Angela Merkel gegen Martin Schulz Die Entscheidung

Martin Schulz will dort hin, wo Angela Merkel ist: In diesen Stunden entscheidet sich der Kampf ums Kanzleramt. Die Kontrahenten im direkten Vergleich.

  Wahlplakate mit Merkel und Schulz
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Wahlplakate mit Merkel und Schulz

Von und


Frau gegen Mann. Uckermark gegen Rheinland. Physikerin gegen Buchhändler. Christdemokratin gegen Sozialdemokrat.

Angela Merkel, 63, will Kanzlerin bleiben. Martin Schulz, 61, will Kanzler werden. So ist die Lage vor der Bundestagswahl an diesem Sonntag, bei der rund 61,5 Millionen Bürger ihre Stimme abgeben können.

CDU-Chefin Merkel regiert seit zwölf Jahren. Würde sie die Wahl gewinnen und die Legislaturperiode zu Ende bringen, hätte sie die Marke ihres unlängst verstorbenen Parteifreundes Helmut Kohl erreicht, der 16 Jahre lang Kanzler war. SPD-Chef Schulz will das verhindern und als erster Sozialdemokrat seit Gerhard Schröder wieder ins Kanzleramt einziehen.

CDU und CSU liegen in den Umfragen klar vor der SPD, auch im direkten Vergleich führt Merkel bei den Demoskopen deutlich. Aber beide wollen bis zuletzt um Stimmen kämpfen, die Zahl der Unentschlossenen ist hoch.

Wer regiert künftig Deutschland - Merkel oder Schulz? Die Kontrahenten im Vergleich:

Angela Merkel

CDU

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Herkunft: Geboren am 17. Juli 1954 in Hamburg, verheiratet, keine eigenen Kinder; aufgewachsen in der DDR, promovierte Physikerin.

Politische Erfahrung: Zur Wendezeit engagiert im Demokratischen Aufbruch, Regierungssprecherin des letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière; seit 1990 für die CDU im Bundestag; unter Kanzler Helmut Kohl erst Ministerin für Frauen und Jugend, dann Umweltministerin; von 1998 bis 2000 CDU-Generalsekretärin, seit 2000 CDU-Vorsitzende; von 2002 bis 2005 Unionsfraktionschefin und Oppositionsführerin im Bundestag; seit 2005 Bundeskanzlerin.

Offizieller Wahlslogan: "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben."

Wahrer Wahlslogan: "Angela Merkel"

Ausgangslage: Der Amtsbonus wirkt. In allen Umfragen liegt die Union weit vor der SPD, auch bei den Persönlichkeitswerten ist Merkels Vorsprung vor Herausforderer Schulz groß. Doch eine letzte Unsicherheit bleibt: Zuletzt zeigte die Unionskurve leicht nach unten, die AfD dagegen legte zu. Zudem besteht die Gefahr, dass Unionsanhänger am Sonntag ihre Stimme nicht abgeben, weil sie die Wahl schon für entschieden halten.

Das will Merkel: Ein richtiger Knaller ist aus Programm und Wahlkampf der Union nicht hängen geblieben. Das wäre auch nicht Merkels Stil. Sie verspricht 15 Milliarden Euro Steuerentlastungen, ein langsames Ende des Solis und mehr Geld für Familien (höheres Kindergeld, Baukindergeld, Rechtsanspruch auf Ganztagesbetreuung für Grundschüler). Die schwarze Null im Haushalt ist gesetzt. Der immer noch schleppende Breitbandausbau soll forciert werden, auch durch einen Digital-Staatsminister im Kanzleramt. Für die innere Sicherheit sollen 15.000 neue Stellen bei der Polizei geschaffen, die Video-Überwachung ausgeweitet werden. Die Flüchtlingszahlen sollen niedrig bleiben, eine Obergrenze, wie die CSU sie fordert, lehnt Merkel ab.

So lief der Wahlkampf: Schwierig wie nie zuvor werde der Wahlkampf werden, hatte die CDU-Chefin prophezeit. Tatsächlich schien es zwischenzeitlich so, als könne ihr SPD-Herausforderer sie ernsthaft in Bedrängnis bringen. Das ist lange her. Die CDU gewann überraschend drei Landtagswahlen, Merkel enteilte Schulz in den Umfragen wieder - und verlegte sich auf den bewährten Schlummerwahlkampf. Vor allem im Osten aber schlug ihr bei Auftritten regelmäßig der Hass wütender (AfD-naher) Störer entgegen. Manche Freiluftkundgebung wurde deswegen kurzerhand in die Halle verlegt.

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So will Merkel regieren: SPD, FDP, Grüne - Merkel könnte mit jedem. Doch die Optionen werden nach der Wahl wohl begrenzt sein. Große Koalition geht immer, so viel ist klar. Fragt sich nur, ob die Sozialdemokraten sich dazu noch einmal durchringen könnten. Schwarz-Gelb-Grün, das sogenannte Jamaika-Bündnis, dürfte rechnerisch auch möglich sein - inhaltlich würde es allerdings kompliziert. Nicht auszuschließen ist, dass es am Ende sogar knapp für eine Mehrheit von Union und FDP reicht. Früher war das mal die Wunschkoalition beider Partner, heute wäre eine schwarz-gelbe Ehe deutlich konfliktträchtiger. (Lesen Sie hier mehr zu den Koalitionsoptionen nach der Wahl.)

Karriereprognose: Sofern nicht noch ein Wunder geschieht, bleibt Merkel Kanzlerin. Und sie hat versprochen, das Amt für volle vier Jahre auszuüben. Und dann? Derzeit geht kaum jemand davon aus, dass Merkel auch 2021 noch einmal antritt. Aber wer weiß. Die Nachfolgediskussion wird so oder so bald beginnen.

Martin Schulz

SPD

BILAN/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Herkunft: Geboren am 20. Dezember 1955 in Hehlrath, verheiratet, zwei Kinder; gelernter Buchhändler.

Politische Erfahrung: Bürgermeister von Würselen von 1987 bis 1998; von 1996 bis 2010 Kreisvorsitzender der SPD Aachen; Mitglied des Europaparlaments von 1994 bis 2017, dort Fraktionschef der Sozialdemokraten von 2004 bis 2012, von 2012 bis 2017 Präsident des Europaparlaments; seit 1999 Mitglied des SPD-Bundesvorstands und -Präsidiums, seit 2017 SPD-Vorsitzender.

Offizieller Wahlslogan: "Zeit für mehr Gerechtigkeit."

Wahrer Wahlslogan: "Ich kann's besser."

Ausgangslage: In den letzten Umfragen vor der Wahl kommt die SPD auf Werte zwischen 20 und 23 Prozent, im direkten Vergleich mit Merkel liegt Schulz über 20 Punkte hinter Merkel. Der Kanzlerkandidat hofft auf einen Last-Minute-Swing, er setzt darauf, dass viele unentschlossene Wähler ihr Kreuz am Ende bei der SPD machen.

Das will Schulz: Die SPD verspricht zusätzliche Milliardeninvestitionen im Bildungsbereich, sie will das Kooperationsverbot abschaffen, damit der Bund den Ländern entsprechende Mittel zur Verfügung stellen kann. Das Renteneintrittsalter soll unangetastet, das Rentenniveau stabil bleiben. Schulz will die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen für gleiche Jobs beseitigen und das Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit garantieren. Er fordert mehr Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten der Europäischen Union, vor allem bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise.

So lief der Wahlkampf: Unerwartet gut gestartet, dann langsam wieder auf Los gelandet. So könnte man zusammenfassen, wie es SPD-Kanzlerkandidat Schulz seit seiner Nominierung Ende Januar ergangen ist. Bei Umfragewerten um die 20 Prozent legte er seinerzeit los, innerhalb weniger Wochen lag seine Partei auf Augenhöhe mit der Union, Schulz im direkten Vergleich sogar vor Merkel. Doch dann kippte die Stimmung wieder.

Die Landtagswahl im Saarland Ende März bremste den sogenannten Schulz-Zug endgültig aus, die SPD-Schlappen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen kosteten ihren Kanzlerkandidaten weitere Sympathiepunkte. Dazu kamen handwerkliche Fehler, Schwächen der Kampagne. Dann erkrankte auch noch Schulz' engster Vertrauter und Wahlkampfchef: Vom Glück, das ein erfolgreicher Wahlkämpfer am Ende ebenfalls braucht, bekam Schulz so gut wie nichts ab. Auch das TV-Duell mit Merkel Anfang September brachte nicht die erhoffte Wende, Schulz kämpfte dennoch unermüdlich weiter. Die Resonanz bei seinen Auftritten war positiv, es kamen deutlich mehr Zuhörer als erwartet.

So will Schulz regieren: "Wer nach der Wahl mit uns regieren will, ist herzlich eingeladen, auf uns zuzukommen." Das ist der Standardsatz, mit dem der SPD-Kanzlerkandidat die Frage nach möglichen Koalitionspartnern beantwortet. Das Problem ist nur: Falls am Sonntag kein politisches Wunder geschieht, werden die Sozialdemokraten ein Ergebnis einfahren, das höchstens für den erneuten Juniorpart in einer Großen Koalition reicht - oder den Gang in die Opposition bedeutet.

Karriereprognose: Für den SPD-Kanzlerkandidaten geht es im schlimmsten Fall um alles oder nichts: Falls die Partei im Bereich ihres Negativrekords von 2009 landet oder sogar noch unter die damaligen 23 Prozent rutscht, wird es den Ruf nach einer personellen Neuausrichtung der Partei geben. Bei einem Ergebnis rund um die 25,7 Prozent von vor vier Jahren kann Schulz halbwegs entspannt in die Debatten nach dem Wahlabend gehen, erst recht, sollte das Resultat deutlich besser ausfallen. Dann hätte der Parteichef die notwendige Autorität, um die SPD entweder als Vizekanzler oder Fraktionschef in eine neue Große Koalition zu führen oder in die Opposition. Nicht ausgeschlossen, dass er in diesem Fall sogar eine neue Kanzlerkandidat in vier Jahren anpeilen würde.




insgesamt 60 Beiträge
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Seite 1
RamBo-ZamBo 24.09.2017
1. asdf
SPIEGEL, bitte höre auf so zu tun, als hätte Schulz irgendeine Möglichkeit Kanzler zu werden. Es geht heute nur darum den Koalitionspartner von Angela Merkel zu finden.
Markus Frei 24.09.2017
2. Spannung
Das SPON tatsächlich noch an die Möglichkeit einer Kanzlerschaft von Herrn Schulz glaubt gehört wohl eher in die Sparte "Satire". Das einzig spannende an dieser Wahl ist wie groß das Desaster für SPD und Grüne wird und wie stark die AfD wirklich wird. Ein sehr großer Teil der AfD-Sympathiesanten sind Nichtwähler, es stellt sich die Frage ob die diesmal wirklich wählen gehen oder doch wieder zu Hause bleiben.
mei42 24.09.2017
3. Selbstkritik auf Wahlplakat?
Bei dem SPD-Wahlplakat über dem Artikel frage ich mich immer, ob da absichtlich auch ein Hauch Selbstkritik oder Ironie drin steckt. Schließlich war es ja Herr Schulz, der die letzten fünf Jahre in führender Position auf einem Stuhl in Brüssel gesessen hat...
hausfeen 24.09.2017
4. Nicht zwischen Merkel und Schulz ist die ...
... Entscheidungsschlacht, sondern zwischen schwarz/gelb oder schwarz/gelb/grün.
franz.v.trotta 24.09.2017
5.
Die Medien haben Schulz und die SPD klein, die AfD groß gemacht. Gewinnerin ist, wenn auch mit Abschlägen, Frau Merkel. Gratulation.
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