Merkel und Nahles in Hessen Die Furcht vor dem Fiasko

Sie stehen am Sonntag nicht zur Wahl, dennoch geht es für Angela Merkel und Andrea Nahles in Hessen um viel. Die Chefinnen von CDU und SPD versuchen, von der GroKo abzulenken. Denn das kriselnde Bündnis überlagert alles.

Nahles, Merkel in Hessen: Geht die GroKo K.o.?
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Nahles, Merkel in Hessen: Geht die GroKo K.o.?

Aus Fulda berichtet


Am Ende erntet die Kanzlerin immerhin noch ein paar Lacher. Sie ruft die Gäste in der Fuldaer Esperantohalle auf, jetzt noch mal fleißig an Türen zu klingeln und Wahlkampf für die CDU zu machen. "Vielleicht lassen Sie sich auch etwas beschimpfen", sagt Angela Merkel. Auch das könne helfen.

Beschimpfen lassen? Dieser Satz in einer schwarzen Hochburg, vor einigen Hundert treuen Christdemokraten, zeigt, wie schwierig dieser Wahlkampf für die hessische CDU ist.

Das liegt weniger an Ministerpräsident Volker Bouffier oder an der Bilanz seiner schwarz-grünen Regierung. Es ist der Unmut über die Große Koalition in Berlin und natürlich auch über Merkel selbst, der die CDU vor der Wahl am Sonntag zittern lässt.

In einer Umfrage des Online-Meinungsforschungsinstituts Civey kommt Bouffiers Partei drei Tage vor der Wahl nur auf 27 Prozent. Das sind elf Prozentpunkte weniger als 2013.

Auch die SPD muss am Sonntag ein deutlich schlechteres Ergebnis befürchten als bei der vergangenen Wahl. Wie Merkel ist auch Andrea Nahles, die Parteivorsitzende der Sozialdemokraten, nach Hessen gereist, um in der heißen Phase des Wahlkampfs zu helfen.

Angela Merkel, Volker Bouffier
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Angela Merkel, Volker Bouffier

Wobei: Lässt sich da wirklich von Hilfe sprechen? Die Parteivizes Bouffier wie auch sein SPD-Herausforderer Thorsten Schäfer-Gümbel geben sich loyal gegenüber den Parteichefinnen. Doch die Dauerkrise der GroKo in Berlin belastet und schmälert ihre Aussichten. Das erklärt, warum beide Spitzenkandidaten das Thema so gut es geht auszublenden versuchen.

Merkel und Nahles brauchen einen Erfolg

Auch für Merkel und Nahles geht es am Sonntag um sehr viel. Verliert Bouffier die Macht, dürften die Tage der Kanzlerin gezählt sein. Im Falle eines Regierungswechsels unter der Führung von SPD oder Grünen würde der Druck auf Merkel extrem zunehmen, den CDU-Vorsitz beim Parteitag im Dezember abzugeben. Auch ihre Kanzlerschaft und damit die Große Koalition wären dann wohl bald Geschichte.

Auf der anderen Seite muss Nahles bei einem schwachen SPD-Ergebnis fürchten, dass in ihrer Partei jene Aufwind bekommen, die so schnell wie möglich raus aus der Koalition wollen. Im Extremfall könnte Nahles von dieser Bewegung aus dem Amt gespült werden.

Beide Parteichefinnen betonen, es gehe am Sonntag um Hessen, um Landespolitik. Doch sowohl die Christ- als auch die Sozialdemokraten haben die Wahl enorm aufgeladen und zum bundespolitischen Wegweiser erklärt. Nahles wie Merkel brauchen dringend einen Erfolg, stattdessen könnte es für beide einen Denkzettel geben, mehr noch: ein Fiasko.

Die CDU-Chefin bemüht sich bei ihrem Auftritt in Fulda, ihre Partei als Hort der Stabilität zu preisen. Wie Bouffier warnt Merkel vor einem möglichen rot-rot-grünen Bündnis. "Keine Experimente", "keine Abenteuer": So lauten die Schlagworte der christdemokratischen Wahlkämpfer.

"Aus Berlin kommt kein Rückenwind"

Knapp hundert Kilometer westlich kämpft am Mittwochabend die zweite GroKo-Parteichefin um ihre politische Zukunft. Kurz nach 19 Uhr betritt Andrea Nahles den Saal im Rustico, einem Gasthaus in Heuchelheim, Kreis Gießen. Die SPD-Vorsitzende läuft hinter Schäfer-Gümbel und seiner Frau; es wirkt fast so, als suche sie seinen Windschatten.

Zunächst spricht der hessische Spitzenkandidat. Bezahlbares Wohnen, gebührenfreie Kitas, stärkere Anbindung des ländlichen Raums - die Dauerbrenner seines Wahlkampfs zünden bei den rund 400 Gästen, es ist ein Heimspiel für Schäfer-Gümbel. Sein Wahlkreis liegt direkt nebenan, viele langjährige Genossen sind gekommen.

Andrea Nahles, Thorsten Schäfer Gümbel
REUTERS

Andrea Nahles, Thorsten Schäfer Gümbel

30 Minuten später ist Nahles an der Reihe. Zunächst ist es sehr still, die Skepsis dem Gast aus Berlin gegenüber ist spürbar. Doch dann zeigt Nahles, dass sie zumindest ihre eigenen Leute noch erreichen kann. "Thorsten war sehr freundlich, es nicht zu erwähnen, aber aus Berlin kommt im Moment wirklich kein Rückenwind", ruft die SPD-Chefin. Dass eine Ablösung der schwarz-grünen Landesregierung dennoch möglich sei, "haben wir ganz besonders dir zu verdanken, lieber Thorsten!".

Damit sichert Nahles sich nach nur wenigen Sätzen den ersten Applaus. Ein bisschen Selbstkritik, ein wenig Lob für den Gastgeber, und der Druck ist erst einmal raus.

Schäfer-Gümbel: "Chaostage in der Bundesregierung"

Es ist ein solider Auftritt von Nahles, auch wenn ihr Mikro ab und an streikt. Sie verspricht in Anlehnung an den britischen Labour-Chef "eine Politik für die vielen, nicht für die wenigen" und kritisiert Grünen-Chefin Annalena Baerbock, die sich gerade erst im Bundestag gegen gebührenfreie Kitas ausgesprochen habe.

Ein paarmal wird an diesem Abend jedoch Nahles' großes Problem deutlich: die Unzufriedenheit ihrer Partei mit der GroKo. Schäfer-Gümbel zeigt sich wie schon in der vergangenen Monaten loyal gegenüber der Bundespartei, mit einem Satz erntet er an diesem Abend aber besonders viel Applaus: Er schimpft, beim Thema Diesel herrschten derzeit "Chaostage in der Bundesregierung". Wohlgemerkt: einer Bundesregierung, der seine eigene Partei auch angehört.

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Fairerweise muss man ergänzen, dass der SPD-Mann das vor allem auf Merkels Kanzleramt und das CSU-geführte Verkehrsministerium bezieht. Aber die Stimmung zeigt: Auch mit den Sozialdemokraten in der GroKo sind die Gäste in Heuchelheim unzufrieden.

Aus dem Publikum kommt ganz am Ende des Abends auch noch eine Forderung an Nahles: "Bitte lasst euch doch nicht mehr von Horst Seehofer durch die Arena ziehen", sagt ein älterer Herr. Nahles betet noch einmal kurz herunter, warum sie die SPD in die GroKo geführt hat: Das Scheitern von Jamaika, Christian Lindners Flucht aus der Verantwortung und der parteiinterne Streit samt Mitgliedervotum.

Dann spricht die SPD-Chefin noch einige bemerkenswerte Sätze: Der Zustand der GroKo mache sie "absolut wütend", er sei nicht zu ertragen. "Die Frage ist: Kriegen wir die Kurve?", sagt sie: "Ich bin entschlossen, das so nicht mehr zu dulden."

Diese Geduld haben viele in ihrer Partei schon längst verloren.



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insgesamt 119 Beiträge
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Seite 1
Jan_Wellem 25.10.2018
1. Hoffen wir, dass das FIasko für beide kommt...
... denn dann sind sie beide weg vom Fenster. Und das haben sie sich redlich verdient!
muekno 25.10.2018
2. Furcht wovor?
Das Fiasko kommt so sicher wie das Amen in der Kirche. Vor etwas unabänderlichen braucht man sich nicht zu fürchten, da gibt es nur das Eine, die Konsequenzen ziehen, Rücktritt, am besten noch vor der Wahl, dann wird das Ergebnis u.U. doch noch besser. Sowohl Nahen als auch Merkel sind untragbar für diese Republik. Die SPD hat fertig, die braucht keiner mehr, deren Positionen haben schon längst die linken, die Grünen und die CDU übernommen. Merkel regiert schon mindestens 8 Jahre zu lang, die CDU hat eine gründliche Erneuerung nötig, das geht nur ohne Merkel.
Rassek 25.10.2018
3. Bedenken ?
Ich habe wenig Bedenken, daß dem Schreihals und der Raute da nicht etwas einfällt um nicht auf die eigenen Versäumnisse zu kommen. Ausserdem hiesse es ja für die sPD sich an die eigene GroKo Nase zu fassen.
olliver_123 25.10.2018
4. Beide selbst Schuld
Wenn man mit der Bundesregierung und den jeweiligen Parteivorsitzenden unzufrieden ist, dann muss man das auch klar ansprechen und Alternativen bringen. Bouffier und Schäfer-Gümpel zeichnen sich jedoch im hohen Maße durch das Gegenteil aus, tragen somit Mitschuld am Desaster in Berlin und werden dafür abgestraft.
GoaSkin 25.10.2018
5. kaufen kann sich die GroKo von Neuwahlen garnichts
Möchte man nach Neuwahlen weder mit der AfD, noch mit der Linken Koalieren, so geht das am Ende nur noch über eine Viererkoalition - und die GroKo kann noch nicht einmal alleine reagieren, sondern müssen Grüne und FDP noch mit ins Boot holen. In solch einer Koalition wären aber alle Beteiligten eher Psychiater als treibende Kraft. In der Folge: WIeder Neuwahlen.
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