischer Visionen war bisher nicht gerade ihre Stärke.

In der Union kommt Merkel-Müdigkeit auf

Nicht zu unterschätzen ist auch die aufkommende Merkel-Müdigkeit in der Union. Nicht nur in der CSU, auch in der CDU. Natürlich werden sich die christdemokratischen Funktionäre beim Parteitag diszipliniert hinter der Vorsitzenden versammeln. Aber der Frust grassiert in den eigenen Reihen.

Die schweren Niederlagen bei den zurückliegenden Landtagswahlen werden Merkel angelastet, jetzt die vergebliche Suche nach einem eigenen Bewerber fürs Schloss Bellevue - die CDU wird immer mehr zur Partei ohne Unterleib. Gegrummel darüber gibt es schon lange. Nur, so lange die Vorsitzende den Erfolg sicherte, war das kein Problem.

Doch Merkel ist nicht mehr unantastbar. Sie wird sich anstrengen müssen, ihre Partei zu motivieren und zu mobilisieren. Trotz des aktuellen Umfrage-Vorsprungs, ein Selbstläufer wird die Wahl 2017 nicht für Merkel. Auch wenn in Deutschland kein Trump in Sicht ist, die USA haben gezeigt: Das Unvorstellbare kann real werden.

Auf diesen Ernstfall aber wäre die CDU nicht vorbereitet. Was dann? Wer kommt nach Merkel? Die Fragen, die dieses Szenario aufwirft, muss sich die Chefin aber auch dann stellen, wenn sie das Kanzleramt noch einmal verteidigen sollte. Sie muss damit beginnen, den Übergang in die Nach-Merkel-Ära zu gestalten. Frühzeitig.



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vrdeutschland 20.11.2016
1. Das war's dann
Sie hat nicht nur die Leute weggerbissen, sondern auch weggelobt. Siehe Steinmeier. Daher ist die Wahl quasi gelaufen, es wird eine Koalition zwischen CDU, SPD, Grünen und wenn es immer noch nicht reicht, mit der 5,1 % Partei FDP geben. Hauptsache Afd verhindern.
Joachim Kr. 20.11.2016
2. Spaltung der Gesellschaft? Nichts neues.
Wenn Merkel polarisiert, dann bedeutet das konkret ja nur, dass die Anhänger von Pegida, AFD und ähnliche aus ihren Löchern kriechen und damit offen erkennbar werden. Die waren aber schon immer da! Sie hießen nur anders. Schill z.B., früher mal BILD Leser zu Zeiten von Axel Springer, also schlicht alle, denen das braune Gestern näher war, als alles andere. Dann sieht man sie wenigstens und kann an Demokratie arbeiten.
frenchie3 20.11.2016
3. Außerordentlich beliebt?
Wegen mir. Aber letztlich ist es absolut Wurscht was der Normalbürger denkt denn er kann der-die-das Kanzler nicht wählen. Der wichtigste politische Posten wird verschachert: DAS ist Demokratie...
schoenwetterschreiberling 20.11.2016
4. Das Ende naht
Sobald die AfD die CDU (nicht die Union) in den Umfrageergebnissen überholt, ist die Ära der Kanzlerin vorbei. Der choreografierte 13 minütige Applaus am Ende ihrer Krönungsmesse mag wieder einmal darüber hinwegtäuschen, doch die Parteibasis wird einer weiteren Erhöhung des Leidensdruckes nicht mehr standhalten wollen. Und für alle ob dieser Majestätsbeleidigung Empörten: Solange die Umfragen von denselben Dilettanten durchgeführt werden, die Clinton uneinholbar vorne sahen, glaube ich nur Ergebnissen, die ich eigenhändig gefäl... äh... gewichtet habe.
dannyinabox 20.11.2016
5. Klarer Sieg
Wird bis zu den Wahlen nicht irgendetwasunvorhergesehenes passieren dürfte Merkel der Sieg nicht zu nehmen sein. Weiter Rechts ist in D nicht möglich und Mitte / Links hat niemanden der gut rüberkommt und zudem die rechten Wähler abholen könnte bzw. möchte.
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