Merkels Ärger über Tsipras "Sehenden Auges gegen die Wand"

Angela Merkel gibt in der Griechenlandkrise die Gelassene. Doch im CDU-Präsidium war für einen kurzen Moment ihr ganzer Frust über die Athener Akteure spürbar.

Kanzlerin Merkel: "Griechenland will sich nicht an die Grundsätze Europas halten"
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Kanzlerin Merkel: "Griechenland will sich nicht an die Grundsätze Europas halten"

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Griechenland ist schon lange ein fester Bestandteil der Tagesordnung im CDU-Präsidium, dem obersten Entscheidungsgremium der Kanzlerpartei. In den vergangenen fünf Jahren debattierten die Parteigranden ein ums andere Mal leidenschaftlich, ob der Verbleib der Griechen im Euro all die Milliarden und Anstrengungen wert sei. Vor allem Minister Wolfgang Schäuble setzt hier gern zu seinen berüchtigt weitschweifigen Vorträgen über die Lage der Weltfinanzen an und über alles sonstige, was ihn gerade beschäftigt.

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Heft 28/2015
Scheitert der Euro, scheitert Merkels Kanzlerschaft

Vergangenen Montag aber hatte die CDU-Spitze keine Lust auf uferlose Debatten. Zum einen stand bereits um 11 Uhr der große Festakt zum 70. Jubiläum der Union an. Vor allem aber hatten die obersten Funktionäre eine einfache Frage an ihre Kanzlerin: Wie soll es nun weitergehen?

Mit ein paar Teilnehmern der Runde hatte Merkel am Wochenende bereits telefoniert, doch für die meisten war es die erste Einschätzung der Kanzlerin, seit Griechenlands Premier Tsipras ihr eröffnet hatte, dass er ein Referendum abzuhalten gedenke.

Merkel hat in der Vergangenheit viel über Griechenland geredet. Beim Geburtstag der CDU, nach den Treffen mit den Partei- und Fraktionschefs im Kanzleramt am Montag, wenige Tage später vor dem Bundestag.

"Griechenland will sich nicht an die Grundsätze Europas halten"

Doch wie enttäuscht sie über Tsipras und seine Regierung ist, erfuhr nur dieser kleine Präsidiumskreis im Konrad-Adenauer-Haus: Vor ihren Parteifreunden macht Merkel keinen Hehl daraus, wie genervt sie von Tsipras ist. Sie weiß, dass ein Euro-Austritt der Griechen nicht nur ein herber Einschnitt für Europa wäre, sondern auch für ihre Kanzlerschaft. Zunächst spricht Merkel in der internen Runde so wie zwei Stunden später beim Festakt in aller Öffentlichkeit. Sie redet von Solidarität und Solidität, die zusammengehören. Für das griechische Volk bleibe die Tür nach Europa natürlich offen, sagt Merkel.

Für Tsipras und seine Syriza-Regierung gilt das aber offenbar nicht mehr. "Mit dieser Regierung will sich Griechenland nicht an die Grundsätze Europas halten", sagt Merkel. "Sie verstößt gegen Grundsätze der Zusammenarbeit." Dann geht sie den Griechen-Premier direkt an, für einen kurzen Moment blitzt der Frust auf, den Merkel in sich trägt. Tsipras' Politik sei "hart und ideologisch", sagt die deutsche Kanzlerin, er lasse sein Land "sehenden Auges gegen die Wand fahren". Die Zitate wurden dem SPIEGEL von mehreren Teilnehmern bestätigt.

Angela Merkel kann sich einfach nicht vorstellen, dass ein Regierungschef mit einem ganzen Land Roulette spielt. Auch deshalb erwischte Tsipras' Last-minute-Referendum sie so kalt.

Die Regierungschefin findet in der Sitzung auch mahnende Worte an ihre eigene Partei. Ihr großer Erfolg bei Wahlen und in Umfragen beruht darauf, dass ihr die Deutschen zutrauen, mit jedem Problem fertig zu werden, egal ob es um Putin, die Griechen oder das Weltklima geht. Auch in den Tagen vor dem griechischen Referendum soll in Deutschland Ruhe herrschen. Daher passt es Merkel nicht, wenn einzelne CDU-Leute schon mal öffentlich vorrechnen, wie teuer ein Grexit die deutschen Steuerzahler am Ende kommen könnte.

Merkel will nicht, dass die Bürger von solchen Wenn-dann-Spielchen unruhig geredet werden. Jeder, so mahnt sie, sei klug beraten, "nicht in solche Zahlendiskussionen einzusteigen". Noch könne man gar nicht sagen, welche Summen den deutschen Haushalt am Ende wirklich belasten.

Zumindest diese Mahnung hat bis zum Griechen-Referendum gewirkt.

Die Chronik der Griechenlandkrise

Am 1. Januar 2001 tritt Griechenland der Eurozone bei. Bei der Einführung des Euro 1999 war das Land noch nicht dabei. Erst im Jahr 2000 erfüllte es die sogenannten Konvergenzkriterien des Maastrichter Vertrages - zumindest auf dem Papier.

Im November 2004 wird klar: Die Regierung in Athen hat sich die Aufnahme in die Eurozone mit gefälschten Finanzdaten erschummelt. Alle Haushaltsdefizite vergangener Jahre waren in Wahrheit deutlich höher als zuvor an Brüssel gemeldet. So übertrafen die neuen Schulden in jedem Jahr die im Stabilitätspakt erlaubte Obergrenze von drei Prozent der Wirtschaftsleistung. Langjähriger Berater der Griechen war die US-Investmentbank Goldman Sachs.

Ende Oktober 2009 zeichnet sich zum ersten Mal so etwas wie eine Griechenland-Krise ab. Das voraussichtliche Haushaltsdefizit liegt bei rund 12,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, doppelt so hoch wie zunächst angenommen. Die neue Regierung von Ministerpräsident Giorgos Papandreou kündigt Sparmaßnahmen an.

Mitte Dezember 2009 stuft die Rating-Agentur Standard & Poor's Griechenlands Kreditwürdigkeit herab. Zuvor hatte dies schon die Agentur Fitch getan. Warnungen vor einer drohenden Staatspleite werden lauter. Der Kurs des Euro bricht ein. Bundeskanzklerin Angela Merkel beschwichtigt: "Ich bitte im Interesse einer sachlichen Diskussion, das nicht überzubewerten."

Im Frühjahr 2010 wird es eng: Griechenland bekommt nur noch sehr schwer Geld an den Finanzmärkten. Die Eurostaaten und der Internationale Währungsfonds (IWF) springen dem Land bei. Anfang Mai schnüren sie ein Rettungspaket mit Krediten über 110 Milliarden Euro, 30 Milliarden davon übernimmt der IWF, auf Deutschland entfallen 22,4 Milliarden Euro. Die Bundesregierung peitscht das Gesetz im Eilverfahren durch den Bundestag. Die Geldgeber sehen die Griechen-Krise offenbar als temporäres Problem: Die Laufzeit der Kredite beträgt nur drei Jahre. Kurz darauf geraten auch andere Länder wie Irland und Portugal ins Wanken.

Ein Jahr später spitzt sich die Schuldenkrise erneut zu. Weil absehbar ist, dass Griechenland sich nicht wie geplant bereits 2012 am Kapitalmarkt finanzieren kann, braucht es mehr Geld von den Staaten der Eurozone und dem Internationalen Währungsfonds. Am 10. Mai 2011 kündigt die griechische Regierung ein neues Sparpaket an. Wenige Tage später legen gewaltsame Demonstrationen Teile des Landes lahm. Die Polizei muss das Parlament gegen wütende Bürger verteidigen. Sie feuert Tränengas, Demonstranten werfen Steine zurück, attackieren die Limousine von Ministerpräsident Papandreou.

Zweites Rettungspaket, erster Versuch: Ein Sondergipfel der Eurostaaten beschließt am 21. Juli 2011 ein neues Hilfspaket für Griechenland mit einem Volumen von 109 Milliarden Euro. Der Großteil des Geldes soll aus dem europäischen Rettungsschirm EFSF und dem Internationalen Währungsfonds kommen. Erstmals sollen aber auch private Gläubiger beteiligt werden - auf freiwilliger Basis.

Ende Oktober 2011 legt die Troika aus EU, IWF und Europäischer Zentralbank (EZB) einen neuen Bericht zur Finanzsituation Griechenlands vor. Die Experten zeichnen darin ein düsteres Bild: Die Lage des Landes hat sich in den vorangegangenen Monaten weiter verschlechtert. Auf einem EU-Gipfel am 26. Oktober schmieden die Staats- und Regierungschefs einen neuen Rettungsplan: Private Gläubiger sollen auf mehr als 50 Prozent ihrer Forderungen gegenüber Griechenland verzichten. Das trifft vor allem europäische Banken. Athen soll weitere 100 Milliarden Euro erhalten, mit zusätzlichen 30 Milliarden Euro soll der Schuldenschnitt abgesichert werden.

Turbulente Herbsttage: Am 31. Oktober kündigt Griechenlands Ministerpräsident Papandreou überraschend eine Volksabstimmung über die Beschlüsse des Eurogipfels und die damit verbundenen Sparauflagen für sein Land an. Beim G20-Gipfel in Cannes nehmen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy Papandreou Anfang November ins Gebet. Daraufhin lässt dieser den Referundumsplan fallen und tritt zurück. Loukas Papademos, der Ex-Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, tritt am 11. November 2011 an die Spitze einer Übergangsregierung.

Im Februar 2012 stimmt das griechische Parlament einem neuen Sparprogramm zu. In Athen kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Die internationalen Geldgeber hatten auf verschärfte Reformen gepocht - im Gegenzug verabschieden die Euro-Finanzminister das zweite Rettungspaket. Neben dem Schuldenschnitt für die privaten Gläubiger enthält es auch die im Oktober angekündigten Hilfen in Höhe von 130 Milliarden Euro. Für die Kredite aus dem ersten Hilfspaket von 2010 werden die Zinsen halbiert. Der Schuldenschnitt wird am 9. März 2012 wirksam.

Bei der Parlamentswahl am 6. Mai 2012 strafen die Griechen die Traditionsparteien Nea Dimokratia (ND) und Pasok ab, die aus ihrer Sicht das Land einem internationalen Spardiktat unterworfen haben. Parteien wie Syriza, die eine Aufkündigung der Sparvereinbarungen fordern, legen kräftig zu. Eine Regierungsbildung scheitert. Nach der Neuwahl am 17. Juni wird ND-Chef Antonis Samaras als Ministerpräsident vereidigt. Unterstützt wird seine Regierung von Pasok und der demokratischen Linken (Dimar). Das bei den Wahlen zweitplatzierte Linksbündnis Syriza ist jedoch nicht beteiligt.

Die Lage an den Finanzmärkten spitzt sich im Sommer 2012 wieder zu. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler sinniert über einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi erklärt am 26. Juli, die EZB werde "alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten" - und leitet damit eine Wende in der Eurokrise ein. Von nun an schwindet die Angst davor, dass die griechische Krise auch Länder wie Italien oder Spanien anstecken könnte.

Am 8. Oktober 2012 besucht Angela Merkel zum ersten Mal seit Ausbruch der Krise Griechenland. Sie lobt die Fortschritte des Landes. Der IWF dagegen glaubt nicht, dass Griechenland den Sanierungszeitplan einhalten kann. Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble tritt Spekulationen über einen Euro-Austritt Griechenlands entgegen. Dabei gelingt ihm ein legendärer Satz auf Denglisch: "I think there will be no Staatsbankrott in Greece."

Griechenland erhält weitere Zugeständnisse: Am 27. November 2012 einigt sich die Euro-Gruppe mit dem IWF auf eine Anpassung des zweiten Rettungspakets: Die Regierung in Athen soll mehr Zeit für die Umsetzung der Sparvorgaben bekommen. Daraus ergibt sich eine Finanzlücke von 14 Milliarden Euro, die unter anderem mit günstigen Zinsen auf bereits gewährte Kredite gestopft werden soll.

Im Juni 2013 räumt der Internationale Währungsfonds (IWF) Fehler bei der Rettungspolitik ein. Beim ersten Hilfsprogramm aus dem Mai 2010 habe man zu optimistische Annahmen zugrunde gelegt. Weder der Schuldenstand noch das Wachstum hätten sich so entwickelt wie damals angenommen. Die griechische Wirtschaft schrumpft 2013 das fünfte Jahr in Folge. Seit 2008 ist das Bruttoinlandsprodukt um gut 22 Prozent eingebrochen, die Staatsverschuldung ist wieder höher als vor dem Schuldenschnitt.

2014 scheint die jahrelange Talfahrt endlich zu Ende zu gehen. Die griechische Regierung erwartet sogar ein kleines Wirtschaftswachstum - und wird forsch: Anfang April leiht sich das Land erstmals seit vier Jahren wieder langfristig Geld am Kapitalmarkt. Die Investoren sind begeistert - und geben den Griechen drei Milliarden Euro zu 4,75 Prozent Zinsen.

Ende 2014 laufen die Hilfen der Europartner für Griechenland aus - und Ministerpräsident Antonis Samaras wird nicht müde zu betonen, dass kein neues Geld nötig sei. "Die Ära der Rettungspakete geht zu Ende", jubelt er. Ende November meldet der SPIEGEL, es werde wohl doch ein weiteres Hilfspaket geben. Zehn Milliarden Euro aus dem Rettungsfonds ESM sollten umgewidmet werden.

Am 29. Dezember 2014 scheitert die Wahl des Staatspräsidenten im dritten Wahlgang - die griechische Verfassung sieht für diesen Fall Neuwahlen vor, die am 25. Januar stattfinden sollen. Das könnte die große Chance für das linke Syriza-Bündnis und dessen Chef Alexis Tsipras sein. Tsipras lehnt die Reformauflagen von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) ab und will im Falle eines Wahlsiegs einen Schuldenschnitt durchsetzen. Bei den Geldgebern stößt das nicht auf Begeisterung. Anfang Januar 2015 meldet der SPIEGEL, die Bundesregierung sei bereit, Griechenland notfalls aus der Eurozone ausscheiden zu lassen. Die Finanzmärkte reagieren schockiert.

Am 25. Januar 2015 gewinnt Alexis Tsipras mit seinem Linksbündnis Syriza die Parlamentswahl. Die absolute Mehrheit verfehlt er dabei knapp – und muss eine Koalition eingehen. Als Partner wählt Syriza ausgerechnet die rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen. Am 26. Januar wird Tsipras als Ministerpräsident vereidigt.

Wenige Tage nach der Wahl reist Euro-Gruppenchef Jeroen Dijsselbloem nach Athen. Er will mit der neuen griechischen Regierung darüber sprechen, wie es mit dem Hilfs- und Reformprogramm weitergeht. Doch was er erlebt, ist eine knallharte Abfuhr. Griechenland weigere sich, weiter mit der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und IWF zusammenzuarbeiten, sagt Finanzminister Giannis Varoufakis bei der gemeinsamen Pressekonferenz. Dijsselbloem steht auf und geht – es reicht nur noch für einen flüchtigen Händedruck.

Nach wochenlangem Ringen mit gegenseitigen Drohgebärden einigen sich Griechenland und die Euro-Finanzminister am 20. Februar in Brüssel auf eine Verlängerung des laufenden Hilfsprogramms. Doch das Geld soll erst fließen, wenn Griechenland konkrete Reformvorschläge vorlegt, die von den Gläubigern gebilligt werden.

Ende März 2015 legt Tsipras Reformvorschläge vor, die Gläubiger lehnen sie umgehend ab – so wie alle der zahlreichen Reformlisten, die im Frühjahr aus Athen nach Brüssel geschickt werden. Der Ton wird noch rauer, die Drohgebärden drastischer. Die Griechen holen viele Milliarden Euro von ihren Bankkonten. Dennoch scheint ein Kompromiss in letzter Sekunde zu gelingen – bis zum 26. Juni: Tsipras kündigt ein Referendum über die Forderungen der Geldgeber an und empfiehlt den Griechen, gegen sie zu stimmen, die griechischen Verhandler werden aus Brüssel abgezogen. Die Euro-Finanzminister beschließen, das Hilfsprogramm auslaufen zu lassen – ohne die letzte Tranche zu überweisen. Die griechische Regierung verhängt Kapitalverkehrskontrollen, vom 29. Juni an sind die Banken geschlossen, Abhebungen und Überweisungen gedeckelt.

In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli endet das zweite Hilfsprogramm – und Griechenland bleibt zum ersten Mal seit Beginn der Krise eine Kreditrate schuldig: 1,54 Milliarden Euro hätte das Land an den IWF zahlen müssen. Die Geldgeber lehnen neue Verhandlungen bis zum Referendum am 5. Juli ab, Tsipras und Varoufakis knüpfen ihre politische Zukunft an ein Nein des Volks zu den Gläubiger-Forderungen. Im ganzen Land bilden sich lange Schlangen vor Geldautomaten, pro Tag gibt es höchstens 60 Euro. Rentner warten stundenlang vor den wenigen offenen Bankfilialen auf einen Teil ihrer Renten.

Am 5. Juli findet das Referendum über die Sparauflagen statt. Begleitet wird es zum Teil von scharfen Angriffen auf Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU), der auf Plakaten als Vampir verunglimpft wird. Nachdem die Umfragen lange ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraussagen, triumphiert am Ende Tsipras: 61 Prozent der Abstimmenden folgen seinem Rat, die Reformforderungen der Gläubiger abzulehnen.

Unmittelbar nach dem Referendumserfolg vollzieht Tsipras eine beachtliche Kehrtwende: Sein umstrittener Finanzminister Varoufakis tritt zurück und braust am 6. Juli mit Ehefrau Danae von dannen (Foto). Kurz darauf legt Tsipras mit Unterstützung der französischen Regierung ein umfassendes Reformpaket vor, das den Forderungen der Gläubiger weit entgegenkommt. Obwohl dies eine 180-Grad-Wende bedeutet, bekommt Tsipras in der Nacht auf den 11. Juli im Parlament eine Mehrheit für die Aufnahme von Verhandlungen – allerdings nur mithilfe der Opposition.

Falls Tsipras sich von seinem Reformvorschlag eine schnelle Einigung erhofft hat, so wird aufs Gröbste enttäuscht. Zunächst bringt Finanzminister Wolfgang Schäuble vor einem Treffen mit seinen Amtskollegen die Option einen zeitweiligen Euro-Austritt ins Gespräch. Beim anschließenden Euro-Gipfel in der Nacht vom auf den 13. Juli verhindert EU-Ratspräsident Donald Tusk laut Teilnehmern ein Scheitern nur, indem er Merkel und Tsipras verbietet, den Raum zu verlassen. Am Ende wird Griechenland zwar ein neues Hilfsprogramm in Aussicht gestellt, nicht zuletzt auf Betreiben von Frankreichs Präsident Francois Hollande (M.). Doch Tsipras muss dafür Bedingungen akzeptieren, die deutlich härter als das ursprüngliche Angebot der Gläubiger sind.

Am 15. Juli muss das griechische Parlament die ersten Reformen beschließen, das Ultimatum haben die Euro-Partner gestellt. Für Tsipras und seinen neuen Finanzminister Efklidis Tsakalotos wird die Abstimmung jedoch zur Nervenprobe, denn der Widerstand in der Regierungspartei Syriza reicht bis zur Parlamentspräsidentin Zoi Konstantopoulou. Zwar bekommt Tsipras eine knappe Regierungsmehrheit zustande, doch die Spaltung seiner Partei ist nicht mehr zu übersehen. Darauf reagiert der Regierungschef, indem er zwei Tage später sein Kabinett umbildet und rebellische Minister entlässt. In der Nacht auf den 23. Juli werden weitere Reformforderungen verabschiedet, der Weg zu neuen Verhandlungen mit den Geldgebern ist vorerst frei.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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galbraith-leser 05.07.2015
1. Frau Merkel kann zur Ruhe mahnen
spätestens wenn die griechische Pleite sich auch im deutschen Staatshaushalt niederschlägt, weil die Bürgschaften fällig werden, wird es ungemütlich. Die Kollateralschäden ihrer Politik - kein Geld auf Erspartes, obwohl Frau Merkels Partei private Altersvorsorge propagiert; Preisblasen auf Wohnungsmärkten wegen Kapitalflucht in Sachwerte; teure Auslandsaufenthalte in Nicht-Euro-Ländern und teure Importe von Rohstoffen aufgrund einer Weichwährung - spürt die Bevölkerung schon jetzt. Und vom Export-Weltmeister Deutschland haben nur Wenige etwas. Der Euro in seiner jetzigen Form wird scheitern. Je früher wir das einsehen, desto besser. Länder wie Griechenland gehören weder in die EU, noch in den Euroraum. Sie kassieren nur, ohne je geben zu wollen. Mit solchen Ländern kann es nur eine Gemeinschaft geben, wenn man sich zur Melkkuh machen will.
GSYBE 05.07.2015
2. Roulette
"Angela Merkel kann sich einfach nicht vorstellen, dass ein Regierungschef mit einem ganzen Land Roulette spielt." Ist das so? Warum tut sie es dann?
berns 05.07.2015
3. Merkel&Co treten die Demokratie mit Füssen
und terrorisieren Länder wie Griechenland, indem sie diese zu unsozialen Massnahmen zwingen wollen. Warum durften Deutsche nicht abstimmen, ob sie mit den Machenschaften der mit den Banken und Konzernen verflochtenen EU überhaupt einverstanden sind? Deutsche durften ja auch nicht abstimmen, ob sie die "Wiedervereinigung" mit der DDR wollten. Auch nicht, ob sie den EURO wollten. Was ist das für eine Demokratie, in der die Herrschenden machen was sie bzw. die Banken wollen? Es ist offensichtlich bei uns keine Demokratie. Ich unterstütze die griechische Regierung, die haben vollkommen recht, man muss den EU-Banken und Alleinherrschern erst mal lehren, was Demokratie ist!
Spiegelleserin57 05.07.2015
4. wann versteht Frau Merkel...
das dieses Volk eine ganz andere Mentalität hat als sie von diesen Bürgern erwartet. Man kann so unterschiedliche Menschen eben nicht unter einen Hut bringen und letztendlich geht es ihr doch um die Wirtschaft und die Banken. Nur hat sie mit den Bürgern wohl nicht gerechnet. Wenn man nur auf wirtschaftlicher Basis , sprich profitorientiert Länder unten einen Hut bringen will und dabei nicht die sehr unterschiedlichen Kulturen und Menschen berücksichtigt dürfte es doch wohl mehr klar sein dass dies nicht von Erfolg gekrönt sein kann. Man muss die Staaten als das was sie sind respektieren und da liegt genau die Ursache. Man will mit aller Gewalt eine Einheit die eben nicht funktioniert. Wie schwer es ist Länder unter einen Hut zu bringen zeigt schon die innerstaatliche Politik in den U.S.A. die letztendlich ja nur ein Staatenverbund sind. Man werfe Texas und Washington in einen Topf und sieht schwer es ist diese zusammen zu regieren. Eine Ursache wird sicherlich auch unsere volksferne Politik sein die eben nicht die Eigenheiten der Bürger berücksichtigt und einfach am Volk vorbei regiert. Hinterher wundert man sich dann dass so viele nicht mehr zur Wahl gehen was logisch ist und verständlich. Man wird nicht gehört!
coyote38 05.07.2015
5. Sehenden Auges gegen die Wand
Stimmt. Allerdings gilt das in erster Linie für MERKEL. Und es ist symptomatisch, dass sie warnt, man "solle nicht in Zahlenspielchen einsteigen". Womöglich kommt sonst noch jemand auf die Idee, die knapp 100 Milliarden verlorenes deutsches Steuergeld Angela Merkel politisch anzuschreiben ... "das geht gar nicht". Schröder hatte Recht: "Sie kann es nicht".
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