Merkels Reaktion auf den Terror Kühl bleiben

Die islamistischen Terroranschläge in Deutschland analysiert Angela Merkel so nüchtern wie jede andere politische Großlage. Das irritiert. Aber es ist absolut richtig.

Kanzlerin Merkel
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Es ist eine geradezu aufreizende Geschäftsmäßigkeit, mit der Angela Merkel in der Woche nach den islamistischen Attacken von Ansbach und Würzburg zu Werke geht.

Klar, sie hat ihren Urlaub unterbrochen, hat ihre traditionelle Sommerpressekonferenz vorgezogen - aber in den gut eineinhalb Stunden vor der Hauptstadtpresse zeigt sie sich weniger als Kümmerin einer verunsicherten Nation, sondern mehr als Politingenieurin, die sich nun eben eines neuen, wenn auch recht großen Problems annimmt. Ihr politischer Spitzname "Mutti" war noch nie so unzutreffend wie heute.

Die Frau ist derart unaufgeregt unterwegs, dass es fast schon irritierend ist. Aber eben auch: angenehm.

Im Video: Merkels Aussagen und was sie bedeuten

Die größte Emotionalität, die sich Merkel erlaubt, sind noch ihre Worte über die Attentäter, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen waren: "Die beiden Männer verhöhnen das Land, das sie aufgenommen hat." Vehement verteidigt Merkel ihre humanitäre Flüchtlingspolitik aus dem vergangenen Jahr.

Danach kommt vor allem Technik, mögliche Maßnahmen, erstens, zweitens, drittens und so weiter, de facto ist nichts Neues dabei. Und zwischendurch beantwortet sie Fragen zu den Ostrenten, zu Steuerpolitik und Mittelstandsbauch. Gepflegte Normalität in Zeiten des Terrors.

Kritiker werfen Angela Merkel stets ihren Mangel an Emotionalität vor, ihre Schritt-für-Schritt-Politik, das Fehlen einer politischen Erzählung, mithin Sinngebung. Auch ich habe genau das immer wieder kritisiert, zuletzt Merkels unterkühlten Umgang mit dem Großereignis Brexit.

Nur: In der aktuellen Terrorlage ist Merkels technizistisch-differenziertes Vorgehen durchaus richtig. Angst könne kein politischer Ratgeber sein, sagt sie. Völlig korrekt. Merkels Auftritt kontrastiert mit der Aufregung um uns alle herum, die ja menschlich zutiefst verständlich ist.

Was der Mensch Merkel denkt, das bleibt verborgen. Wir sehen nur, wie die Politikerin Merkel das Problem Terror als eines von vielen auf der Zeitachse ihrer Kanzlerschaft einordnet: Banken retten, aus der Atomkraft aussteigen, die Freizügigkeit in Europa erhalten und und und.

"Jede Situation hat ihre Spezifik", sagt Merkel.

Das klingt schon wieder so furchtbar, ja. Aber es ist mitunter zweckdienlich, mal einen Schritt zurückzutreten und die eigene Lage zu verorten.

Für den Moment also hat Merkel alles richtig gemacht. In den kommenden Wochen und Monaten aber ist entscheidend, was hinten rauskommt: Mehr Aufmerksamkeit, Professionalität und Geld für präventive Maßnahmen wären wünschenswert; und Veränderungen an der Sicherheitsarchitektur dort, wo das nötig ist. Man sollte dabei auch nicht jeden einzelnen Vorschlag des von den Anschlägen gezeichneten bayerischen Ministerpräsidenten in den Wind schlagen, nur weil Seehofer draufsteht.

Ein derart besonnenes Vorgehen übrigens ist auch ein ganz vorzüglicher Kontrast zu den rechtspopulistischen Aufwieglern, deren Antwort auf Terroranschläge in Deutschland wahlweise das Hashtag #AfDwählen ist - oder der Verfassungsbruch.

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Merkels Sommerpressekonferenzen: "Manchmal wird ja gesagt, ich hab keine Meinung"
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CancunMM 28.07.2016
1.
Ja nun, man muss nun nicht gleich in Panik ausbrechen, aber besorgniserregend ist es schon. Und dass Frau Merkel keine Angst haben muss..... Sie lebt ja auch nicht in den entsprechenden Gebieten. Wenn sie als normale Deutsche z.B. in der Sonnenallle oder Hermannstr. in Neukölln leben würde, würde sie sich vielleicht anders fühlen.
dunnhaupt 28.07.2016
2. Andere Zeiten - andere Erfordernisse
Unsere liebe Bundeswehr mit all ihren hübschen Kitas darf im Inland nicht eingesetzt werden, und im Ausland nach Möglichkeit auch nicht. Aber wenn, wie Frau Merkel feststellt, der IS den Krieg in unser Inland getragen hat, dann muss er auch im Inland bekämpft werden. Selbst die Lissabonner Verträge (also die EU-Ersatzverfassung) erlauben in einem Notfall den Einsatz von Militär im Inland.
torquemada13 28.07.2016
3. ES ist nicht zu fassen
Zitat Merkel: "Deutschland kämpfe an der Seite Frankreichs und seiner weiteren Verbündeten gegen den Terrorismus, in Syrien mit deutschen "Tornado"-Jets, aber auch in Mali. "Ich glaube, dass wir in einem Kampf oder meinetwegen auch in einem Krieg gegen den IS sind." Es gebe aber "keinen Krieg gegen den Islam". -Zitat Ende. Die Frau versteht allen Ernstes das Problem nicht! Wer sich das Bekennervideo des Axtattentäters im web angeschaut hat (Übersetzung mit Englischen Untertiteln) hat klar folgendes vernommen: Der junge Mann hat sinngemäß im Video gesagt: "Ihr kommt in unsere Länder, ihr ermordet unsere Kinder, Frauen und Männer. - Jetzt kommen wir in Eure Länder und üben Vergeltung." - Das Problem ist: So denken viele Sunni Muslime und nicht nur IS/Daesh Anhänger. Es ist ein islamistisches, djihadistisches Gedankengut, verbunden mit dem Wunsch nach Rache. Und das betrifft nicht nur Asylanten und Flüchtlinge. Das ist nach meiner Erfahrung auch eine Denke, die sich bei vielen Sunni Muslimen findet, die sich schon länger in D befinden und die enge familiäre Bindungen in diejenigen Staaten haben, in denen Mord, Tod und Elend herrscht. Und Frau Merkel verursacht diese Morde (beispielsweise in Syrien/Manbij)mit ihrer willigen Erfüllungsgehilfenpolitik zur Nahost Geostrategie der US Regierung. Und sie selbst verursacht genau diese Racheambitionen unter gläubigen Muslimen. Außerdem: Unter den aktuellen Flüchtlingen befinden sich auch junge Männer, die zuvor in sogenannten "moderaten" Rebellengruppen gekämpft haben, die aber alles andere als moderat sind. Ich selbst habe hier in meiner Heimatstadt einen jungen Mann aus Daraa kennen gelernt, der zuvor für die Jaysh al Islam unter dem unlängst verstorbenen Zahran Alloush gekämpft hat und solche Jungs sind deutlich gefährlicher als dieser 17 - jährige Axt Attentäter. Außerdem gab es in meiner Stadt zumindest eine Anti Assad Demonstration bei der Syrer offen für die Al Fath Army geworben haben. Das ist ein Bündnis aus mehreren radikal-islamistischen Rebellengruppen in Syrien, die sich in einer Allianz mit der Nusra Front/Al Qaida befinden. Das waren alles Männer, wie man so schön sagt: "Im wehrfähigen Alter". Und ob das nun Kämpfer einer Ahrar al Sham, einer Jaysh Turkestani oder einer Jabat al Nusra sind, ist dabei gehuppt wie gesprungen. Die djihadistische, radikal- islamistische Denke ist die gleiche. Und diese Männer sind bereits heute hier in Deutschland. Und das sollte uns allen klar sein!
paula_f 28.07.2016
4. Brexit war der Anfang vom Ende der EU
Frau Merkel agiert ohne Konzept, Schäuble spart die Mitte unserer Gesellschaft kaputt. Wir die arbeitenden werden immer weiter belastet müssen immer länger und in immer unsichereren Beschäftigungsverhältnissen für immer mächtigere Konzerne arbeiten. Da bleibt kein Geld und keine Zeit für Familien. Innerhalb weniger Jahre macht man so eine Gesellschaft kaputt und hilft radikalen Parteien.
Calex 28.07.2016
5. Absolut richtig? Wie bitte?
Diese Frau hat bisher alles falsch gemacht, was man bezüglich ihres Schwurs allen Schaden von Deutschland abwenden zu sollen überhaupt falsch gemacht haben kann! Das schlimmste ist, dass ihr jetzt sogar das Rückgrat dazu fehlt es einzugestehen und zurückzutreten. Diese Frau besiegelt das Ende Deutschlands und die Deutschen schauen fassungslos und wie gelähmt von der ganzen "Wir schaffen das" Rhetorik einfach nur weg.
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