Merkel und Seehofer Union der Angst

Die CSU unterstützt jetzt Angela Merkel - nur von Aufbruchstimmung ist nichts zu spüren. In Zeiten des Schulz-Hypes wirkt die Friedensshow der Union verzweifelt.

Angela Merkel und Horst Seehofer in der CSU-Zentrale in München
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Angela Merkel und Horst Seehofer in der CSU-Zentrale in München

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Sie haben es geschafft. CDU und CSU marschieren wieder Seit' an Seit'. "Gemeinsamkeit ist schon ein hohes Gut", sagt Angela Merkel. Hört, hört.

Nun wäre der Friedensgipfel von München auch ohne SPD-Aufschwung eine alberne Angelegenheit geworden. Jeder weiß: Der Konflikt um die Flüchtlingsobergrenze verschwindet nicht durch Auslagerung in den sogenannten Bayernplan, persönliche Verletzungen werden nicht per Präsidiumsbeschluss geheilt.

Die Union hätte sich auf ihre brillante Ausgangslage zurückziehen können. Ein Kanzlerkandidat Sigmar Gabriel wird auch einer Merkel-müden Union nicht gefährlich, so war das Kalkül.

Dumm gelaufen für CDU und CSU: Gabriel ist nicht Kanzlerkandidat. Und in Zeiten, in denen sich die Genossen am Hype um ihren Heilsbringer Martin Schulz berauschen, wirkt die Versöhnungsshow der Unionsschwestern ziemlich verzweifelt. Von Aufbruchstimmung keine Spur. Stattdessen sieht es so aus, als raufe man sich schnell zusammen aus Angst vor der neuen Stärke der Sozialdemokraten.

Mitten in die Merkel-Seehofer-Pressekonferenz platzt die Meldung, dass die SPD die Union in einer Umfrage erstmals überflügelt hat. Auch im persönlichen Duell lag der Herausforderer zuletzt in einer Erhebung schon vor der Kanzlerin. Was vor wenigen Wochen niemand für möglich gehalten hätte: Plötzlich liegt so etwas wie Wechselstimmung in der Luft.

Die Union wirkt perplex. Die CDU-Vorsitzende spricht vom Respekt für ihren Mitbewerber und zeigt sich "recht gewiss", dass sie die Wahl gewinnen kann. Horst Seehofer verweist allen Ernstes darauf, dass er vor der Landtagswahl 2013 bei den Sympathiewerten auch schon mal hinter SPD-Kandidat Christian Ude gelegen habe (die bayerischen Sozialdemokraten hatten damals übrigens immer noch rund 20 Prozentpunkte Rückstand auf die CSU).

Hohle Phrasen gegen die Schulz-Euphorie

Sicher, die Schulz-Euphorie kann schnell wieder vorbei sein. Substanz ist er noch schuldig, er wird Fehler machen. Nur scheint das im Moment die einzige Hoffnung der Union. Ansonsten herrscht Ratlosigkeit. "Kluge Ideen" verspricht Seehofer fürs gemeinsame Regierungsprogramm. "Wir müssen unsere Inhalte ordentlich darstellen", sagt Merkel. Und dafür bleibe ja auch noch genügend Zeit bis zum 24. September.

Solche Phrasen klingen noch hohler, noch mehr nach Durchhalteparolen, wenn der Gegner sich gerade aus schier aussichtsloser Position herangekämpft hat. Mehr als ein "Weiter so" hat die Union einstweilen nicht zu bieten. Gegen einen wie Schulz dürfte das genauso wenig reichen wie die Warnungen der CSU vor einer rot-rot-grünen Linksfront.

Der SPD-Herausforderer wird den Finger in die offenen Wunden des Schwesternstreits legen. Die Obergrenze etwa hat Seehofer zur Bedingung für eine neuerliche Regierungsbeteiligung der CSU gemacht. Wie er das mit einer Kanzlerin Merkel bewerkstelligen will, sagt er nicht. Und es gibt ja neue Differenzen: Wie soll man mit Donald Trump umgehen? Die Kanzlerin hat zuletzt andere Botschaften ausgesandt als Seehofer - auch wenn der sich natürlich nur missverstanden fühlt.

Unter diesen Vorzeichen wird es schwer für die Union, so schnell wieder in die Offensive zu kommen, wie die SPD den Rückstand aufgeholt hat. Die Nervosität aber dürfte mit jedem Tag steigen, an dem sich der Positivtrend für die Sozialdemokraten verstetigt. Dann übrigens könnte auch der CDU/CSU-Frieden von München rasch hinfällig sein. Horst Seehofer ist nicht dafür bekannt, bröckelnden Umfragewerten lange schweigend zuzusehen.

Der Wahlkampf werde der "schwierigste, den ich je erlebt habe", hat Merkel jetzt noch einmal bekräftigt. Die Einschätzung ist und bleibt richtig. Nur braucht die Kanzlerin so langsam eine Strategie, wie sie ihn bestehen will.



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insgesamt 62 Beiträge
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ulrich_loose 06.02.2017
1. Strategie?
Raute, freundliches Gesicht, Angebliche Standhaftigkeit in Sachen "Werte" - mehr ist von Merkel nicht zu erwarten
cornel 06.02.2017
2. Seehofer will Frieden - bis zum Wahltag
danach gehts weiter wie bisher. Herr Schulz erzwingt offenbar die bayrischen Politiker zum Nachdenken. Wenn die CDU/CSU die Wahl verliert ist Herr Seehofer der Hauptschuldige, die von ihm entsandten derzeitigen Minister tun ihr Übriges.
felix_tabris 06.02.2017
3. Übers Stöckchen springen?
Nun beginnt die Torture der inneren Qualen! Entweder die Zähne zusammenbeisen bis es knirscht und das Kreuzchen bei der CDU/CSU setzen - für Merkel, die Rettung vor den linksgrünversüften Untergang des Abendlandes. Da müssten die frustrierten zur AfD übergelaufenden Abtrünnigen die Faust in der Tasche ballen und zum letzten Mal in den sauren Apfel beißen - denn eine weitere Merkel-Kandidatur wird es danach nicht mehr geben! Oder man bleibt trotzig-bockig, beharrt auf die paar Prozente Jetzt-erst-Recht-Eigenwilligkeit am rechten Rand und läßt den verhöhnten und verhassten linksgründversüften Bündnis ran. Dann immerhin tritt die Bundeskanzlerin ab - und die CDU/CSU findet sich in der Opposition wieder, wo mit hoher Wahrscheinlichkeit der jetzige Innenminster Thomas de Maizière "Law-and-Order-sowieso-schon-immer-gegen-Ausländer-gewesen" CDU-Vorsitzender werden und die Fraktionen führen wird. Denn alle Merkel-Vertrauten werden dabei stürzen - auch die Uschi.
schmuella 06.02.2017
4. Das Titelbild sagt alles
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte ... Des lieben Machterhalts willen einen (scheinbaren) Burgfrieden auzuhandeln, grenzt schon fast an einen Täuschungsversuch. In Deutschland sollte die Amtszeit des Kanzlers bzw. der Kanzlerin auf zwei Legislaturperioden begrenzt werden. Dann hätten sich viele Diskussionen von alleine erledigt. Kann man nur hoffen, dass Martin Schulz seine Siegchancen weiter ausbauen kann und frischen Wind bringt.
titzck 06.02.2017
5. Wiedervorlage in 3 Monaten
Die Freude der Journalisten scheint groß. Endlich haben die ihr Ziel einer möglichen Ablösung von Frau Merkel erreicht. Für solche Freude ist es noch zu früh. Herr Schulz hat die SPD vor knapp zwei Jahren in der Europawahl angeführt und deutlich verloren. Freilich gab es die sogenannte Flüchtingskrise noch nicht. Aber erst in etwa 3 Monaten wissen wir, ob die SPD nachhaltig viele Stimmen hinzugewinnt. Davon bin ich nicht überzeugt.
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