Nach TV-Duell: Merkel laut Umfragen Siegerin Überraschung

Martin Schulz tut, was er tun muss: Im TV-Duell greift er an, irritiert die Kanzlerin. Angela Merkel ist oft im Verteidigungsmodus - und kommt in den Umfragen trotzdem besser weg. Ist das Rennen gelaufen?

Angela Merkel (nach dem TV-Duell)
REUTERS

Angela Merkel (nach dem TV-Duell)

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Irgendwo da drinnen ist Angela Merkel. Dutzende Kamerateams und Fotografen drängeln, rempeln, steigen über Stühle, Bodyguards versuchen, den Kern des Pulks abzuschirmen, wo die Kanzlerin mit Parteifreunden anstößt. Eine junge Frau klettert auf einen Hocker, hält eine Pappschale mit Currywurst vor ihr Smartphone, als Vordergrund fürs Merkel-Motiv.

Wie ist es gelaufen? Kein Kommentar für die Journalisten, Merkel und die Masse drücken sich weiter durchs Pressezentrum im Studio G in Berlin-Adlershof.

Jubel von der anderen Seite. Martin Schulz kommt durch einen anderen Eingang in die Halle. Die Horde rennt hinüber. Der SPD-Kanzlerkandidat ist deutlich mitteilsamer als die Amtsinhaberin: Er hat das Gefühl, seine Sache gut gemacht zu haben. Seine Unterstützer fallen ihm um den Hals, dann gibt er Interviews. Nein, er wisse nicht, ob er gewonnen habe, sagt Schulz. "Dafür habe ich kein Gefühl." Aber dass er sich den Millionen Zuschauern als kanzlerhaft präsentiert habe, dessen ist sich der Sozialdemokrat sicher.

So endet es also, das einzige Fernsehduell vor der Wahl. Schulz gegen Merkel, Herausforderer gegen Kanzlerin.

Es war ein munteres Duell, lebendiger als die vergangenen Aufeinandertreffen unter Merkel-Beteiligung. Das lag am SPD-Chef. Schulz wusste, dass er angreifen musste. Und das tat er. Schulz versuchte, die Amtsinhaberin in die Defensive zu drängen, bisweilen gelang ihm das auch.

Die CDU-Chefin musste …

  • ihre Flüchtlingspolitik verteidigen, vor allem gegen Schulz' Vorwurf, sie habe im Herbst 2015 die europäischen Partner nicht eingebunden.
  • in der Türkei-Politik ein Bekenntnis zum Stopp der sogenannten Vorbeitrittshilfen ablegen. Schulz zwang sie durch sein überraschendes Plädoyer für ein Ende der Beitrittsverhandlungen sogar zu der Ankündigung, darüber innerhalb der EU noch einmal zu reden (und zwar mit Verzögerung, das Thema war längst gewechselt).
  • der von Parteifreunden ins Spiel gebrachten Rente mit 70 eine klare Absage erteilen - ein Versprechen, das Schulz mit Verweis auf die Maut hämisch infrage stellte.

Die Schlüsselszenen des TV-Duells im Video:

Reicht das auch, um eine Aufholjagd zu starten? Riesig ist der Abstand in den Umfragen. Und auch nach dem Duell haben die Demoskopen auf den ersten Blick keine wirklich guten Nachrichten für den Sozialdemokraten. Die Zuschauer an den Bildschirmen hätten Merkel überzeugender gefunden, sagen die Meinungsforscher von ARD und ZDF übereinstimmend. Wobei die Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen fürs Zweite Deutsche Fernsehen die Kanzlerin nur knapp vorne sehen.

Selbst bei der CDU ist man überrascht über die Umfragen

Für viele Beobachter in Studio G sind die Ergebnisse der Blitzerhebungen überraschend. Schulz hat sich mehr als ordentlich geschlagen, das ist das vorherrschende Stimmungsbild. Selbst im Unions-Lager können sie am Ende gar nicht so recht glauben, wie das Duell draußen im Land angekommen ist. Bei den Merkel-Unterstützern ist die Stimmung unmittelbar nach der Sendung ziemlich verhalten. Dann kommen die Blitzumfragen, die Merkel vorne sehen. Und plötzlich ist wieder alles gut.

Aber warum hat die CDU-Chefin in den Blitzumfragen überzeugt? Vielleicht, weil Merkel nach zwölf Jahren als Kanzlerin einen immensen Amtsbonus und erst recht einen großen Vertrauensvorschuss genießt. Dass die Kanzlerin - anders als Schulz - oft nicht gleich zum Punkt kommt und sich mitunter in Details verliert, daran hat man sich anscheinend gewöhnt. Wenn Schulz dann die Kanzlerin ab und an angeht, dann nur vorsichtig, als sei das eine Art Majestätsbeleidigung. Willkommen im Reich von Angela I.

Nachteil für Schulz: Seine mitunter ironische Art verfängt bei den Zuschauern womöglich nicht.

Schulz und seine Leute sind dennoch zufrieden

Es sieht also nicht danach aus, als biete das Duell Schulz die Vorlage für den großen Umschwung. Unzufrieden scheint man im Lager des Kandidaten dennoch nicht zu sein: Weil man dort das Gefühl hat, dass Schulz der Kanzlerin tatsächlich einiges abverlangt hat, dass es ein Duell auf Augenhöhe war. Es werde, so die Hoffnung, beim Zuschauer hängen bleiben, dass die SPD einen Kandidaten hat, der es mit Merkel aufnehmen kann. Einen mit Kanzlerformat.

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Angela Merkel vs. Martin Schulz: Dröges Duell

Das Kalkül der Schulz-Leute: Egal, wen die Menschen im Land als Sieger des Duells gesehen haben - für die letzten Wochen des Wahlkampfes hat sich Schulz als eine echte Alternative präsentiert. Immerhin sagen die Demoskopen nach dem Duell, dass die Mehrheit der Befragten Schulz nicht so gut erwartet hätte. Auch wird ihm - mit Abstand - eine größere Bürgernähe bescheinigt.

Wenn es gut läuft, kann Schulz daraus noch etwas machen, den Abstand zur Union zumindest verringern. Aber er ist gewarnt. Das ist nach früheren TV-Duellen auch anderen SPD-Herausforderern gegen Merkel schon gelungen - am Wahltag war davon nichts mehr zu sehen.



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insgesamt 314 Beiträge
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brathbrandt 04.09.2017
1. Die dritte Option: Keiner der beiden
Keiner überzeugte. Trotz milder Fragen. Gut, dass es andere Optionen gibt.
nestor01 04.09.2017
2. Schulz oder Merkel,
diese Alternative ist wie Pest oder Cholera. Ich habe keine Unterschiede gesehen. Beide Krankheiten führen zum Tode.
Blankoscheck 04.09.2017
3. Neutral
Als ganz neutraler Zuschauer - ich wähle keinen von den Beiden - kann ich nur sagen, dass Merkel auf voller Länge versagt hat und Herr Schulz mit einigen positiven Überraschungen aufwarten konnte. Der mal wieder Merkel zugeschriebene Gewinn geht wahrscheinlich auf den Großteil an Zuschauer und Journalisten zurück, die sowieso immer nur schwarz wählen und dem so genannten Duell auch nicht wirklich gefolgt sind. Die Anzahl der Nichtwähler wird auch bei dieser Bundestagswahl überdimensional hoch sein - dank der Medien, die keinen Wechsel wollen.
a.meyer79 04.09.2017
4. Briefwahl
Hab am Freitag meine Briefwahl durchgeführt. Das TV-Duell ist ein weiterer gesellschaftlicher Tiefpunkt. Wer seine Stimme nicht von vier Jahren Politik abhängig macht, sondern von einer 90? minütigen Fernsehsendung sollte evtl. seine Wahlmündigkeit überprüfen. Schön ist auch die Frage der Journalisten, wer das Duell "gewonnen" hätte. Gab es nen Preis? Lieber "Journalismus": Bitte bitte kein USA.
hofmann.oliver 04.09.2017
5. Unglaublich...
... wie der Spiegel das Duell für Schulz schön redet. Selbst in den anschließenden Talk-Runden war keiner überrascht. Die einhellige Meinung war, dass Schulz nicht so recht wollte und immer wieder abprallte. Der Spiegel ist überrascht über das Ergebnis. Da kann man nur sagen: Bild dir deine Meinung!
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