Umfrage Merkel verliert drastisch an Zustimmung - Seehofer legt zu

Nach den jüngsten Anschlägen ist CSU-Chef Seehofer wieder auf Konfrontationskurs zur Kanzlerin gegangen. Mit seiner Hardliner-Rhetorik kann er offenbar beim Wähler punkten. Angela Merkel sackt dagegen ab.

Merkel, Seehofer
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Merkel, Seehofer


Die Rollenverteilung in der Union war monatelang klar: Während die Bundeskanzlerin auf einen vergleichsweise moderaten Kurs in der Flüchtlingspolitik setzte, gerierte sich ihr konservativer Widersacher aus Bayern als Law-and-Order-Politiker.

Erst kürzlich präsentierte Ministerpräsident Horst Seehofer einen Katalog drastischer Forderungen nach neuen Sicherheitsmaßnahmen - eine Reaktion auf die jüngsten Terrorattacken, garniert mit unverhohlener Kritik an Angela Merkel. Deren "Wir schaffen das" könne er sich "beim besten Willen nicht zu eigen machen", sagte Seehofer.

Mittlerweile liegen die Kanzlerin und der CSU-Chef eigentlich politisch gar nicht mehr so weit auseinander. Merkel hat längst stillschweigend ihre Positionen aus dem vergangenen Herbst geräumt. Doch das Bild hat sich in der öffentlichen Wahrnehmung verfestigt: Seehofer ist es, der in Sachen Flüchtlinge hart durchgreifen will, Merkel steht für offene Grenzen.

Bei den Wählern, so scheint es, kann der Ministerpräsident damit nach den Anschlägen der vergangenen Wochen punkten. Anders als Merkel. Laut dem aktuellen ARD-"Deutschlandtrend" sackt die CDU-Vorsitzende bei der Zustimmung für ihre Politik auf 47 Prozent ab. Das sind ganze zwölf Punkte weniger als noch im Vormonat - und Merkels zweitschlechtester Wert in dieser Legislaturperiode.

Befragte sehen Unionsstreit kritisch

Seehofer dagegen legt elf Punkte zu und landet bei 44 Prozent Zustimmung. Im Juli hatte der CSU-Chef noch mit 33 Prozent seinen niedrigsten Beliebtheitswert seit September 2015 verzeichnet. Den aktuell besten Wert erreicht SPD-Außenminister Frank-Walter Steinmeier (71 Prozent).

In der Vergangenheit hatten die Werte von Merkel und Seehofer bereits stark geschwankt. Im Herbst, als die unterschiedliche Haltung der beiden in der Flüchtlingskrise immer deutlicher wurde, näherte sich Seehofer an.

Nur noch ein Drittel (34 Prozent) der Befragten zeigt sich nun zufrieden beziehungsweise sehr zufrieden mit Angela Merkels Haltung in der Flüchtlingsfrage. Dies ist der tiefste Wert, seit die Frage im "Deutschlandtrend" im Oktober 2015 zum ersten Mal gestellt wurde.

Auch wenn Seehofer in der Beliebtheit deutlich zulegte, wird der andauernde Streit in der Großen Koalition und der Umfrage zufolge in der Bevölkerung kritisch gesehen. 64 Prozent der Befragten finden, dass der CSU ihre eigenen Interessen wichtiger sind als der Erfolg der Regierung. 91 Prozent sind der Meinung, dass die Koalitionspartner stärker gemeinsame Lösungen vorantreiben sollten, statt Streit in der Öffentlichkeit auszutragen.

In der Sonntagsfrage kommt die Union im Vergleich zum Vormonat allerdings unverändert auf 34 Prozent. Die SPD liegt weiterhin bei 22 Prozent. Linke und Grüne kommen unverändert auf neun und im andern Fall 13 Prozent. Die AfD erreicht weiterhin zwölf Prozent, die FDP verliert einen Prozentpunkt, würde mit derzeit fünf Prozent aber knapp wieder in den Bundestag einziehen.


Datenbasis: Für die Sonntagsfrage interviewte das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap im Auftrag der ARD-"Tagesthemen" am 1. und 2. August 1503 Wahlberechtigte bundesweit. Die Fragen zur Beliebtheit von Politikern, zur Zufriedenheit mit der Flüchtlingspolitik Merkels und dem Streit in der großen Koalition wurden 1003 Wahlberechtigten gestellt. Die Fehlertoleranz liegt bei 1,4 bis 3,1 Prozentpunkten.

kev/AFP/Reuters

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Mara Cash 05.08.2016
1. Kanzleramt: Wir brauchen keinen
Die neueste Entwicklung mit der Einschätzung von Frau Merkel, dass man keinen "Plan B" für den Flüchtlingsdeal mit Herrn Erdogan brauche, zeigt nach meiner Einschätzung die völlige Verkennung der Situation. Man ist sich in der Regierung nicht ansatzweise darüber bewusst, durch welche fortwährende eigene Fehleinschätzungen und fahrlässige Alleingänge man Europa als Ganzes gefährdet und immer tiefer gespalten hat.
lupenreinerdemokrat 05.08.2016
2. Wie Schröder schon sagte:
"Sie kann es nicht". Wie recht er hatte. Merkel hat in ihrer Amtszeit nichts ausgelassen, um ihre Unfähigkeit unter Beweis zu stellen. Sei es die "Energiewende", die völlig hastig, ohne Ruhe zu bewahren und dilettantisch losgetreten wurde, was den Energieriesen das Hintertürchen offen ließ, dagegen zu klagen, sei es die Griechenlandkrise, die Bankenkrise, ihre stets devote Anbiederung an Washington gegen die Interessen Deutschlands bei der Ukrainekrise und Syrien, sei es nun in der Flüchtlingskrise, in der plötzlich "Ruhe bewahren" = gelähmte Angststarre bei Merkel ausgerufen wird - man kann bei ihr immer sicher sein, dass sie nichts schafft und stets das Gegenteil tut, was ihrem Amtseid "Schaden vom deutschen Vplk abzuwenden" entsprechen würde. Wen wundert es da noch, dass die Wählergunst dem Mann zugewandt wird, der gegen diese Dauerinkompetenz der Kanzlerin opponiert? Auch Sarah Wagenknecht dürfte seit ihrem Sommerinterview viele Stimmen gewonnen haben.
suplesse 05.08.2016
3. Inhalte!
Meine Zustimmung hat er teilweise über die Inhalte. Allerdings fehlt es an der Konsequenz. Seine Kompromissbereitschaft gegenüber Merkel kennt leider keine Grenzen. Merkel ist für mich völlig indiskutabel. Ihre Haltung in der Flüchtlingspolitik, ohne die nicht vorhandene konsesquente durchorganisierte Umsetzung ist eine echte Gefahr für unser Land. Das wird uns über Jahre hinweg viel Geld kosten und viel Frust bescheeren. Aber auch den Flüchtlingen wird dabei keinesfalls ein Gefallen getan.
ptb29 05.08.2016
4. Europas Grenzen werden dicht gemacht,
ein unwürdiges Abkommen mit der Türkei geschlossen. Angela Merkel weiß, dass der Flüchlingsstrom gebremst ist, da kann sie in ihren Reden ihre Einladungsphrasen wiederholen. Sie hat doch die meiste Angst davor, dass die Türkei das Flüchtlingsabkommen kündigt.
Darwins Affe 05.08.2016
5. Effekt auf CDU
Umfrage Prognos (Basel) vom 02.08: CDU 25% und CSU 7%. Gegenüber der letzten BTW würde die CDU 9 Prozent verlieren (ca. 1/3 ihrer Wähler!), die CSU zeigt sich konstant. (Prognos zeigte bei den letzten LTW die beste Annäherung an die endgültigen Ergebnisse).
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