TV-Duell Merkel vs. Schulz Kontrollierte Offensive

Mit bis zu 20 Millionen Zuschauern rechnen die Sender beim TV-Duell am Sonntagabend. Es ist das einzige direkte Aufeinandertreffen von Merkel und Schulz. Worauf setzt die Kanzlerin? Worauf hofft der SPD-Herausforderer?

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In Berlin-Adlershof kennt sich die Kanzlerin gut aus: Hier forschte die junge Angela Merkel zu DDR-Zeiten am Zentralinstitut für Physikalische Chemie. Aber ein Heimspiel wird das TV-Duell im Studio B im Südosten der Hauptstadt dennoch nicht für die CDU-Chefin - auch wenn sie hier mit Gerhard Schröder im Jahr 2005, Frank-Walter Steinmeier 2009 und Peer Steinbrück 2013 schon drei SPD-Herausforderern begegnet ist.

Ihr aktueller Kontrahent Martin Schulz könnte sich in dem TV-Studio wohler fühlen als sie: Der SPD-Chef blüht in verbalen Auseinandersetzungen auf, hat möglicherweise rhetorische Vorteile gegenüber Merkel. Am liebsten hätte Schulz gleich zwei Fernsehduelle mit der Kanzlerin absolviert, doch das lehnte sie ab. Auch das eher starre Format - vier Moderatoren, kein Publikum, 90 Minuten Duell - wurde auf ihren Wunsch beibehalten.

Allerdings hat auch Merkel einen Vorteil: Sie muss nicht angreifen, sie liegt in den Umfragen komfortabel vorn, sie kann Schulz also kommen lassen. In der SPD wissen sie, dass das TV-Duell möglicherweise die einzige und letzte Chance ist, die Stimmung im Land noch einmal zu ihren Gunsten zu drehen.

Die Mehrheit der Deutschen rechnet derweil einer ARD-Umfrage zufolge mit einem Erfolg Merkels beim TV-Duell: Laut "Deutschlandtrend" sind 64 Prozent der Befragten der Meinung, dass die CDU-Chefin bei dem Duell am Sonntag eine bessere Figur machen wird. Nur 17 Prozent erwarten, dass Schulz besser abschneiden wird. Umso größer wäre natürlich die Überraschung, wenn der Sozialdemokrat am Ende überzeugt.

Die vier Sender, die das TV-Duell gemeinsam ausrichten - ARD, ZDF, RTL und Sat.1 - rechnen mit rund 20 Millionen Zuschauern. Jeder Fehler kann vor dieser Kulisse wehtun, jede Schwäche Stimmen kosten - zumal Umfragen zufolge noch knapp die Hälfte der Wähler unentschlossen ist.

Wie gehen die beiden Kontrahenten in dieses Duell?

  • Martin Schulz

Seit Wochen bereitet sich der SPD-Chef auf das TV-Duell vor. Er weiß: Wenn der TV-Kampf nicht den erhofften Schub bringt, den seine Kampagne im Endspurt bis zum 24. September dringend braucht, dann werden es äußerst zähe drei Wochen.

In ihrer Not haben die SPD-Strategen sogar Béla Anda zum Schulz-Berater fürs TV-Duell gemacht. Anda, in der SPD nicht gerade unumschränkt beliebt, war Regierungssprecher von Gerhard Schröder. Der Ex-"Bild"-Mann ist ein Medienprofi, hat in den Jahren 2002 und 2005 die Fernsehduelle mit Edmund Stoiber und Angela Merkel für den damaligen Kanzler vorbereitet.

Im eigentlichen Sinne gecoacht wird Schulz von dem Österreicher Markus Peichl. Der Journalist versteht eine Menge vom Fernsehen und hat Schulz in den vergangenen Wochen beizubringen versucht, worauf es in dem Duell mit Merkel ankommt: bei sich bleiben, Stärken betonen - und vor allem nicht überdrehen.

"Ich habe nicht die Absicht, Frau Merkel persönlich zu attackieren", sagt Schulz. Aber etwas Attacke muss schon sein, um das Ding noch zu drehen. Schließlich ist er der Herausforderer. Schulz will das Thema Aufrüstung problematisieren, die Rentenpolitik.

Es ist eine Gratwanderung. Wenn Schulz zu aggressiv auftritt, verschreckt er Wähler - zu viel Zurückhaltung wird Merkel ebenso nützen.

  • Angela Merkel

Am liebsten hätte sie wohl ganz auf das TV-Duell verzichtet. Merkel setzt im Wahlkampf auf Risikominimierung. Eineinhalb Stunden mit dem Kontrahenten Schulz in einem TV-Studio? Genau das Gegenteil.

Wenn Schulz auf kontrollierte Attacke setzt, wird es deshalb für Merkel darum gehen, die Kontrolle zu behalten, sich nicht aus der Reserve locken zu lassen. Ruhe ausstrahlen, Souveränität zeigen, die Erfolge ihrer Kanzlerschaft betonen.

Auch die CDU-Chefin hat mit Regierungssprecher Steffen Seibert - lange Jahre Moderator beim ZDF - und Medienberaterin Eva Christiansen echte Profis an ihrer Seite. Andererseits: Was sollen die ihr nach all den Jahren noch beibringen?

"Es war nicht so, dass ich sagen konnte, dass das für mich immer nur super ausgegangen ist", sagte sie jüngst mit Blick auf ihre TV-Duell-Bilanz. Richtig geschadet haben ihr die Fernsehrunden bislang allerdings nicht - schließlich gewann sie jede Wahl.

Vielleicht gelingt ihr ja auch wieder so ein Coup wie beim letzten Mal: Vor vier Jahren sprach nach dem Duell mit Steinbrück kaum noch jemand von dem sehr ordentlichen Auftritt des SPD-Kanzlerkandidaten - es ging fast nur noch um die auffällige Halskette mit Farbelementen in den deutschen Nationalfarben, die Merkel an diesem Abend getragen hatte. Nur: Was könnte diesmal Merkels "Schlandkette" sein?



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insgesamt 71 Beiträge
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Marvel Master 03.09.2017
1.
20 Mio Zuschauer werden erwartet? Ich persönlich frage mich immer noch, wieso der Wähler beide Kandidaten wählt. Die eine kostet den Staat Billionen (20 Mrd/Jahr * 100 Jahre (Tendenz steigend)) in den nächsten 100 Jahren und der andere würde exakt das selbe machen. Aktuelle Probleme werden von beide nicht richtig angegangen sondern Steuerzahlergeld mit wohlwollenden Händen weiter in der Welt verbrannt.
general_0815 03.09.2017
2. Stelle mir die Frage
was passieren würde wenn Herr Schulz einfach mal das "Korsett" sprengt und was aktuelles anschneidet. Verlässt Frau Merkel dann das Studio? Zumindest wäre der Abend dann gerettet :-)
caty24 03.09.2017
3. Eigene Fragen
Herr Schulz sollte eigene Fragen an Merkel stellen.Falls es ihm aber verwehrt wird, könnte er das Studio verlassen .3/4 der Menschen werden Ihm zustimmen.Es wird sich in windeseile rumsprechen und Merkels rudimentäres Demokratieverständnis wird am Montag an jeder Arbeitsstelle zum Thema werden.
vincent1958 03.09.2017
4. Was soll man erwarten?
..Merkel:Deutschland geht es gut Schulz:In Deutschland muss es gerechter zugehen. Die ,für die die Aussage und pol.Handlungen von Schulz wichtig wären,gucken nicht zu oder gehen nicht zur Wahl.Es ist zum Haare raufen!
Steve1982 03.09.2017
5. So richtig gut sind beide nicht...
Merkel ist zwar sehr erfahren, verhandlungsstark, eine gute Managerin und angenehm deeskalierend. Doch leider verschleppt sie viele wichtige Themen, hat keinen klaren eigenen Kurs und erklärt ihre Politik viel zu wenig. Martin Schulz würde vermutlich Missstände in Deutschland offensiver bekämpfen und sein Agieren auch gegenüber der Bevölkerung besser kommunizieren, zudem scheint es ihm mehr um die Sache zu gehen, als um das Amt. Jedoch scheint mir, dass ihm noch ein wenig Durchsetzungsstärke und Kaltschnäuzigkeit fehlt.
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